Frauenstimmrecht
Misteli: «Es geht halt alles sehr langsam»

Morgen vor 40 Jahren wurde in der Schweiz das Frauenstimmrecht eingeführt. Die Solothurner Politikerin Marguerite Misteli erinnert sich und erklärt, wo auch heute noch Nachholbedarf besteht.

Andreas Toggweiler
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Marguerite Misteli

Marguerite Misteli

Andreas Toggweiler

Sie waren 1971, als die Schweizer Männer die Einführung des Frauenstimmrechts beschlossen, 26-jährig. Wie haben Sie das damals erlebt?
Marguerite Misteli:
Ich war 1971 gerade in Berlin und habe den Abstimmungskampf nur am Rande verfolgt. Meine Berliner Freunde lachten mich aus, als sie davon erfuhren. Sie konnten es fast nicht glauben. In den meisten europäischen Ländern hatten die Frauen seit Jahrzehnten bereits das Stimmrecht.

Sie sind dann schon bald in die Politik eingestiegen. Wurden Sie ernst genommen?Am Anfang nicht immer. Ich war nicht nur eine Frau, sondern politisierte für die Poch. Das war doppelt provokativ. Meine Ausbildung als Architektin ETH hat aber dazu beigetragen, dass man mich wohl doch ernster nahm als andere Frauen. Die meisten Parteien hatten nämlich sofort Frauen ins Parlament entsandt. Ich erinnere mich allerdings, dass diese im Solothurner Gemeinderat kaum etwas sagten - im Gegensatz zu mir (lacht).

Auch 40 Jahre nach Einführung des Frauenstimmrechtes sind die Frauen immer noch krass in der Minderzahl in der Politik, obwohl sie die Mehrheit der Bevölkerung sind. Woran liegt das?
Es geht halt alles sehr, sehr langsam, besonders in der Schweiz. Gesellschaftliche Entwicklungen brauchen - ganz im Gegensatz zu technologischen - sehr viel Zeit. Der Mensch ist ein Wesen, das sich in Generationen verändert, nicht in Jahren. In den Köpfen vieler Leute ist die Frau immer noch fürs Familiäre zuständig, der Mann fürs Geldverdienen. Und obwohl dies in der Realität so nicht mehr stimmt, beginnt dort das Problem für Frauen, die politisieren möchten.

Inwiefern?
Doppelbelastungen mit Beruf und Politik sind zwar auch schon ein Problem. Aber sobald Kinder kommen, geht es nicht mehr. In den allermeisten Fällen reduzieren dann die Frauen ihr Engagement. Sei dies beruflich oder in der Politik. Den meisten Männern käme das nach wie vor nie in den Sinn.

Weil es einen Karriereknick bedeutet. Und sie haben auch keinen Vaterschaftsurlaub.Genau! Warum aber soll der Karriereknick immer bei den Frauen erfolgen? Wenn wir mehr Frauen in der Politik möchten, geht es nicht ohne Entlastung. Haushalt- und Familienarbeit müssen gleichmässig aufgeteilt werden. Es braucht zusätzlich familienexterne Betreuungsangebote. Vorher werden wir kaum über die 30-Prozent-Marke kommen.Im Nationalrat sind es immerhin schon 29 Prozent. Seit Jahren pendeln wir unter dieser Marke. Anhaltender politischer Einfluss beginnt erst über der 30-Prozent-Marke.
Was halten Sie von Frauenquoten?
Sehr viel. Es wäre ein effizientes Mittel, um die Frauen zu stärken, denn freiwillig geht es eben sehr langsam.

Aber politisch ist der Widerstand dagegen immer noch gross . . .
Seltsamerweise, ja. Wo wir doch in der Schweiz von Quoten geradezu durchtränkt sind. Überall wird auf angemessene Vertretung von Landesteilen und Sprachminderheiten etc. geachtet. Nur bei den Frauen soll dies nicht gehen. Im Ausland gibt es schon in der Politik und Wirtschaft Quoten: Ich denke an Verwaltungsrätinnen in Norwegen, wo zuerst auch viele Bedenken bestanden. Jetzt ist es dort normal. Und wenn in Deutschland sogar die CDU beginnt, von Frauenquoten zu sprechen, kann doch das in der Schweiz beileibe kein Tabu bleiben.

Gibt es eigentlich weibliche Politik oder ist das nur ein Klischee?
Ich denke schon, dass es eine weibliche Sicht auf die Dinge gibt, die sich von der männlichen unterscheidet. Das ist aber nicht biologisch bedingt, sondern sozial, bzw. gesellschaftlich. Die Bedürfnisse von Frauen und Männern können unterschiedlich sein. Dies ist auch kein Problem, solange sie nicht zu Diskriminierung führen.

Kämpfen Sie auch gegen AKWs, weil Frauen der Grosstechnologie abgeneigt sind und eher «sanfte» Technologien bevorzugen?
(Überlegt) - Das ist möglicherweise schon so. Doch gibt es genug harte Fakten, die den Abschied von dieser Technologie nahelegen. Zudem sind Grosstechnologien immer monopolistisch, schaffen Abhängigkeiten und sind korruptionsanfällig. Mit den Solarfrauen und der IG 2000-Watt-Region Solothurn setze ich mich für erneuerbare, dezentrale Energien ein.

Es ist eine Tatsache, dass sich viele junge Frauen nicht für Politik interessieren. Haben sie nicht die richtigen Vorbilder?
Das glaube ich nicht. Es gibt viele aktive und ehemalige Politikerinnen, die gute Vorbilder sind, es auch schon für mich waren. Aber ich denke, die Schulbildung könnte noch gezielter so gestaltet werden, dass auch Interessen von jungen Frauen geweckt werden. Natürlich hat auch das Elternhaus seinen Beitrag zu leisten. Ich selber hatte das Glück, dass ich mich gegen meine drei Brüder durchzusetzen lernte. Das half mir später auch in der Politik.

Was raten Sie einer jungen Frau, die in die Politik einsteigen möchte?
Sie soll sich einer politischen Gruppierung anschliessen, die einen grossen Frauenanteil hat - und im privaten Bereich einen Partner wählen, der mitzieht.