1 Jahr Gemeindepräsident
Zwei Nachbarn, die sich gut verstehen: «Wir pflegen einen engen Austausch»

Philipp Heri (Gerlafingen) und Stefan Hug-Portmann (Biberist) sind beide seit etwas mehr als einem Jahr Gemeindepräsident. Wir haben nachgefragt, wie es läuft in ihren Gemeinden.

Rahel Meier
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Philipp Heri (links) und Stefan Hug-Portmann schätzen den gegenseitigen Gedankenaustausch auch ausserhalb der regionalen Gremien.

Philipp Heri (links) und Stefan Hug-Portmann schätzen den gegenseitigen Gedankenaustausch auch ausserhalb der regionalen Gremien.

Hanspeter Bärtschi

Philipp Heri, wie haben Sie sich in Ihrer neuen Rolle als Gemeindepräsident eingelebt?

Heri: Ich habe mich sehr gut eingelebt. Früher war ich je 50 Prozent als Dozent und in der kantonalen Sportfachstelle tätig. Vollblutpolitiker zu sein und zu hundert Prozent am selben Ort zu arbeiten, ist etwas komplett anderes. Auf der Verwaltung wurde ich sehr gut empfangen, und ich habe viel Unterstützung. Auch im Gemeinderat läuft es gut. Ungewohnt ist, dass ich viel mehr im Büro sitze. Da hatte ich früher eindeutig mehr Bewegung.

Serie

2017 hat eine neue Legislatur begonnen und in mehreren Gemeinden wurden neue Präsidien gewählt. Was ist seither passiert, was wurde bewegt? Wir haben nachgefragt und starten eine Serie. Im ersten Teil befragen wird die Gemeindepräsidenten der Nachbardörfer Gerlafingen und Biberist. (rm)

Stefan Hug, wie geht es Ihnen?

Hug: Ich kenne das Leben als Politiker, weil ich in meiner ehemaligen Wohngemeinde Luterbach viele Jahre Gemeinderat und auch Kantonsrat war. Die Rolle des Gemeindepräsidenten ist sicher eine komplett andere und auch anders als die Leitung der Verwaltung, die ich vorher innehatte. Zwischendurch komme ich mir vor wie ein Fussballtrainer, der dafür sorgen muss, dass genügend Tore geschossen werden. Aber es ist eine schöne Aufgabe, der Gemeinde vorzustehen und den Takt angeben zu dürfen. Zugute kommt mir, dass ich viele Dossiers schon kenne.

Heri: Da muss ich mich teilweise immer noch einarbeiten. Ich bereite mich auf Sitzungen speziell vor und stelle gerne auch mal ungewohnte oder unangenehme Fragen. Wenn es um Spezialthemen geht, kann ich mich aber auch auf die Fachleute in der Verwaltung verlassen. Froh bin ich, dass ich in der Zwischenzeit alle wichtigen Anlässe während eines Jahres schon mal miterlebt habe. Ich war an der Seniorenfahrt, ich mache bereits die zweite Budgetgemeindeversammlung. Auch an einem 100. Geburtstag durfte ich schon gratulieren.

Was ist Ihnen in Ihrem ersten Amtsjahr gut gelungen?

Heri: Ein bisschen stolz bin ich, dass wir uns im Gemeinderat zusammenraufen und die Totalrevision der Gemeindeordnung und der Dienst- und Gehaltsordnung gemeinsam erarbeiten konnten. Es brauchte Kompromisse von allen Seiten, aber wir haben sie gefunden. Für das Personal in der Gemeindeverwaltung ist die Revision wichtig. Gleich nach meinem Amtsantritt habe ich Gespräche geführt mit allen Angestellten. Darum wusste ich, dass diese Revision schnellstmöglich angepackt werden muss. Dafür – und das ist sicher weniger gut, haben wir das Legislaturprogramm etwas aus den Augen verloren und werden uns erst nach dem Neujahr damit beschäftigen.

Wie ist es bei Ihnen gelaufen?

Hug: Sehr wichtig ist mir, dass wir wieder einen Schulvertrag mit der Stadt Solothurn haben und die Eltern im Schöngrünquartier nun wissen, woran sie sind. Auch die Steuersenkung für 2018 ist ein Erfolg, den wir gemeinsam erreicht haben. Viele Projekte sind auf der Zielgeraden. Der Aufbau und die Neuorganisation der Tagesstrukturen beispielsweise. Oder der Aufbau eines Lotsendienstes gemeinsam mit dem Elternrat. Was mich beschäftigt ist der Rückgang an Kleingewerbe. Eben hat eine Bäckerei geschlossen und auch was die Restaurants angeht, ist die Situation nicht rosig. Aber weder mir als Gemeindepräsidenten, noch dem Gemeinderat ist es bisher gelungen, ein Rezept gegen diese Tendenz zu finden. Ungelöst ist auch unser Verkehrsproblem.

