Biberist
«Mich berührt das Schicksal der 550 Mitarbeiter»

Der ehemalige Chef der Papierfabrik Biberist, Jürg Müller, analysiert die Lage des Werks nach der Schliessungsankündigung. Er zeigt zwei mögliche Szenarien auf.

Jürg Müller*
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Die Papierfabrik Biberist würde nächstes Jahr 150-jährig. Jetzt soll sie geschlossen werden.

Die Papierfabrik Biberist würde nächstes Jahr 150-jährig. Jetzt soll sie geschlossen werden.

Solothurner Zeitung

Vor einigen Jahren wurde in der Nähe von Zürich ein Industriewerk geschlossen. Der Konzern, mit Werken in verschiedenen Ländern, begründete die Schliessung mit der Überkapazität auf den europäischen Märkten und der mangelnden Rentabilität des Werkes in der Schweiz. Mehr als 900 Personen verloren ihre Arbeit.

Durch einen Zufall erfuhr die Öffentlichkeit nach der Schliessung, dass das schweizerische Werk trotz anderslautenden Aussagen offensichtlich das rentabelste Werk des Konzerns war. Warum denn die Schliessung? Nach langen Diskussionen blieben zwei Erklärungen: Einmal war der schweizerische Markt viel zu klein, und das Werk war zum Export verdammt. Zum Zweiten beurteilte der Konzern den Arbeitnehmerschutz im schweizerischen Arbeitsrecht (Massenentlassungen, fehlende Sozialplanpflicht) als deutlich schwächer als in allen andern Ländern, und man nahm an, dass sich der Widerstand der Politik gegen eine Schliessung in Grenzen halten würde.

An diese Geschichte habe ich mich erinnert, als ich von der drohenden Schliessung der Papierfabrik Biberist erfuhr. Und erinnert habe ich mich auch an die Geschichte der Kartonfabrik Deisswil.

Nur die halbe Wahrheit

Der Vertreter von Sappi hat am Radio ausgesagt, Biberist hätte einen guten Job gemacht, nur reiche dies eben nicht. Das ist nur die halbe Wahrheit. Biberist war in letzter Zeit zu 75% ausgelastet, die Überkapazität betrug in der gleichen Zeitspanne jedoch höchstens 10%. Biberist war dummerweise auf die Zuteilung der Produktionsmenge aus der Sappi-Zentrale angewiesen. Man nennt diese Art der Planung «Aushungern eines Werkes» mit dem unangenehmen Nebeneffekt, dass die Fixkosten pro produzierte Tonne ins Unermessliche steigen und die besser ausgelasteten Werke einen Rentabilitätsvorsprung erlangen.

Überhaupt hat Sappi gleich nach dem Kauf Biberist von allen unternehmerischen Funktionen entblösst und lediglich eine Produktion in Biberist erlaubt. Das ist - strategisch gesehen - die cleverste Vorbereitung einer Schliessung, denn damit wird ein Verkauf an einen strategischen Investor praktisch verunmöglicht. Der arme Kerl muss ja zuerst Akquisition, Verkauf und Supply Chain aufbauen.

Ich werde mit den Verantwortlichen der Sappi in keinen Streit der Argumente eintreten. Die Überkapazität in Europa ist eine Tatsache; dass Biberist nicht integriert ist (d.h. keine eigene Produktion von Zellstoff hat), sieht jeder Spaziergänger; dass der Absatzmarkt Schweiz viel kleiner ist als die Kapazität der Papierfabrik, kann man im Internet nachlesen. Und schliesslich ist auch der hohe Frankenkurs täglich dokumentiert.

Kein Klagelied

Ich werde kein Klagelied über das Ende eines 150-jährigen Unternehmens anstimmen und den gebeutelten Kanton Solothurn bemitleiden. Das sind Dinge, die eben geschehen – und wer zum Kapitalismus und zur freien Marktwirtschaft ja sagt, muss halt auch die Konsequenzen tragen. Ich werde mich auch hüten, Schuldige in der Politik oder in der Führung der Papierfabrik zu suchen. Das überlasse ich professionellen Nachjassern, die im Nachhinein immer alles besser wissen. Im Übrigen hat sich die Politik in der Schweiz an Gesetze und Reglemente zu halten, und die sind nun mal sehr liberal. Und die Geschäftsleitung der Papierfabrik hatte nach 2008 weder strategisch noch operativ eine andere Funktion als die einer Befehlsempfängerin. Alle Entscheide wurden in der Sappi-Zentrale gefällt.

Das Einzige, was mich momentan berührt, ist das Schicksal der 550 Mitarbeiter. Man möchte helfen, aber Solidaritätsbezeugungen sind in der Regel eher billige Erzeugnisse mit einer Halbwertszeit von Tagen. Ich schreibe deshalb einen offenen Brief an die Mitarbeiter und gebe ihnen einige Tipps bezüglich des weiteren Vorgehens.

*Jürg Müller war von 1991 bis 2004 Generaldirektor der Papierfabrik Biberist.