Amtsgericht
Messerstecher wird künftig in Freiheit therapiert

Im Eifersuchtswahn stach ein damals 24-Jähriger auf seinen Nebenbuhler ein. Fünf Jahre später mussten die Richter entscheiden, ob der Täter gefährlich ist oder in die Freiheit entlassen werden kann.

julia Egenter
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In dieser Garage stach der Täter auf sein Opfer ein. ck In dieser Garage stach der Täter auf sein Opfer ein. ck

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Solothurner Zeitung

Seit mehr als fünf Jahren ist Oliver D.* nun bereits im Gefängnis. Nächsten Sommer soll er entlassen werden – und wenn es nach ihm ginge, wäre das keine Frage: «Ich will jetzt endlich etwas für meine Zukunft tun, sonst ist der Zug bald abgefahren.» Ob Oliver D. bereit ist für den Schritt zurück ins zivile Leben, darüber entschied das Amtsgericht Bucheggberg-Wasseramt diesen Donnerstag.

Rückblende: Im Sommer 2005 stach Oliver D. in einer Garage in Obergerlafingen auf seinen Nebenbuhler ein. Dieser war wenige Tage zuvor eine Beziehung mit der Ex-Freundin von D. eingegangen. Mit einem Klappmesser fügte D. seinem Opfer lebensgefährliche Stichwunden an Oberkörper und Hals zu. Das Amtsgericht verurteilte ihn im Mai 2007 zu sechs Jahren Haft und stationärer Behandlung: wegen versuchter vorsätzlicher Tötung und Nötigung. Anfang 2009 wandelte das Solothurner Obergericht die stationäre Behandlung in eine ambulante Therapie um. Über fünf Jahre nach seiner Tat stand Oliver D. nun wieder vor Amtsgericht. 2007 war es um die Tat gegangen. «Heute geht es um die Zukunft», sagte Amtsgerichtspräsident Stefan Altermatt. Denn der Straf- und Massnahmenvollzug stellte den Antrag, statt der Entlassung wiederum eine stationäre Massnahme für Oliver D. anzuordnen.

Wiedersehen mit dem Opfer

Ganz in Schwarz gekleidet sass er da, das lange Haar locker nach hinten gestrichen. Die Hände verschränkt, die Schultern etwas eingefallen, seine Augen leicht gerändert. Seit 2008 befand sich Oliver D. in ambulanter psychotherapeutischer Behandlung in der Strafanstalt Witzwil. «Da hiess es, ich könne wohl bald raus.» Doch im November 2009 wurde er zu seiner Überraschung nach Solothurn ins Untersuchungsgefängnis verlegt. Heute ist er in der Strafanstalt Thorberg inhaftiert.

Vor diesen Verlegungen gab es Aufruhr: Während eines Hafturlaubs im Februar 2010 ging Oliver D. an ein Konzert – und traf dort sein Opfer. Zufällig, wie er selber sagt. Oliver D. verhielt sich laut Eveline Roos, seiner Rechtsanwältin, korrekt und ging seinem einstigen Nebenbuhler aus dem Weg. Das Aufeinandertreffen wurde jedoch gegen ihn verwendet: Das Opfer war der Meinung, es sei Absicht gewesen. Drei Monate Urlaubssperre waren die Folge. Einige Monate danach verdächtigte man ihn des Kokainmissbrauchs. Ebenfalls ein falscher Vorwurf, sagt Oliver D. «Ich habe während der ganzen Zeit im Gefängnis keinen Alkohol und keine Drogen konsumiert», beteuerte er. Cannabis hingegen habe er lange geraucht. Und dennoch: «Aus meiner Sicht habe ich meine Leistung immer gebracht.» Er habe sich auch um eine Ausbildung als Forstwart bemüht. Oliver D. will raus: Beruf, Wohnung, ein eigenes Leben. «Die Unabhängigkeit ist ihm sehr wichtig», betonte auch seine Therapeutin Claudine Marret. Ohne Betreuung erachte sie einen Wiedereinstieg in die Gesellschaft indes als schwierig. «Er braucht zu Beginn Begleitung und Führungshilfe.» Die Motivation für weitere ambulante Therapie sei bei ihrem Patienten gross.

Und diese scheint auch notwendig: Oliver D. leidet an einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung. Ungefähr fünf bis sieben Jahre dauert die Behandlung. «Bei Oliver D. sind heute noch Baustellen vorhanden», so Marret. Deshalb sei die Weiterführung einer ambulanten Massnahme während drei bis vier Jahren von Vorteil. Aber reicht dies auch?

Risiko kann gebannt werden

Der Straf- und Massnahmenvollzug glaubt nicht daran – deshalb der Antrag auf Anordnung der stationären Behandlung. Nur dann wäre gewährleistet, dass keine Gefahr von Oliver D. ausgeht. Rechtsanwältin Roos hingegen: «Nur eine anhaltende schwere Gefährdung der öffentlichen Sicherheit durch Oliver D. würde die Sanktionsänderung rechtfertigen.» Eine solche sei nicht gegeben und einem Rückfallrisiko könne durch Unterstützung entgegengewirkt werden.

Schliesslich entschied das Gericht zugunsten von D. und lehnte die Anordnung einer stationären Behandlung ab. Oliver D. wird somit nächstes Jahr entlassen.

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