Kulturgüterschutz
Zivilschutzleistende als Zügelhilfe: Im Museum Wasseramt räumen sie die Speicher aus

Bis nächsten Sommer sollen Kulturgüter aus dem Museum Wasseramt in ein Depot gezügelt. Zivilschutzleistende helfen dabei.

Rahel Meier
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Halten – Kulturgüterschutz
21 Bilder
Ein grosser Schlitten wird aus dem Raum im Erdgeschoss getragen
Die Tracht wird sorgfältig mit Seidenpapier versehen gelagert
Ein grosser Schlitten wird aus dem Raum im Erdgeschoss getragen
Ein grosser Schlitten wird aus dem Raum im Erdgeschoss getragen
Die Treppe muss weg, damit ein grosses Objekt aus dem Speicher getragen werden kann
Die Treppe muss weg, damit ein grosses Objekt aus dem Speicher getragen werden kann.
Das Fotostudio wurde extra eingerichtet, damit die nicht inventarisierten Gegenstände in den Katalog aufgenommen werden können
Wie soll der Balken vom Speicher weggenommen werden
Blick in den Kornspeicher
Alte Getreide- und Mehlsäcke
Alles wird sorgfältig eingepackt
Sorgfältig verpackt werde die grossen Stücke auf den Lastwagen verladen
Sorgfältiger Umgang mit den Kulturobjekten ist eine Selbstverständlichkeit
Speziell verarbeitet, ein Detail am Schlitten
Rauchgeruch hängt über dem Areal des Turmes in Halten
Holzskier, auch dies Zeitzeugen, die ins Museum gehören
Materialkiste
Eine Sammlung alter Ofenkacheln
Im Ofenhaus wird immer noch Brot gebacken
Keramiksammlung

Halten – Kulturgüterschutz

Hansjörg Sahli

Über dem Gelände rund um den Turm in Halten riecht es nach Feuer und Rauchwolken steigen aus einem der Speicher. Ausserdem wuseln Männer in orangefarbener Schutzkleidung über das Gelände. Ein Brand? Zum Glück nicht.

Im Ofenhaus wurde angefeuert, damit am Nachmittag Brot gebacken werden kann. Das Brand-Szenario ist den Männern in Spezialkleidung aber nicht unbekannt: Es sind Zivilschutzdienstleistende, ein Teil davon ist speziell für den Kulturgüterschutz ausgebildet.

«Für uns ist der Einsatz im Museum Wasseramt ein Glücksfall», meint Guido Schenker (Leiter Kulturgüterschutz, Amt für Denkmalpflege und Archäologie Kanton Solothurn). Normalerweise würden sich die Einsätze der Kulturgüterschutz-Spezialisten (KGS) auf das Fotografieren und Katalogisieren von Kulturgütern beschränken.

«Hier haben wir einen Gesamtauftrag. Wir müssen alle beweglichen Kulturgüter, die sich in den Gebäuden rund um den Turm befinden, evakuieren.» Die Gegenstände werden in ein Depot gebracht, damit die Speicher auf dem Gelände saniert werden können.

Die Zivildienstleistenden müssen viel überlegen, beispielsweise wie sie ihre Arbeitsplätze einrichten. In welcher Priorität und Reihenfolge die Kulturgüter eingepackt werden sollen. Welches Verpackungsmaterial soll verwendet werden? Welcher Transportbehälter? Es gelte zudem, eine Evakuationsliste zu erstellen.

Museum wird komplett erneuert

Das Museum Wasseramt, das sich im und um den Turm in Halten befindet, wird umgestaltet. Die Gebäulichkeiten müssen saniert werden, weil sie in den letzten 50 Jahren nur marginal unterhalten wurden.

Aus diesem Grund haben auch einige Ausstellungs- und Sammlungsgegenstände Schaden genommen. Gleichzeitig soll die Ausstellung neu konzeptioniert werden. Der ehemalige Wohnturm und die Speicher bleiben Teil des Freilichtmuseums.

Die Art der Ausstellung wird aber komplett erneuert und an heutige Standards angepasst. (rm)

Grosse Vielfalt an Gegenständen

Speziell sei zudem, so Peter Kaiser (Historiker und Beauftragter des Museums Wasseramt Turm in Halten), dass im Museum eine grosse Vielfalt von Gegenständen zu finden ist. Das gehe von landwirtschaftlichen Maschinen zu Gartengeräten, Textilien und Möbeln, Keramik und Dachziegeln bis hin zu Holzbearbeitungswerkzeugen. «Die einzelnen Sparten von Gegenständen müssen unterschiedlich geborgen, verpackt und gelagert werden.»