Stefan Hug hat es schön formuliert, der Gemeindepräsident soll den Takt angeben in einer Gemeinde. Haben Sie genügend Zeit für die strategische Führung?

Heri: In Gerlafingen hat in den letzten Jahren sowohl im Gemeindepräsidium als auch im Gemeinderat die operative Tätigkeit den Alltag bestimmt, und das Strategische kam teilweise etwas zu kurz. Wir versuchen dem nun entgegenzuwirken, indem wir mit der neuen Gemeindeordnung die Rolle der Gemeinderatskommission verändern und sie zu einer Strategiekommission machen und damit auch einen Beitrag leisten, um das Strategische im Gemeinderat besser vom Operativen in der Verwaltung trennen zu können. In der Verwaltung bin ich trotzdem auch stark in das operative Geschäft eingebunden. Schon nur weil ich auch die Verwaltung leite.

Philipp Heri Philipp Heri ist 38-jährig, verheiratet und Vater von fünf Kindern (3- bis 11-jährig). Heri ist ausgebildeter Primar- und Sportlehrer und arbeitete mehrere Jahre als Dozent an verschiedenen Pädagogischen Hochschulen und in der Kantonalen Sportfachstelle im Bereich Bewegungsförderung. Philipp Heri gehört der SP an. Er war von 2001 bis 2005 im Gemeinderat Gerlafingen und rutschte nach einer Pause 2015 als Ersatz wieder in das Gremium nach. Hobbys: Spiel und Sport in der Natur mit der Familie, Sport allgemein, die groben Arbeiten im Garten, Werken mit Holz und Metall, Singen mit Kollegen, Kultur und gutes Essen mit Freunden. (rm)

Philipp Heri Philipp Heri ist 38-jährig, verheiratet und Vater von fünf Kindern (3- bis 11-jährig). Heri ist ausgebildeter Primar- und Sportlehrer und arbeitete mehrere Jahre als Dozent an verschiedenen Pädagogischen Hochschulen und in der Kantonalen Sportfachstelle im Bereich Bewegungsförderung. Philipp Heri gehört der SP an. Er war von 2001 bis 2005 im Gemeinderat Gerlafingen und rutschte nach einer Pause 2015 als Ersatz wieder in das Gremium nach. Hobbys: Spiel und Sport in der Natur mit der Familie, Sport allgemein, die groben Arbeiten im Garten, Werken mit Holz und Metall, Singen mit Kollegen, Kultur und gutes Essen mit Freunden. (rm)

Hanspeter Bärtschi

Hug: Man kann nicht immer scharf trennen zwischen strategischen und operativen Tätigkeiten. Es gibt viele Einwohner, die zu mir kommen und ein ganz konkretes Problem haben. Ich will für alle Menschen da sein, und das hat nichts mit Strategie zu tun. Das Gesetz weist dem Gemeinderat sehr viele operative Aufgaben zu und manchmal habe ich das Gefühl, dass einige Gemeinderäte stark in diesem Schema verhaftet sind. Der Gemeindepräsident kann nicht alleine strategisch tätig sein. Er braucht den Gemeinderat, um eine Strategie auszuarbeiten und umzusetzen. Was ich hingegen beeinflussen kann, ist das Setzen von Schwerpunkten. Ich kann Themen, die ich als wichtig empfinde, in den Gemeinderat bringen und so Einfluss nehmen.

Sie haben gerade gesagt, dass die Leute mit konkreten Problemen zu Ihnen kommen. Was machen Sie in einem solchen Fall?

Hug: Sehr oft sind die Leute schon zufrieden, wenn ich ihnen zuhöre. Ich habe auch nicht immer eine Lösung für ihre Probleme.

Heri: Das kann ich nur bestätigen. Zuhören ist wichtig. Das heisst nicht, dass ich mich um alle Kleinigkeiten kümmere. Aber ich versuche, den Leuten mindestens eine Antwort zu geben und bin manchmal auch Mediator, wenn sie sich beispielsweise über die Verwaltung beklagen.

Mischen Sie sich dann nicht plötzlich in etwas ein, das Sie besser sein lassen würden?

