Solothurn
«Man darf im Leben einfach nie aufgeben»

Julia Aeschlimann (79) aus Kestenholz leidet seit 53 Jahren an Polyarthritis. Mit bewundernswerter Zuversicht meistert die Kestenhölzerin ihr Schicksal und freut sich über die schönen, überraschenden Dinge in ihrem Leben.

Fränzi Rütti-Saner
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Julia Aeschlimann sitzt auf ihrem neuen Balkon in Kestenholz. Trotz schwerer Polyarthritis ist sie lebensfroh.

Julia Aeschlimann sitzt auf ihrem neuen Balkon in Kestenholz. Trotz schwerer Polyarthritis ist sie lebensfroh.

Solothurner Zeitung

Ein modernes, neues Haus hoch über Kestenholz. Herrlich ist der Rundblick Richtung Oensingen, zur Klus oder Richtung Osten dem Berggäu entlang. Julia Aeschlimann ist zufrieden.

Seit eineinhalb Jahren wohnt sie in diesem neuen 3-Zimmer-Domizil, gebaut von ihrem Sohn Toni, der nebenan mit seiner Familie lebt. Auch wenn alles neu ist, wohnt sie schon lange an diesem Ort, auf ihrem Grundstück, auf welchem sie mit ihrem Mann selbst ein Häuschen gebaut hat und wo ihre zwei Kinder geboren und aufgewachsen sind.

Seit 53 Jahren mit Schmerzen

Die fröhliche, aufgestellte Frau verbirgt geschickt, dass sie seit 53 Jahren mit grossen Schmerzen lebt. Steht sie aber auf und beginnt sich zu bewegen, kann man schon erkennen, dass sie Probleme mit ihren Gelenken hat, und ein Blick auf ihre Hände zeigt: Polyarthritis.

«Die Krankheit ist während der Schwangerschaft mit meinem zweiten Kind ausgebrochen», erzählt sie. 26 Jahre alt war sie damals und seit zwei Jahren mit ihrer grossen Liebe Sepp verheiratet. In allen Gelenken habe sie damals grosse Schmerzen gehabt. «Es ging fast gar nichts mehr. Ich brauchte Hilfe von meinem Mann, den Verwandten und Nachbarn. Beim Kochen, beim Putzen, bei allem. So etwas wie Spitex gab es ja damals noch nicht.»

Viel Cortison

Unmöglich sei es ihr damals gewesen, ihre kleinen Kinder ins Bett zu legen oder aufzunehmen. Nach Zürich in die Rheumaklinik sei sie gefahren auf der Suche nach Linderung und zunächst einmal einer Diagnose. «Das Allerheilmittel war Cortison damals», erzählt sie, das habe ihr auch wirklich geholfen. Doch die Familie wünschte sich ein drittes Kind, und tatsächlich wurde sie auch schwanger.

«Ich sehe meinen Hausarzt noch heute vor mir, wie er mich kummervoll ansah, als ich ihm meine Schwangerschaft beichtete. Leider verlor ich dann dieses Kind, und wahrscheinlich war es besser so. Es hätte sicher Schäden von den Medikamenten gehabt.»

Julia Aeschlimann ist sicher, dass zum Ausbruch ihrer Krankheit ihre Arbeit in Murgenthal als junges Mädchen beigetragen hat. «Ich wollte nach der Schule eigentlich Damenschneiderin werden. Doch ein Bekannter meines Vaters meinte, ich solle erst einmal in einer Fabrik arbeiten. Dort musste ich neu genähte Unterwäsche kontrollieren. Neun Jahre lang fuhr die junge Frau täglich von Wolfwil mit dem Velo nach Murgenthal. «Damals trugen wir immer Röcke. Auch bei Wind und Wetter. Und oft musste ich dann den ganzen Arbeitstag in den nassen Kleidern verbringen. Das hat sicher zum Ausbruch der Krankheit beigetragen.»

Mit 24 unter der Haube

Mit 24 Jahren konnte sie dann endlich ihre grosse Liebe heiraten, den Kestenholzer Sepp Aeschlimann. «Wir waren keinen Tag getrennt, und er hat mir sehr viel abgenommen und geholfen. Als ein Arzt einmal meinte, wir sollten doch ins Tessin ziehen, das Klima wäre besser für mich, haben wir beide nur noch geweint.»

Vor 37 Jahren ist Sepp gestorben, und auch heute noch treibt es Julia Aeschlimann die Tränen in die Augen, wenn sie von ihm spricht. «Er war ein guter Mann, und ich spüre seine Liebe noch heute», sagt sie.

Umso schwerer war es dann für sie und ihre beiden Kinder, von einem Tag auf den anderen ohne Ehemann und Vater zu sein. «Meine Kinder mussten eben früh selbstständig werden und auch im Haushalt helfen. Mehrfach sei sie zur Kur gefahren, nach Davos oder Montana, immer mal wieder – besonders nach Operationen – zum Baden nach Rheinfelden, Bad Schinznach oder Bad Ramsach. «Ein Jahr nach dem Tod meines Mannes hatte ich den grössten Schub», erinnert sich Julia Aeschlimann an die schwerste Zeit ihres Lebens zurück.

Ohne Medis könnte sie nicht leben

Sie ist aber – bei allen Schmerzen – eine positiv denkende Frau. «Ich gehe immer mal wieder zur Rückenmassage und mache meine täglichen Übungen.» Operiert wurden ihre beiden Kniegelenke, eine Hüfte, und die Ablagerungen in beiden Händen wurden operativ abgetragen.

Zudem muss sie täglich einen Cocktail von Medikamenten zu sich nehmen. «Medikamente, die den Krankheitsverlauf hemmen, solche gegen Osteoporose, gegen Bluthochdruck, Blutverdünner, gegen die Nebenwirkungen der anderen Medikamente und natürlich Schmerzmittel. Bis zu acht verschiedene Präparate nimmt sie täglich zu sich. «Ohne Medikamente könnte ich nicht leben. Bei den Schmerzmitteln ist es wichtig, sie auch schon vor den Schmerzen zu nehmen.»

Julia Aeschlimann steht zudem eine Reihe von Hilfsmitteln im Alltag zur Verfügung. Einen Teil hat sie selbst kreiert, andere hat sie gekauft. Sie kämmt sich mit einem Kamm, der an einen halben hölzernen Kleiderbügel befestigt ist. Mit dieser Verlängerung, die erst noch gebogen ist, erreicht sie auch die Haare am Hinterkopf.

Zum Öffnen von Flaschen oder Konfitüren-Gläsern hat sie verschiedene Aufsätze oder elektrische Geräte. «Dann achte ich natürlich auch darauf, dass ich ‹gäbige› Kleidung trage. Shirts, die aus weichen Stoffen geschneidert sind. Und wenn sie geknöpft sind, nur vorne. Man lernt halt im Lauf des Lebens, was sinnvoll ist und was geht und was nicht. Eitelkeit ist da fehl am Platz.»

Wichtig sei einfach, beim Leben mit der Krankheit nie aufzugeben, sagt Julia Aeschlimann, «und mit den Medikamenten gut eingestellt zu sein». Sie freut sich immer wieder am Schönen und Überraschenden, das ihr das Leben bietet.