Audienz im Schlössli
Wylihof in Luterbach ist heute wie damals ein Treff der Wirtschaft

In den renovierten Seminarräumen des Parkforum Wylihof wird die Zukunft der Schweiz besprochen. Schon im 19. Jahrhundert war dieses Landschlösschen von wirtschaftlicher Bedeutung für die Nation. Ein Kachelofen erinnert an die alten Zeiten.

Lea Reimann
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Der Garten und das Schlösschen Wylihof.

Der Garten und das Schlösschen Wylihof.

Lea Reimann

Angenehm kühl ist es in den alten Gemäuern des Schlösschens Wylihof in Luterbach. Trotz der Stuckatur an den Decken oder den alten Gemälden an der Wand wirkt die Liegenschaft sehr modern. «Wir haben das Erdgeschoss, in dem sich die Seminarräume befinden, im Jahr 2010 komplett renoviert», erklärt Bernd Eigler, CEO vom Parkforum Wylihof. Hierbei habe man grossen Wert auf den Erhalt der Authentizität und das Einrichten nach Feng-Shui gelegt.

Audienz im Schlössli

Zahlreiche Schlössli und prächtige Landsitze zeugen von einst feudalen Verhältnissen in unserer Region. Ob herausgeputzt oder halb verfallen – die ehemaligen Patrizierhäuser in der Umgebung von Solothurn faszinieren noch heute. In einer Sommerserie blicken wir hinter die Fassaden der Häuser und treffen die Menschen, die in dieser besonderen Umgebung wirken, leben und arbeiten. Bereits erschienen: Schlösschen Vorder-Bleichenberg (9. Juli) und Königshof (18. Juli). (crs)

Der Gang, durch den man die einzelnen Seminarräume betritt, erhielt einen hellblauen Anstrich. «Das wirkt für die Seminargäste neutralisierend, so kann man den Business-Alltag hinter sich lassen», erklärt Eigler. Tatsächlich laden die sonnendurchfluteten Räume ein, Platz zu nehmen, zu arbeiten, vielleicht aber auch den Blick durch das Fenster auf die wunderschöne Gartenanlage zu geniessen.

Während sich im Erdgeschoss Seminarräume des Parkforums Wylihof befinden, wird das Obergeschoss von Besitzerin Yvonne Hürlimann bewohnt – allerdings nicht das ganze Jahr über. Gemeinsam mit ihrem Mann Jürg Hürlimann hat sie das Parkforum, das es seit August 2000 gibt, aufgebaut. Als er 2008 überraschend starb, führte seine Frau das Projekt weiter.

Der Bau selber bietet in seiner heutigen Gestalt keine datierten Werkstücke, sodass seine zeitliche Einordnung lediglich aufgrund stilgeschichtlicher Vergleiche möglich ist. Einen Hinweis könnte aber eine Quelle aus den 1570er-Jahren liefern, weiss Bernd Eigler. Darin verleiht der städtische Rat dem Stadtschreiber Wernher Saler, dem damaligen Besitzer des Wylihofes, ein Fenster mit Ehrenwappen für sein neu erbautes Sommerhaus auf seinem Hof «im Wile». Gut möglich, dass es sich beim heutigen Schlösschen um das Saler’sche Sommerhaus handelt.

Zweifellos erst später angefügt wurden die beiden Ecktürmchen, die auf den ersten Besitzer aus der berühmten Familie Vigier zurückgehen dürften. Als Johann Friedrich Vigier von Steinbrugg den Wylihof 1679 gekauft hatte, wurden gerade eine ganze Anzahl älterer Sommerhäuser in der Solothurner Umgebung zu sogenannten «Türmlihäusern» ausgebaut, so auch der Cartierhof, der Königshof, der Staalenhof oder der Bleichenberg. Durch das Vorsetzen der neuen Fassade mit Ecktürmchen erhielt das schlichte Saler’sche Sommerhaus nun erst den Charakter eines Landschlösschens im französischen Stil. Johann Friedrich Vigier nahm zahlreiche Umbauten vor und errichtete vor allem eine Zieglerei – sozusagen die Wiege der späteren Vigier-Zementindustrie, die noch immer auf dem Wylihof ansässig ist.

