Chris von Rohr
«Meh Dräck»-Rocker: Lieblings-Songs verraten die Identität

Am Sonntag gibt der Solothurner Rocker sein Debüt als Profiler in «Tonspur» auf SF 1. Die insgesamt zehn halbstündigen Folgen werden auf dem Sendeplatz von «Stars» auf SF 1 ausgestrahlt.

Elisabeth Seifert
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Solothurner Zeitung

So ganz will sich der populäre Schweizer Rockmusiker mit Solothurner Wurzeln offenbar doch (noch) nicht vom Fernsehen verabschieden. Eigentlich stand für Chris von Rohr nach seinem Auftritt als Juror in der Castingshow «MusicStar» nämlich fest, nicht mehr an den Bildschirm zurückzukehren. Das aber ist Vergangenheit. Ab morgen Sonntag ist der telegene «Meh-Dräck-Prediger» einmal wöchentlich als einer von drei Profilern in der zweiten Staffel von «Tonspur» zu sehen.

Die insgesamt zehn halbstündigen Folgen werden auf dem Sendeplatz von «Stars» auf SF 1 ausgestrahlt. Im Herbst ist «Tonspur» auch im österreichischen Fernsehen ORF und beim Sender 3sat Schweiz, der das Format produziert hat, programmiert. «Die Sendung ist wie auf mich zugeschnitten», erläutert Chris von Rohr seinen Gesinnungswandel. Im Unterschied zu «MusicStar» sei «Tonspur» keine «oberflächliche», abendfüllende Unterhaltungssendung, sondern vielmehr «etwas Kleines und Edles». Abgedreht worden sind die zehn Folgen von März bis Mai dieses Jahres.

Modern Talking ist ein «No-go»

Ausgangspunkt für jede Sendung ist eine Liste von ungefähr acht Musiktiteln, die ein prominenter Gast zusammengestellt hat. Die ausgewählten Songs sollen möglichst treffend dessen Gefühlswelt und Geschichten in unterschiedlichen Lebensabschnitten wiedergeben. Aufgabe von Chris von Rohr und seinen beiden Co-Profilern, dem Berliner Pop-Professor Tim Renner sowie der Basler Soulsängerin Nubya, ist es jeweils, aufgrund dieser «Playlist» der Identität des oder der unbekannten Bekannten auf die Spur zu kommen.

«Ich liebe nichts so sehr wie Songs», bekennt Bassist Chris von Rohr, der seit je an vielen Kompositionen von Krokus und Gotthard beteiligt ist. Und sein Credo lautet: «Nichts ist so stark wie ein starker Song.» Eine Botschaft, die er als Produzent und musikalischer Coach auch musikalischen Jungtalenten weitergeben will. Nicht erst seit den Aufnahmen zu «Tonspur» ist der Song-Freak zudem fasziniert davon, welche Menschen sich für welche Songs begeistern. Ohne den «Songpolizisten» geben zu wollen («jeder soll hören, was er will»), fällt sein persönliches Urteil über gewisse Musiker und Stilrichtungen – und auch deren Liebhaber – umso dezidierter aus.

Ein «No-go» wäre es zum Beispiel, wenn sich seine Freundin für Modern Talking, das deutsche Pop-Musik-Duo Thomas Anders und Dieter Bohlen, erwärmen würde. Eine «seelenlose, auf dem Reissbrett entworfene Musik», so der Rocker, der mit den Rolling Stones, den Beatles und Bob Dylan gross geworden ist. Und: Auch eine Vorliebe für Schlagermusik à la «Der Himmel ist blau und die Felder sind grün» lasse nicht gerade auf einen «spannenden und tiefen Menschen» schliessen.

Joschka top – Abonji ein Flop

Seine volle Anerkennung unter den eingereichten Musik-Listen der prominenten Gäste geniessen jene des deutschen Politikers Joschka Fischer und jene von Endo Anaconda, Sänger der Berner Mundart-Band Stiller Has. «Ein lustvoller Mix aus Rock, Pop und Blues, zusammengestellt von interessanten, lustvollen Menschen.»

Wenig anfangen kann er indes mit dem «schrägen und verkopften» Musikgeschmack des deutschen Publizisten und Fernsehmoderators Roger Willemsen, den er als Person und Autor als «sehr gescheit, witzig und schlagfertig» beschreibt. «Schwer verdaulich und depro» sei auch die «Playlist» der ungarisch-schweizerischen Schriftstellerin sowie mehrfachen Preisträgerin Melinda Nadj Abonji. Solche Urteile hin oder her, seiner Aufgabe als Profiler scheint von Rohr gerecht zu werden. «Meine Trefferquote liegt bei 80 Prozent.» Seinen Spürsinn hat er dabei nicht nur bei jenen Prominenten unter Beweis gestellt, deren Musikgeschmack er teilt. Besonders stolz ist er darauf, dass er die zu zwei Drittel mit «völlig unbekannten» Songs bestückte Liste von Melinda Nadj Abonji geknackt bzw. die Frau hinter der «Playlist» identifiziert hat.

«Der König der Metapher»

Zu seinen eigenen, das Leben prägenden «Keysongs» zählt Chris von Rohr unter anderem «Satisfaction» der Stones. «Das war damals Mitte der 60er-Jahre nicht nur ein Überhammersong, sondern ein Weltbild, wir hatten alle genug von der ‹schaffe, schaffe, Häusle bauä› grauen lustlosen sich nützlich machenden Gesellschaft.» Solche Welthits, die sich gleich einem «Wake-up Call» gegen die Kommerzialisierung der Gesellschaft auflehnen, gebe es heute nicht mehr. «Aus allen Radios tönt die gleiche belanglose Popcorn-Musik, in der sich ein unverbindlicher und verantwortungsloser Zeitgeist spiegelt.» Eine Ausnahme macht der 59-Jährige. Leuchtturm in der Dunkelheit ist aber nicht ein junges Talent, sondern Bob Dylan, der wohl erfolgreichste Musiker des 20. Jahrhunderts. «Er hat in den 1990er-Jahren ein unglaubliches Alterswerk voller Poesie geschaffen. Atemberaubend seine Treffsicherheit in der Beobachtung.» Sollte er, Chris von Rohr, irgendwann mal allein auf einer Insel stranden: «Auf Bob Dylan, den König der Metapher, könnte ich nicht verzichten.»

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