Justizvollzugsanstalt
Zu Besuch hinter Gittern: Insasse T. will anständig sein

T. ist ein Straftäter. Er sitzt in der Justizvollzugsanstalt Schachen in Deitingen SO. Wenn er in ein paar Jahren freikommt, will er ein besserer Mensch sein. Nicht nur die Therapie, sondern auch die Liebe bringt ihn dazu.

Von Christof Ramser
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«Ich bin ein sauberer Mensch. Wenn man in Heimen aufwächst, lernt man, ordentlich zu sein.» Insasse T. in seiner Zelle in der Justizvollzugsanstalt Solothurn im Schachen Deitingen.

«Ich bin ein sauberer Mensch. Wenn man in Heimen aufwächst, lernt man, ordentlich zu sein.» Insasse T. in seiner Zelle in der Justizvollzugsanstalt Solothurn im Schachen Deitingen.

Hanspeter Bärtschi

Diesen Herbst soll es so weit sein. Dann begibt sich der Gottesmann hinter Gitter, um das Brautpaar zu trauen. T.*, der Straftäter, wird seine langjährige Freundin zur Frau nehmen. Es wird keine Traumhochzeit. Es gibt keinen festlichen Traualtar, keine Flitterwochen. Nur einen nüchternen Ehevertrag. Doch für T. ist es das Ticket in ein bürgerliches, besseres Leben. Ohne Kriminalität, ohne körperliche Gewalt.

«Meine Frau ist der Hauptgrund, warum ich mich ändern werde. Aber ich mache es auch für mich.» Bis er sie in Freiheit in die Arme schliessen kann, werden noch mindestens vier Jahre vergehen. Bis dahin müssen für die Rendez-vous' des verliebten Paares zweimal eineinhalb Stunden pro Monat reichen. Intimitäten gibt es im Besucherraum mit den dicken Glasscheiben in der Tür höchstens in Gedanken.

Zehn Jahre lang war seine Sprache die Gewalt

T. verbüsst in der Justizvollzugsanstalt Solothurn im Schachen in Deitingen eine Strafe wegen versuchter schwerer Körperverletzung und weiterer Vergehen. 10 Jahre lang drückte er sich bei Konflikten mittels Gewalt aus. «Das war meine Sprache. Ich kannte nichts anderes.» Man glaubt es dem bulligen Mann sofort. Der Glatzkopf, der muskulöse Oberkörper unter dem schwarzen T-Shirt und die Tattoos verfehlen ihre Aussenwirkung nicht. Um den breiten Nacken baumelt eine Goldkette. Ein funkelnder Brillant steckt im Ohrläppchen, dahinter geklemmt die selbst gedrehte Zigarette.

Der Lebenslauf des 24-Jährigen ist geprägt von Diebstahl, Einbrüchen und Schlägereien. Zu Hause in der Berner Agglomerationsgemeinde war Gewalt normal. Zusammen mit einer Jungengang markierte er im Quartier den harten Burschen, provozierte, pöbelte. «Wir suchten den Kick, wir wollten jemand sein.» An die Konsequenzen ihrer Taten hätten sie nicht gedacht.

Wegen einfacher Körperverletzung und Raub wurde er ins Jugendheim gesteckt. Dort fing es mit den Gewaltausbrüchen richtig an. «Ich war verzweifelt, rebellierte gegen alles und wurde kontraproduktiv.» Als 15-Jähriger verprügelte er mit zwei Kollegen einen Busfahrer. Drei Wochen nach der Tat ging er mit einem Messer auf jemanden los.

Die verhängnisvolle Begegnung, die alles veränderte

Es folgte eine unrühmliche Tour durch Berner und Aargauer Jugendheime. In Prêles machte der junge Mann eine Ausbildung zum Bauschreiner und schloss die Lehre mit der Note 5,2 ab. «Nach vier Jahren kam ich raus. Ich hatte mein Leben im Griff.» Dann folgte jener verhängnisvolle Abend im Herbst 2010. Der Ausgang in einem Berner Club artete in einen Exzess aus. Die Stimmung war aufgeheizt. Auf verbale Provokationen zwischen T. und einem anderen Besucher folgten Faustschläge. Die Streithähne wurden getrennt. Später vor dem Lokal sei der Kontrahent mit zwei Komparsen auf ihn losgegangen, erzählt T. Da drosch er mit seiner Gürtelschnalle auf die Gegner ein. Einen am Boden liegenden Mann deckte er mit Schlägen und Tritten ein. Dessen Kopf habe er so getreten, wie man einen Fussball kickt, gab er später bei den Einvernahmen zu Protokoll.

Die Presse berichtete über den Prozess. Dass das Opfer keine schweren Verletzungen davontrug, war pures Glück, sagten einhellig die Staatsanwältin, der Verteidiger und der Richter. «Hätte ich mich nicht gewehrt, wäre ich im Spital gelandet», schildert T. die Situation heute. Die forensisch-psychiatrische Gutachterin attestierte dem Täter eine «kombinierte Persönlichkeitsstörung mit dissozialen, narzisstischen und emotional instabilen Zügen». Die Rückfallgefahr sei moderat bis hoch. T. wurde zu einer Freiheitsstrafe von 30 Monaten und einer stationären Therapie verurteilt.