Hug: Das klassische Beispiel sind Leute, die wegen eines Bauvorhabens zu mir kommen. Da kann und will ich mich nicht einmischen. Und das erkläre ich auch so.

Heri: Das mache ich genau gleich. Was man in einer solchen Situation machen kann, ist nachzufragen, wie weit denn das Geschäft ist. Oft hilft das schon.

Stefan Hug Stefan Hug-Portmann ist 52-jährig, verheiratet und Vater von 2 Kindern (16 und 12). Er ist Executive Master in Business Administration, arbeitete mehrere Jahre als Unternehmensberater und führte zuletzt die Gemeindeverwaltung Biberist. Er gehört der SP an und war früher 9 Jahre Gemeinderat in Luterbach und von 1997 bis 2005 Mitglied des Kantonsrates. Seine Hobbys sind nebst der Familie, Lesen (v. a. nordische Krimis) sowie Genusswanderungen im Jura und in den Alpen. (rm)

Stefan Hug Stefan Hug-Portmann ist 52-jährig, verheiratet und Vater von 2 Kindern (16 und 12). Er ist Executive Master in Business Administration, arbeitete mehrere Jahre als Unternehmensberater und führte zuletzt die Gemeindeverwaltung Biberist. Er gehört der SP an und war früher 9 Jahre Gemeinderat in Luterbach und von 1997 bis 2005 Mitglied des Kantonsrates. Seine Hobbys sind nebst der Familie, Lesen (v. a. nordische Krimis) sowie Genusswanderungen im Jura und in den Alpen. (rm)

Hanspeter Bärtschi

Und wie grenzen Sie sich ab, wenn Sie in der Freizeit angesprochen werden?

Heri: Ich hatte bisher noch nie das Gefühl, dass ich mich abgrenzen muss. Tatsächlich bekomme ich am Abend oder am Wochenende kaum Anrufe von Einwohnern. Und wenn sie mich irgendwo sehen und mich grüssen, ist das eigentlich ein gutes Gefühl. Offenbar haben die Leute keine Hemmung, mich anzusprechen.

Hug: Das kann ich bestätigen. Es ist ein schönes Gefühl, wenn man angesprochen wird. Und wenn dann auch noch Sorgen abgeladen oder Probleme angesprochen werden, ist das meist keine lange Sache. Und wenn ich wirklich einmal ungestört sein will, dann gehe ich in die Berge.

Wechseln wir zur Politik. Wie erleben Sie das Klima im Gemeinderat?

Heri: Das ist gar nicht so einfach zu beschreiben. In dieser Legislatur wurden viele neue Gemeinderäte gewählt. Das spürt man manchmal, wenn alte Geschichten wieder aufgerissen werden, deren Hintergrund zu wenig bekannt ist. Ich glaube, dass einige Gemeinderäte ihre Rolle im Gremium noch nicht so richtig gefunden haben. Trotzdem haben wir auch bewiesen, dass wir konsensfähig sind. Gerade bei der Erarbeitung der neuen DGO und der neuen GO haben wir gekämpft und am Schluss eine Lösung gefunden. Speziell erwähnen möchte ich die Zusammenarbeit mit meinem Vizegemeindepräsidenten, die sehr gut ist. Und das, obwohl Thomas Wenger und ich ja gegeneinander angetreten sind.

Hug: In Biberist fallen in letzter Zeit einige Entscheide mit einem Stimmenverhältnis von 5:6. Da könnte man schon den Eindruck erhalten, der Gemeinderat sei gespalten. Ich habe manchmal auch das Gefühl, dass einige Gemeinderäte permanent im Wahlkampf sind. Eigentlich hätte ich den Anspruch, das wir jetzt gemeinsam eine Strategie für die Gemeinde entwickeln sollten. Ich kann persönlich damit umgehen, wenn ich angegriffen werde. Ich denke aber, dass es letztlich der Gemeinde schadet.

Gerlafingen und Biberist sind Nachbargemeinden. Tauschen Sie sich ab und zu aus?

Hug: Es gibt formelle Gefässe für den Austausch unter den Gemeindepräsiden wie die Gemeindepräsidienkonferenz. Aber es ist tatsächlich so, das Philipp Heri und ich einen engeren Austausch pflegen.

Heri: Biberist und Gerlafingen verbindet eine 2,2 Kilometer lange Gemeindegrenze. Aber es gibt viele Themen, die nicht an der Gemeindegrenze Halt machen. Unser Glück ist zudem, dass wir uns tatsächlich gut verstehen und deshalb auch entspannt diskutieren können.

