Familien-Interviews
«Leistungsträger sind aufmüpfige Menschen»

Gespräch mit dem Sohn: Simon Nützi über seine Motivation zum Training – und wie er Durchhänger überwindet.

Beat Nützi
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Aargauer Zeitung

Beat und Simon Nützi, Vater und Sohn, treffen sich im Regionalen Leistungszentrum für Kunstturner in Solothurn. Es riecht nach Magnesium und Schweiss. Beide kennen diesen Ort: der Vater als ehrenamtlicher Präsident der Hallenbetriebskommission, der Sohn als hoffnungsvoller Kunstturner, der soeben den Sprung ins Nationalkader geschafft hat. «Also, lass los!», fordert Simon seinen Vater zum Interview auf.

2010 war ein bedeutendes Jahr für dich: Matura bestanden, Teilnahme an Weltmeisterschaften, Schweizer Meister im Bodenturnen, Aufnahme ins Nationalkader, 20. Geburtstag. Was davon war für dich am wichtigsten?

Simon Nützi: Mir war alles wichtig. Im ersten Halbjahr hatte die Schule Priorität. Denn ich wollte die Maturität unbedingt mit Erfolg abschliessen. Jetzt habe ich den Schlüssel, der mir die Türen in die Hochschulen öffnet, im Sack. Im zweiten Halbjahr setzte ich dann voll auf den Sport. Denn heuer wollte ich den Sprung ins Nationalkader schaffen, schliesslich habe ich seit meinem sechsten Altersjahr, also rund 14 Jahre, auf dieses Ziel hingearbeitet. Und ich freue mich riesig, dass ich dieses Ziel nun erreicht habe. Zuvor konnte ich in Rotterdam bereits ein erstes Mal als Ersatzturner WM-Luft schnuppern.

Magst du dich erinnern, wie du zum Kunstturnen gekommen bist?

Da wir unmittelbar neben dem Fussballplatz wohnen, kam ich zuerst mit diesem Mannschaftssport in Kontakt. Ich wechselte dann zum Kunstturnen, weil ich durch die Kunst- und Geräteturnriege Wolfwil auf diese Sportart aufmerksam wurde. Der zuständige Riegenleiter, Urs Nützi, der heute auch als Präsident der Kunstturnervereinigung des Kantons Solothurn tätig ist, hat mich schliesslich als Talent entdeckt.

Du hast neben der Schule wöchentlich bis zu 30 Stunden trainiert. Wie schafft man als junger Mensch ein solches Pensum?

Ausschlaggebend war für mich, dass ich von allen Seiten Unterstützung zu spüren bekam: von euch als Eltern, von meinen Geschwistern und meinen Freunden. Wenn ich denke, wie oft mich vor allem Mutter, aber auch du ins Training nach Solothurn führten oder an Wettkämpfe in der ganzen Schweiz begleiteten, erfüllt mich das heute mit grosser Dankbarkeit. Es war für mich auch deshalb immer eine Verpflichtung, das Beste zu geben. Der Erfolg war immer mein Antrieb. Und daran haben vor allem auch meine Trainer, die mich auf allen Ebenen immer optimal förderten und forderten, grossen Anteil. Wichtig war ebenfalls, dass an der Kantonsschule Solothurn die Sportklasse, an der man für die Erlangung der Maturität fünf statt vier Jahre zur Verfügung hat, geschaffen wurde. Ohne diese Entlastung wäre es mir nicht möglich gewesen, Training und Schule zu verbinden. Deshalb bin ich ebenfalls dem Kanton Solothurn, der mir vor einem Jahr auch einen Sportförderpreis verliehen hat, dankbar.

Wie und wo findest du Ausgleich zum Training?

Beim Relaxen zu Hause und im Ausgang mit Kollegen sowie bei meiner Freundin Jasmina.

Hast du eigentlich nie mit dem Gedanken gespielt, aufzugeben?

Vor rund 5 Jahren spielte ich einmal mit diesem Gedanken, den ich nach einem Trainerwechsel wieder fallen liess. Sonst habe ich mir diese Frage nie ernsthaft gestellt. Ab und zu hatte ich schon Durchhänger. Doch die waren eigentlich nie von langer Dauer. Familie, Freunde und Trainer verstanden es immer wieder, mich aufzurichten. Und natürlich auch meine Freundin Jasmina.

Wo liegt denn eigentlich die Motivation, um sich jährlich gegen 1500 Stunden abzuschinden in einer Sportart, in der nicht viel Geld zu verdienen ist?

Ich hatte nie das Ziel, Sport zu betreiben, um viel Geld zu verdienen. Bei mir stehen die sportlichen Visionen im Vordergrund: die Teilnahme an Europameisterschaften, Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen. Und ein besonderes Erlebnis ist jeweils, wenn ich im Nationaldress an internationalen Wettkämpfen unser Land vertreten kann. Zudem ist Kunstturnen ein äusserst ästhetischer Sport, der mich sehr anspricht. In Sachen Geld würde ich allerdings begrüssen, wenn mit Unterstützungsbeiträgen wenigstens die Unkosten bezahlt werden könnten, damit die Athleten nicht ständig auf die Unterstützung der Eltern angewiesen sind.

