Recht lange blieb der Kanton Solothurn ein Agrarkanton. Eine Erklärung dafür stammt von Urs Peter Strohmeier, der in seinem Reiseführer aus dem Jahr 1836 beschreibt: «Die Wissenschaft konnte im Kanton Solothurn nicht gedeihen, waren doch Klöster und Stifte nie grosse Verehrer derselben.»

Dennoch stellte sich in den Jahren zwischen 1831 und 1914 vermehrt kulturelles Leben auf dem Land ein. Allen voran waren es die wirtschaftlich erfolgreichen Träger des Aufschwungs, freisinnige Bürger, die auch politisch siegreich gegenüber dem Aristokratentum auftraten, die sich für die kulturellen Aspekte des Lebens zu interessieren begannen und diese förderten.

Viele dieser Bürger, vor allem in den Städten Solothurn und Olten, gründeten mehrere Bildungsvereine. Ein starker Patriotismus für den neu gegründeten Staat war Mode geworden. Man wollte diesen unterstützen, indem man wissenschaftliche, kulturelle und künstlerische Tätigkeiten im Dienst des neuen Gemeinwesens förderte. Gleichzeitig setzten sich mit der zunehmenden Industrialisierung auch die Arbeiter vermehrt in kulturell geprägten Gemeinschaften zusammen. Es entstanden Arbeiterfreizeitvereine. Hier waren auch schon klassenkämpferische Aspekte auszumachen.

Weg vom Aristokratischen

Ab 1820 fanden wichtige Vereinsgründungen statt, überdurchschnittlich viele gemessen am Mittel der Schweiz, besonders in Olten. Dies bewies die Ablösung vom französisch-aristokratisch geprägten Kulturverständnis hin zu einem deutsch-bürgerlichen. Unter den Vereinsgründungen sind wissenschaftlich orientierte Vereine zu finden, wie die Naturforschende Gesellschaft (1823) oder die Töpfergesellschaft (1857) in der Hauptstadt. Besonders populär waren die Gründungen von Gesangsvereinen, Lesegesellschaften, Schützen-, Musik- und Militärvereinen und später der Kunstvereine. Diese sind als (Vor-) Kämpfer der liberalen Bewegung zu betrachten. Vielfach waren diese kulturell tätigen Organisationen nichts anderes als getarnte politische Vereinigungen.

Auf dem Land hatten die Vereine noch einen anderen Zweck. Hier sorgten sie dafür, dass den aufkommenden kulturellen Bestrebungen feste organisatorische Strukturen gegeben wurden und diese so über die Generationen hinweg überleben konnten.

Auf dem Land sorgten vorwiegend die Pfarrherren dafür, dass es zu Vereinsgründungen mit katholisch-konservativer Prägung kam, während viele von der Kanzel herab gegen die Jungburschenschaften wetterten, die ab 1912 vermehrt gegründet werden. Auch Frauen machten hier mit, so dass in einer Zeitung darüber zu lesen war: «Hier findet man alles, was wurmstichig ist in puncto Religion und Sittlichkeit.» Doch die Zeit liess sich nicht mehr zurückdrehen, und man begann auch, Vereine zu gründen, die sich für den Erhalt der schönen Landschaft einsetzten. Verschönerungsvereine errichteten Promenaden, Pärke und Denkmäler. Subsidiär wurde auch der Staat kulturpolitisch tätig. Dies aber nicht unbedingt freiwillig, sondern eher aus einer Notwendigkeit, denn er musste zunehmend für die von Kirchen und Klöstern zusammengetragenen Bibliotheken aufkommen. Ab 1880 zahlte der Kanton in einen Fonds zugunsten eines Schlachtendenkmals in Dornach ein. Dies kann als erste Kulturfördermassnahme des Staates Solothurn angesehen werden.

Kultur begann zu blühen

Man löste sich nicht nur geistig und gesellschaftlich von herkömmlichen Strukturen, sondern schaute auch über die Kantons- und Landesgrenzen hinaus und man wollte auch in der heimischen Hauptstadt Konzerte, Kunst und Theater geniessen können. 1900 wurde deshalb der Konzertsaal in Solothurn gebaut, 1902 entstand der Museumsbau in Solothurn. Die Oltner konnten ihren Konzertsaal 1887 und 1910 den Theatersaal einweihen. In Solothurn entstand ab 1895 ein eigenes Theater-Ensemble, jedoch war man immer mit Kooperationsstädten verbunden.

Solothurn war schon damals ein Zentrum der Schweizer Literatur. Beliebt waren die Volksschriftsteller Joseph Joachim und Bernhard Wyss, beide aus dem Gäu. Ab 1838 erschien der «Schweizerische Bilderkalender», besser bekannt unter dem volkstümlichen Namen «Disteli-Kalender». Der Solothurner Alfred Hartmann gab den «Postheiri» heraus, den Vorläufer des späteren «Nebelspalters», und auch Jeremias Gotthelf liess seine ersten Werke beim Solothurner Verleger Jent und Gassmann erscheinen. Wichtige bildende Künstler waren der Feldbrunner Frank Buchser und der Wolfwiler Richard Kissling, der das Tellen-Denkmal in Altdorf schuf. Die neue Zeit sorgte 1830 dafür, dass ein Grossteil der Solothurner Schanzen abgebrochen wurde, doch schon 1836 besann man sich und beschloss, das Schönste aus der Vergangenheit zu bewahren.

Geschichte des Kantons Solothurn 1831–1914, Band 4.2. Bestellungen unter www.lehrmittel-ch.ch