Frei kommt er erst, wenn er nicht mehr als gefährlich erachtet wird

Die Zelle im Schachen ist rund zwölf Quadratmeter gross. T. schaut aus dem Fenster auf die erste Jurakette. «Das ist meine 5-Sterne-Aussicht.» Es ist einer von mehreren lakonischen Sprüchen, mit denen der Häftling seine Situation ironisiert. Der Raum ist aufgeräumt. Wecker, Agenda, Aschenbecher, Fernseher, alles ist an seinem Platz. «Ich bin ein sauberer Mensch. Wenn man in Heimen aufwächst, lernt man, ordentlich zu sein.»

Rund zwölf Quadratmeter stehen den Insassen in den Zellen zur Verfügung.
5 Bilder
Insasse T.
Die Zelle ist sauber und aufgeräumt.
In diesem Raum empfangen die Insassen Besuch.
Die Essenszeiten sind um 7 Uhr.

Rund zwölf Quadratmeter stehen den Insassen in den Zellen zur Verfügung.

Hanspeter Bärtschi

Der Tagesablauf von Insasse T.

5.30 Uhr: Wecken
7.30 Uhr: Duschen, Frühstück
8.15 Uhr: Arbeitsbeginn
11.45 bis 12.30: Mittagspause
Bis 16.45: Nachmittagsarbeit
17 bis 17.30 Uhr: Nachtessen
Danach Freizeit, Training, Putzen oder Besuchsempfang
21.30 Uhr Zelleneinschluss

Seit anderthalb Jahren sitzt T. im Massnahmenvollzug. Wann er rauskommt, weiss er nicht. Frühestens sei dies 2019 der Fall, auf Bewährung. Massgebend für den Zeitpunkt ist unter anderem sein Verhalten. Er wisse, Strafe muss sein. Den entsprechenden Artikel 59 im Strafgesetzbuch beschreibt er als «unmenschlich». Darin besteht der Unterschied der Massnahme zum Strafvollzug: Der psychisch kranke Mensch wird erst freigelassen, wenn er für die Öffentlichkeit nicht mehr als gefährlich erachtet wird.

Dass er nicht wisse, wie lange die Strafe dauert, zermürbe ihn. «Es ist erniedrigend. Ich habe genug davon, eingesperrt zu sein.» Auf ihn warte ein Leben in Freiheit, zusammen mit der Familie und Kollegen. An der Zellenwand hängen Fotos seiner Freundin und die Fahne einer politisch kritischen Hip-Hop-Gruppe. Auf den CDs im Regal sind explizite Texte zu hören. Mit Sprechgesang drückt T. seine Gedanken aus. Doch Straftaten existieren für ihn künftig nur noch in den Rap-Texten. Da ist er sich sicher. Nicht, weil ihn jemand dazu zwinge, rechtschaffen zu sein. Sondern weil das Bedürfnis von innen komme.

Seine Partnerin bleibt ihm treu. Trotz allem

«Die Punitivitätsgefühle sind gewollt», sagt Gefängnisdirektor Pablo J. Loosli. Die Strafe soll dem Insassen wehtun. Das ist neben dem Normalitätsprinzip, das auf die Wiedereingliederung in die Gesellschaft vorbereitet, ein Grundsatz des Vollzugs. Das Dossier von T. kennt der Direktor nicht genau. «Ich bin weiter weg von den Insassen als die Wohngruppenbetreuer.» Doch der Direktor weiss, dass der Insasse auf einem guten Weg ist. «Er macht bei der Therapie mit.» Das sieht T. auch selber so. «Der Psychotherapeut versucht, mich zu verstehen.» Im Schachen würden teilweise herzliche Leute arbeiten. Das dürfte ganz im Sinne des Richters sein, der T. damals hinter Gitter schickte. «Vertrauen, menschliche Wärme und eine Begleitung über längere Zeit im Leben ist für Sie wichtig», befand dieser im Urteil.

Die engste Begleiterin in T.s künftigem Leben wird seine Partnerin sein. Er bewundert sie dafür, dass sie auf Sex und Zuneigung verzichte, solange er eingesperrt ist. Die Hochzeit im Herbst sei der Beweis für ihre Treue. «Ich warte nur auf den Moment, bis wir zusammen sind.» Dann will er ein «08/15-Leben» führen. «Ohne Stress.» Dafür mit einer Arbeit, einer Wohnung, bezahlten Rechnungen. «Ich werde anständig sein. Aber ich bleibe die Person, die ich bin, mit all meinen Ecken und Kanten. Meinen Stolz kann mir niemand nehmen.»

Später steht T. mit dem Fegbesen vor dem Büro des Gefängnisdirektors und schrubbt den Korridor. Er will draussen einen Job als Betriebspraktiker oder Bodenleger finden. Die Arbeit im Gefängnis ist sein intimster Bezug zur Aussenwelt.

*Name der Redaktion bekannt

Moderne Anstalt für 96 Insassen

Die neue Justizvollzugsanstalt Solothurn im Schachen Deitingen wurde im Juli 2014 eröffnet. Der Neubau und die Renovation der bestehenden Gebäude kosteten rund 57 Millionen Franken. Die JVA in Deitingen ersetzt die bisherige Strafanstalt Schöngrün in Biberist. Sie bietet Platz für 96 Insassen, davon 60 Plätze im Massnahmenvollzug.

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