1871 errichtete Robert Vigier auf dem väterlichen Gut die erste schweizerische Fabrik für Portlandzement und leitete damit die moderne, industrielle Periode des Wylihofes ein. Der Luterbacher Dorfbach lieferte die nötige Wasserkraft dazu. Eigler erklärt: «Robert Vigier wurde damit zu einem der bahnbrechenden Industriellen des Kantons und zu einer nationalen Wirtschaftsgrösse.»

Unter seinem Schwiegersohn erlebte das Zementwerk einen Aufschwung, der besonders durch die 1907 durchgeführte Modernisierung des ganzen Produktionsapparates gefördert wurde. Mit wachsender Konkurrenz anderer Zementfabriken erwies sich der Wylihof aber als zu kostspielig, da alle Rohmaterialien von auswärts zugeführt werden mussten.

So entschloss sich die Familie Vigier 1932, den Betrieb der Stammfabrik einzustellen und die Produktion zu verlegen. Der Wylihof blieb aber weiterhin offizieller Geschäftssitz der Zementwerke Vigier AG.

Ein besonderes Detail, das sich im Innern der Seminarräume noch immer findet, sei der Kachelofen, sagt Bernd Eigler. Dieser gehört zu den wenigen Elementen aus alter Zeit, die in den Seminarräumen noch vorhanden sind. Und er sei charakteristisch, so Eigler. So habe er doch schon damals Wärme gespendet, als Urgrössen der Schweizer Wirtschaft in diesen Räumen über die Zukunft des Landes befunden haben. Daran habe sich nichts verändert, denn: «Der Wylihof ist noch heute ein Mittelpunkt für Wirtschaftsgrössen und ein führendes Seminarzentrum», gerade letzthin habe beispielsweise die oberste Führung der Schweizerischen Bundesbahnen hier getagt. Der Raum, in dem der Kachelofen steht, ist gelb gehalten. «Gelb ist anregend und fördert Ideen», erläutert Eigler das Feng-Shui-Konzept.

Der alte Kachelofen

Der alte Kachelofen

Lea Reimann

Auf Casanovas Spuren?

«Zum berühmten Wasserschloss ist der Wylihof wohl erst im 18. Jahrhundert geworden», erklärt Bernd Eigler. Es dürfe angenommen werden, dass erst Robert Vigier den Wassergraben, den man heute noch sieht, errichten liess. Man munkelt ausserdem, dass der venezianische Schriftsteller und Abenteurer Casanova den Wylihof besucht habe. Die ohnehin spärlichen Quellen, die zum Wylihof existieren, liefern aber keine eindeutigen Belege. Eigler: «Da die Familie Vigier in Solothurn so hoch angesehen war, vermutet man, dass diese Verbindung zu Casanova bestand und er auch das Wasserschloss besucht hatte.»Gerade weil weder bei der Besitzerfamilie noch bei der Denkmalpflege viel über den Wylihof vorhanden ist, möchte man die Informationen nun bündeln, um ein Büchlein über die Geschichte des ganzen Areals zu schreiben.

Das denkmalgeschützte Barockschlösschen habe sich im Laufe der Zeit als sehr renovationsintensiv erwiesen, weiss Bernd Eigler. Jährlich wiederkehrend werden sowohl im Innen- als auch im Aussenbereich Sanierungsmassnahmen vollzogen. «Der Besitzerin liegt viel daran, das Familiengebäude im Originalzustand zu erhalten», so Eigler. Dazu seien immense finanzielle Aufwendungen nötig. Diese werden zum Wohle des Gebäudes zwar gerne getätigt, doch wünschte sich Bernd Eigler, dass die Seminarräume auch von Stadt und Kanton für Sitzungen genützt würden. Denn der Wylihof solle ein wichtiges Zentrum für Wirtschaft und Staat bleiben, wie er dies auch in den Jahrhunderten vorher war.