In Biberist ist die Budgetgemeindeversammlung durch, in Gerlafingen kommt sie noch. Ist der Steuerfuss bei Ihnen ein Thema?

Heri: Der Steuerfuss wird meiner Meinung nach überschätzt. Der Steuerfuss entscheidet nicht darüber, ob jemand nach Gerlafingen zieht. Es fragt sich zudem, was einem neben einem hohen oder tiefen Steuerfuss in einer Gemeinde auch noch geboten wird. Wir haben alles: Läden, eine Drogerie, Zahnarzt, Arztpraxis, Altersheim, Coiffeur, ein Radio- und TV-Geschäft, Restaurants und noch vieles mehr. Diese Dinge muss man ebenfalls in die Waagschale werfen, wenn es um die Attraktivität einer Gemeinde geht. Nicht nur den Steuerfuss.

Hug: Ich erlebe es ebenfalls selten, dass der Steuerfuss ein Thema ist. Es ist höchstens einer von mehreren Standortfaktoren. Der Kanton Solothurn ist ganz allgemein kein Steuerparadies. Und trotzdem hat Biogen in Luterbach gebaut.

In Biberist und in Gerlafingen wird viel gebaut. Macht sich das bei den Steuereingängen bemerkbar?

Heri: In Gerlafingen ist das bisher kaum spürbar, da die Bauten erst gerade fertig wurden oder sich noch im Bau befinden. In zwei, drei Jahren wissen wir mehr.

Hug: Bei den natürlichen Personen ist eine leichte Zunahme spürbar. Aber bei den juristischen Personen ist der Steuereingang konstant und im Gesamtvolumen gesehen eher gering.

Wie präsentiert sich Biberist in zehn Jahren?

Hug: Mein Wunsch wäre es, dass wir dann im Areal der ehemaligen Papierfabrik 500 neue Arbeitsplätze in wertschöpfungsintensiven Betrieben angesiedelt hätten. Schön wäre es, wenn dort auch Wohnraum entstehen würde. Und das Ganze sollte energieautark funktionieren.

Heri: Ich bin da bescheiden. In zehn Jahren liegt Gerlafingen nämlich immer noch zwischen der Autobahn und der Emme. Schön wäre es, wenn wir bis dann wieder mehr finanziellen Spielraum hätten. Ich sehe zudem grosses Potenzial darin, die Bevölkerung vermehrt mit einzubeziehen. Je mehr Leute eingebunden werden, desto stärker sind sie betroffen und engagieren sich für ihre Wohngemeinde. Auch der Austausch zwischen den verschiedenen Kulturen sollte vermehrt gepflegt werden.

Und wenn Sie einen Wunschtraum äussern dürften?

Heri: Das wäre eine neue Dreifachturnhalle mit einem Kulturzentrum, das in der alten Gländ-Turnhalle eingebaut würde. Ein Foyer, das die beiden Gebäude verbindet, würde den Schulen und auch der Gemeinde viel bringen. Uns fehlt ein richtiger Saal.

Hug: Ein Kulturzentrum wäre sogar ein Projekt, das wir gemeinsam realisieren könnten.

Stefan Hug, gibt es etwas, das Sie schon immer über Gerlafingen wissen wollten?

Hug: Das gibt es tatsächlich. Ich habe das Gefühl, dass die Gerlafingerinnen und Gerlafinger zusammenstehen, Probleme gemeinsam meistern und nach aussen einen gewissen Stolz auf ihr Dorf zeigen. Ist das so?

Heri: Dadurch dass wir vor allem auch finanziell nie wirklich auf Rosen gebettet waren, mussten wir uns immer wieder zusammenraufen, durchkämpfen und das hat uns tatsächlich zusammengeschweisst. Das ist eine Stärke, die uns auszeichnet und die wir in Zukunft wieder vermehrt leben müssen.

Was wollten Sie den Biberister Gemeindepräsidenten schon immer fragen?

Heri: Wieso wollte Biberist mit Solothurn fusionieren und nicht mit uns?

Hug: Das war nicht unsere Idee. Die Initialzündung kam aus der Stadt Solothurn. Und bekanntlich haben wir auch nicht fusioniert.

Um was beneiden Sie Ihre Nachbargemeinde Biberist?

Heri: Um die Dreifachhalle, die ich auch gerne bauen würde.

Und Sie?

Hug: Um das Zusammenhörigkeitsgefühl, das man auch von aussen spürt.

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