In einem Nationaldress anzutreten, ist sicher eine schöne Sache. Berührt es dich auch, wenn bei einem Wettkampf die Landeshymne gespielt wird?

Obschon ich nicht unbedingt pathetisch veranlagt bin, wäre ich nicht ehrlich, wenn ich behaupten wollte, dass mich das Abspielen unserer Landeshymne überhaupt nicht berühren würde.

Man hört immer wieder sagen, dass es «eiserne Disziplin» braucht, um in trainingsintensiven Sportarten wie dem Kunstturnen Erfolg zu haben. Trifft das zu?

Im Vordergrund steht der Wille. Denn dieser ist auch Voraussetzung für die Disziplin, zum Beispiel in Bezug auf Ernährung, Alkohol und Rauchen. Ich beteilige mich auch als Botschafter für das Präventionsprogramm «cool and clean» von Swiss Olympic. Nichts halte ich von rein formeller Disziplin. Denn Leistungsträger sind in der Regel auch keine disziplinierten Konformisten, sondern eher aufmüpfige, unbequeme Menschen, die beherzt, zielbewusst und beharrlich ans Werk gehen. Das ist nicht nur, aber insbesondere auch im Sport der Fall. Leider hat unsere Gesellschaft immer mehr Mühe, mit solch unbequemen Leistungsträgern umzugehen. Dabei sind wir eigentlich immer mehr auf solche leistungswilligen und -fähigen Leute angewiesen.

Willensstarke Leistungsträger bräuchte man auch in der Politik. Würde dich das nicht interessieren?

Ich interessiere mich schon für Politik. Doch eine aktive Rolle möchte ich nicht übernehmen, mindestens derzeit nicht. Mit politischen Fragen befasse ich mich hauptsächlich im Zusammenhang mit Abstimmungsvorlagen oder wenn es um Sportpolitik geht. Bei gewissen politischen Akteuren habe ich manchmal den Eindruck, dass sie ihr Handeln mehr auf Eigeninteressen ausrichten als auf das Gesamtwohl der Bevölkerung. Das ist schade. Umso mehr schätze ich die Arbeit jener Politiker/-innen, die das Gesamtwohl über Eigeninteressen stellen und stets aus einer Gesamtsicht verantwortungsbewusst handeln.

Und wie wäre es für dich, als Beobachter die Politik zu begleiten und kommentierend auf diese einzuwirken, wie ich es als Journalist tue?

Journalist zu werden, wäre sicher reizvoll. Denn gerade auch als Leistungssportler erfahre ich, wie wichtig Medienarbeit ist. Das Bild in der Öffentlichkeit von Athleten in Randsportarten wie dem Kunstturnen wird fast ausschliesslich durch Medienberichte geprägt. Sportler müssen sich wie andere Akteure in Politik, Wirtschaft und Kultur als Partner der Medienschaffenden sehen. Denn diese haben die Aufgabe, die Öffentlichkeit umfassend und objektiv über den Gang der Dinge zu informieren. Leider muss ich speziell auch im Sport feststellen, dass heute oft sehr oberflächlich oder einseitig berichtet wird. Gewisse Journalisten fertigen lieber im Schnellzugtempo eine süffige Story als durch zeitaufwändige Recherchen einen soliden Hintergrundbericht. Das hat auch zu tun mit der Entwicklung in der Medienwelt zu Beliebigkeit und Infotainment. Und diese Entwicklung wirkt sich meiner Meinung nach negativ auf die Attraktivität des Journalistenberufs aus. Trotzdem schliesse ich ihn für später als Option für mich nicht aus.

Wo liegen gegenwärtig deine Prioritäten in Beruf und Sport?

Die Aufnahme ins Nationalkader ist für mich eine grosse Herausforderung. Jetzt will ich alles daran setzen, die Qualifikation für die Olympischen Spiele 2012 in London zu schaffen. Ich werde aber gleichzeitig auch mein Studium in Betriebswirtschaft aufzugleisen versuchen.

In der Sendung «Wetten, dass . . .?» ist der Kunstturner Samuel Koch schwer verunfallt. Gehen Kunstturner zu hohe Risiken ein?

Ich kenne den 23-jährigen Samuel Koch nicht als Kunstturner und ansonsten nur aus den Medien. Offenbar ist er ein junger Mensch, der nicht primär die sportliche Herausforderung suchte, sondern als Stuntman vielmehr das Risiko liebte. Das ist ihm nun leider zum Verhängnis geworden. Natürlich kann das Schicksal auch bei einem Kunstturner zuschlagen. Doch wir suchen nicht das Risiko, sondern immer nur die sportliche Herausforderung. Das Verletzungsrisiko versuchen wir mit seriöser Trainingsarbeit tief zu halten.

Der Jahreswechsel steht vor der Tür. Wenn dir eine Fee drei Neujahrswünsche erfüllen würde, wie sähen diese aus?

1. Für mich persönlich sportlichen Erfolg, was eine Trainingstätigkeit ohne Verletzungen voraussetzt. 2. Für meine Familie und Freunde Wohlergehen und Gesundheit. 3. Für alle Menschen, dass sie von Naturkatastrophen, Terror und Kriegen verschont bleiben.

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