Die als Aussprache angekündigte Veranstaltung im neuen katholischen Pfarreizentrum in Kriegstetten begann mit einem Paukenschlag. Kirchgemeindepräsident Richard Tschol beschrieb in einem Rückblick, wie es dazu kam, dass der Kirchgemeinderat der Swisscom vertraglich erlaubte, eine Antennenanlage im Turm der Kirche St. Mauritius in der Nähe der Schulanlage zu platzieren.

Sein Rückblick endete mit dem Eingeständnis, einen Fehler gemacht zu haben, als man nach acht Jahren Werben nachgab und den Vertrag mit der Swisscom unterschrieb. Der Kirchgemeinderat hätte vor seinem Entscheid anfangs 2018 die Kirchgemeinde fragen sollen. Dann informierte er die Anwesenden: «Der Kirchgemeinderat hat vor wenigen Tagen meinen Antrag gutgeheissen, die Swisscom in einem Brief um die Auflösung des Vertrages zu bitten.» Mit dem Vertreter der Swisscom, Andreas Bättig, der an der Aussprache einen Vortrag hielt – «bei uns zählen nur die Fakten von Naturwissenschaft und Gesetz» – habe er ein Stillhalteabkommen bis Mitte Juni aushandeln können.

Zum Meinungsumschwung von Richard Tschol hat die Begegnung mit einem Bekannten zwei Wochen zuvor beigetragen. Dieser sei strahlungssensibel und konnte wegen einer Antenne monatelang nicht arbeiten. Das habe ihm zu denken gegeben. «Wahrscheinlich ist eine Mobilfunkantenne in der Nähe der Schule nicht das Wahre für die Schulkinder», erklärte er der Versammlung.

Finanzieller Druck

Eine Kirchengemeinderätin gab den gut 90 Besucherinnen und Besuchern der Aussprache einen detaillierteren Einblick in die Überlegungen des Kirchgemeinderates. Man sei zum Zeitpunkt des Entscheides unter Druck gestanden. Einerseits war da der Bau des neuen, 2,2 Mio Franken teuren Pfarreizentrums. Hinzu kamen die nötigen Sanierungen des Kirchendaches (Biberschwanzziegel) und der Orgel, die mit rund 250'000 Franken veranschlagt wurden. «Wir dachten, wir handeln in Verantwortung gegenüber der Kirchgemeinde und wollten mit dem Swisscom-Vertrag die Kosten der Sanierungen mindern.»

Sie sei Wissenschafterin und könne die Ausführungen des Swisscom-Vertreters nachvollziehen. Sie sei aber auch Mutter, deren Kinder die Schule nebenan besuchen, weshalb sie heute überzeugt ist, dass der Vertrag rückgängig gemacht werden muss. «Auch weil es eine Kirche ist.»

Keine Aussprache mit Swisscom

Die Teilnahme des Swisscom-Vertreters an der Aussprache war eigentlich überflüssig. Zwar erläuterte er die Bundesaufgabe, ein gutes Netz anzubieten, berichtete vom Druck der Gesellschaft und insbesondere der Wirtschaft, «sonst verlieren wir den Anschluss», erklärte Strahlenstärken und Grenzwerte, gestand ein, dass Strahlung möglicherweise Strahlen krebserregend sei – «mit unserem Netz sind wir aber weit entfernt von den gefährlichen Strahlen» – und dass 1 Prozent der Bevölkerung strahlungssensibel ist, und er kündigte weitere Netzaufrüstungen in der Zukunft an – «das wird sicher kommen».

Aber die Anwesenden suchten die Aussprache mit dem Kirchengemeinderat, wie angekündigt, und nicht die Auseinandersetzung mit der Swisscom. Ihre Meinungen waren gemacht.

«Die Seele verkauft»

Eine Anwesende erklärte: «Was uns wütend macht ist, dass wir nicht vorher informiert wurden.» Ein Anwesender symbolisierte die Unterzeichnung des Vertrags mit dem Satz: «Die Seele ist verkauft, nun haben wir den Teufel im Haus.» Er hoffe, dass die Swisscom zur Einsicht gelangt und den Vertrag auflöst. Diakon Dominik Meier erklärte, dass vom theologischen Standpunkt aus gesehen eine Antennenanlage nicht in einem Kirchturm Platz erhalten soll. «Dort gehören Glocken hin, mit denen wir zu Gott sprechen.»

Und ein Jugendarbeiter warnte vor der grossen Gefahr, immer weitere Bedürfnisse befriedigen zu wollen: «Heute müssen wir uns weniger mit drogensüchtigen Menschen auseinandersetzen als mit handysüchtigen.» Deren Anzahl betrage bereits 280 Millionen.

Keine Hilfe von niemandem

Das Baugesuch der Swisscom habe die Baukommission genehmigen müssen. «Alle baurechtlichen Vorgaben werden eingehalten», erklärte dazu der anwesende Baukommissionspräsident Peter Siegenthaler. «Die Anlage ist zonenkonform, man sieht die Anlage im Turm nicht, die Grenzwerte werden eingehalten.»

Auch dem Gemeinderat seien die Hände gebunden. «Der Kirchgemeinderat hat die Zusage gegeben, ohne uns vorher kontaktiert zu haben», sagte Gemeindepräsident Simon Wiedmer. Und auch mit einer Änderung des Zonenreglements könne eine Antenne nicht verhindert werden. Dies bestätigte Martin Stocker, vom kantonalen Amt für Umwelt, verantwortlich für Messungen der Grenzwerte. «Wir haben Bundesgerichtsurteile, die ein solches Vorgehen nicht billigen.» Er erinnere die Anwesenden dabei an den letztlich erfolglosen Widerstand der Günsberger gegen eine Antennenanlage am Rand der Schulwiese.

«Bereits viel Geld investiert»

Die Anwesenden würdigten in ihren Voten den Mut des Kirchgemeinderates, den begangenen Fehler eingestanden zu haben. Der Vertrag geht über 15 Jahre und bringt der Kirchgemeinde jährlich einen hohen vierstelligen Betrag. Allen war letztlich klar, dass die Antenne im Kirchturm nur von der Swisscom selber verhindert werden kann. Die Aussagen des Swisscom-Vertreters dazu waren nicht eindeutig: «Das kann ich nicht versprechen. Wir sind nicht dazu verpflichtet, den Vertrag rückgängig zu machen.» Die Swisscom sei noch nicht bereit, den Vertrag zu kündigen. «Wir haben hier bereits viel Geld investiert.»