Tatsächlich arbeiten die Zivilschutzdienstleistenden an jedem Ort anders. Die Ausstellungsgegenstände in den Speichern sind thematisch sortiert. Im Speicher aus Gretzenbach, der seit 1974 in Halten steht, sind im oberen Stock allerlei Textilien ausgestellt.

Sorgfältig werden die Kleider und Trachten die Treppe heruntergetragen und danach in Seidenpapier eingewickelt. Mit grobem Geschütz musste hingegen im Speicher aus Derendingen gearbeitet werden.

Die Zivilschutzdienstleistenden mussten nämlich die Treppe abmontieren. Erst danach war es möglich, ein ganz spezielles Ausstellungsstück aus dem Raum im Erdgeschoss herauszunehmen. Es ist ein Schlitten, der dem Museum erst vor wenigen Jahren geschenkt wurde. Speziell fallen die beiden Tierköpfe oberhalb der Kufen auf.

Ebenfalls gut zu sehen ist ein Wappen, das angebracht wurde und möglicherweise dabei hilft, die Herkunft des Schlittens herauszufinden. Gar mit einer Trennscheibe musste im Speicher aus Bellach (1a) gearbeitet werden. Ein wunderschön beschrifteter Holzbalken war anders nicht abzunehmen.

Dabei zeigte sich auch, dass die KGS-Leute und die Pioniere gut miteinander arbeiten können. Jeder wurde an dem Ort eingesetzt, an dem er am nützlichsten war. So halfen die Zivilschützer vor allem, wenn es darum ging, schwere Lasten zu tragen.

Inventar vervollständigen

Schon vor Jahren wurde das Inventar des Museums Wasseramt durch den Kulturgüterschutz aufgenommen. Die meisten Objekte sind deshalb bereits erfasst, fotografiert und katalogisiert. «Wir haben aber in den letzten Jahren auch neue Gegenstände für unsere Sammlung bekommen.

Das ist der geeignete Moment, um alle diese Gegenstände ebenfalls zu erfassen und die Dokumentation zu vervollständigen.» In einem der Speicher wurde deshalb ein Fotostudio eingerichtet.

Der Einsatz im Turm in Halten wurde von den kantonalen und den eidgenössischen Behörden gemeinsam organisiert. Weil es sich um einen umfassenden und einmaligen Einsatz handelt, war auch Rino Büchel (Chef Kulturgüterschutz beim Bundesamt für Bevölkerungsschutz, Babs) vor Ort.

Auch Urs Schüpbach (Kommandant der Zivilschutzorganisation Wasseramt West) war in Halten anzutreffen. «Eine der ersten Fragen der Kursteilnehmer war die Frage, ob es sich hier um eine Übung oder einen echten Einsatz handelt.»

Das zeige, dass auch die Zivilschutzdienstleistenden sich darüber freuen, eine reale Arbeit zugunsten der Bevölkerung zu leisten.

Für die Erhaltung des kulturellen Erbes für unsere Nachfahren

Im Zivilschutz wird unterschieden zwischen Einsätzen bei Katastrophen und Notlagen, Einsätzen für Instandstellungsarbeiten und Einsätzen zugunsten der Gemeinschaft.

Der Zivilschutz ist auf Bundes- und kantonaler Stufe geregelt, Träger des Zivilschutzes sind aber meist die Gemeinden und Regionen. Der Kulturgüterschutz ist eine spezielle Sparte innerhalb des Zivil- und Bevölkerungsschutzes.

Kulturelle Objekte gelten seit je als Zeugen der Geschichte einer Gemeinschaft und ihrer Kultur. Der Kulturgüterschutz (KGS) hat es sich zur Aufgabe gemacht, die identitätsstiftenden Objekte für die nachfolgenden Generationen zu erhalten.

Tatsächlich sind Kulturgüter, auch wenn das komisch klingen mag, vielfach bedroht. Beispielsweise durch Krieg, gewaltsame Aneignung und Verschleppung, aber auch durch Katastrophen oder Alltagsereignisse wie Wassereinbrüche und Vandalenakte.

Um die Kulturgüter zu schützen, werden sie schweizweit inventarisiert, dokumentiert und gekennzeichnet. Es gibt speziell ausgebildetes Personal für den Kulturgüterschutz.

Im Rahmen der Wiederholungskurse im Zivilschutz werden die «Kulturgüterschützler» bei verschiedensten Aufgaben eingesetzt. Sie helfen beispielsweise mit, wenn Sammlungen katalogisiert werden müssen.

Im Kanton Solothurn sind total 73 Leute für den Kulturgüterschutz ausgebildet. Letzte Woche waren 12 dieser «Kulturschützler» in Halten im Einsatz. Dazu kommen 16 Zivilschutzdienstleistende der Zivilschutzorganisation Wasseramt West. (rm)