Zuchwil ist Energiestadt und wurde für seine Innovationen mit dem Gold-Label zertifiziert. Sie liegen damit schweizweit in der Spitzengruppe und weit vor den fünf anderen Energiestädten im Kanton. Wie schafften Sie es, diese zu überflügeln?

Peter Baumann: Da hängt viel Herzblut dran. Im Speziellen von Doris Häfliger, die dafür ein 30-Prozent-Pensum hat, und von mir. Aber über allem steht die Politik. Wenn der politische Wille nicht vorhanden ist, kann man die Energiestadt-Projekte nicht umsetzen.

Ist das Umwelt-Engagement im Zuchwiler Gemeinderat so gross?

Durchaus. Grundsätzlich ist die Unterstützung gross. Das Stimmenverhältnis ist meist 19 Stimmen für die Energieprojekte gegen 4 Stimmen von SVP und Parteilose.

Sind Sie ein grüner Ideologe?

Absolut nicht. Solange ich hier bin, werde ich keine Vorschriften machen, etwa für Minergie-P-Häuser oder einen Anschlusszwang an eine Fernwärmeleitung. Es geht mir darum, Lösungen aufzuzeigen, die Leute zu beraten. Ich bin nicht partout für jede Massnahme, die von Linksgrün kommt. So finde ich zum Beispiel Velowege nicht einfach immer gut. Es kommt drauf an, wo man sie macht. Es gibt ja immer auch Leute, die aus beruflichen oder anderen Gründen mit dem Auto auf die Strasse müssen. Denen kann man nicht sagen: Ihr dürft nicht. Ausser vielleicht in einer Grossstadt wie Peking oder Rom, wo an gewissen Tagen nur noch Autos mit geraden oder ungeraden Nummern in die Städte fahren dürfen. Weil es nicht mehr anders geht. Aber so weit sind wir noch nicht.

Grenchen, Oensingen, Olten, Solothurn, Zuchwil und neu die Region Thal wurden mit dem Label Energiestadt ausgezeichnet.

Grenchen, Oensingen, Olten, Solothurn, Zuchwil und neu die Region Thal wurden mit dem Label Energiestadt ausgezeichnet.

Woher kommt dann Ihre Sensibilisierung für Umweltfragen?

Irgendwann sollten wir erkennen, dass wir bezüglich des Klimas so nicht mehr weitermachen können. Man muss versuchen, die Erderwärmung zu reduzieren, das Ozonloch in den Griff zu bekommen. Sonst fällt das ökologische Gleichgewicht auseinander. Das hat zwar mit der Schweiz nicht so viel zu tun.

Was gilt es denn bei uns zu tun?

Hier wird ja die Energiestrategie 2050 als politisches Ziel verfolgt. Und bald stimmen wir über die Atomausstiegsinitiative ab. Es ist rechnerisch erwiesen, dass sich die Schweiz autark mit Strom und mit Wärme versorgen kann. Wir müssen aber die Rahmenbedingungen dazu schaffen. Kommt hinzu, dass wir damit die Wertschöpfung statt etwa in Saudi-Arabien oder Katar hier generieren. Die Energiewende ist ein Wirtschaftsfaktor, die bei uns Arbeitsplätze schafft.

Und was für Projekte gibt es konkret in Zuchwil, in Zusammenhang mit der Energiestadt?

Zum Beispiel den Hauslieferdienst von Collectors. Damit kann man die Einkäufe im Coop oder Migros per Lastenvelo nach Hause transportieren lassen. Es ist ein Mobilitäts- und ein Sozialhilfeprojekt, das von Arbeitssuchenden ausgeführt wird. Ein anderes Projekt ist das Tankstellennetz für Elektrofahrzeuge, das wir zusammen mit der AEK in Zuchwil aufbauen möchten. Dereinst könnte es neun Standorte mit je zwei Ladestationen geben. Es lässt sich darüber diskutieren, ob es gleich so viele sein müssen. Aber wichtig ist, dass wir mit einem Konzept dafür sorgen, dass Ladestationen an den richtigen Orten stehen. Die Zahl der E-Autos nimmt ja stetig zu. 

Damit wird die Anzahl der Fahrzeuge auf den Strassen aber auch nicht verringert.

Nein, aber der CO2-Ausstoss wird minimiert. In einem weiteren Schritt gilt es, dafür zu sorgen, dass die Zahl der immatrikulierten Autos verringert werden kann.

Was kostet das Engagement die Gemeinde?

In der Verwaltung ist es die erwähnte 30-Prozent-Stelle der Energiestadt-Koordinatorin. Dazu kommen die Arbeiten von mir und meinen drei Bereichsleitern, die wir für die Energiestadt aufwenden. Es besteht ein Energiestadt-Konto, dotiert mit rund 20 000 Franken. Die werden etwa für Inserate oder Veranstaltungen verwendet. Mit wenig Ressourcen holen wir sehr viel heraus. Man muss immer bedenken, dass wir kein Energiewerk im Rücken haben wie Solothurn, Grenchen, Olten oder Derendingen. Hätte Zuchwil ein eigenes Energiewerk, wären wir bestimmt bei über 80 Punkten. Derzeit stehen wir bei 76 Prozent der möglichen Massnahmen.

Das reicht für die Gold-Medaille. Gibt es noch Luft nach oben?

Es kommen laufend neue Projekte dazu, die wir umsetzen. Aktuell zum Beispiel der Energierichtplan. Darauf werden alle Energienetze dargestellt, also Gas, Fernwärme, das Potenzial für Wärmepumpen oder Holzpellets wird aufgezeigt. Jede einzelne Liegenschaft ist darin erfasst. So sehen wir, dass es im Birchi-Quartier viele Elektroheizungen gibt. Mittels Veranstaltungen, wo auch die Privatwirtschaft anwesend ist, können wir aufzeigen, welche Umrüstungen möglich sind. Weiter sind wir Mitglied im Verein der 2000-Watt-Gesellschaft. Auch ein flächendeckendes Konzept für Tempo 30 und Parkräume möchten wir umsetzen. Ein laufender Prozess ist die Umrüstung der Strassenbeleuchtung auf LED oder der Anschluss der öffentlichen Gebäude an erneuerbare Energien. Ein Grossprojekt ist natürlich die Photovoltaikanlage der Swiss- Prime-Anlagestiftung im Riverside Business Park.

Ist das Gold-Label eine Bestätigung für Ihr persönliches Engagement?

Ja, ich bin mehr als stolz darauf. Es ist eine Belohnung für einen langen Prozess. Das Gefühl ist wohl in etwa so, als wenn man im Fussball Schweizer Meister würde. Ich habe viel Freizeit dafür investiert. Für Zuchwil ist das ein Riesenschritt.