Lüterswil

Wunderdoktor und Seelentröster: Der Schärer-Micheli begeistert

Fulminanter Auftakt für das Bucheggberger Freilichtspiel «Der Schärer-Micheli». Sämtliche zwölf Vorstellungen sind ausverkauft. Das Publikum an der Premiere zeigt sich begeistert.

Das «Chrüttermannli» hat enormen Zulauf. Im Wartezimmer stehen die Patienten Schlange, und selbst auf dem prächtigen Hausplatz drängen sich jene, die den Rat des Emmentaler Naturarztes suchen. Das arme Taunerfraueli mit den hungernden Kindern, der verfressene deutsche Baron, der schön frisierte «Parlez-vous», das zanksüchtige «Chuderluuri».

Sie sind dem Tod geweiht oder nur eingebildet krank, aber sie alle wissen, was sie an ihrem Schärer-Micheli aus Langnau haben. Je nach Betrachtungsweise einen Quacksalber oder Wunderdoktor, aber immer einen Menschenfreund, dem jeder gleich viel gilt, sei er arm oder reich. Und der seine Kundschaft nicht nur von körperlichen «Bräschteli», sondern auch von so manch seelischem Leiden befreit.

Auch vor der Bühne wollen alle in Schärer-Michelis Sprechstunde. Sämtliche zwölf Vorstellungen des Freilichtspiels mit den 300 Tribünenplätzen sind ausverkauft. Ein grosser Erfolg für den Verein Buechiwäger, der sein sechstes Stück auf die Bühne unter dem Bucheggberger Himmel bringt. Am Dienstag feierte das Theater bei der Sägerei Trittibach in Lüterswil Premiere. Es war ein fulminanter Auftakt für ein grösstenteils heiteres Spiel, das die Zuschauenden in die Emmentaler Welt vor gut 250 Jahren mitnimmt.

Raffiniertes Bühnenbild

Während die Sonne hinter den Hügeln untergeht und die Geranien auf den Simsen des Riegelhauses mit den orange eingefärbten Abendwolken um die Wette leuchten, erwacht das Treiben auf der Bühne. Es ist im Mai 1750, der Arzt protokolliert im Untersuchungszimmer mit Tinte und Feder die Krankheitsbilder seiner Patienten, oder er liest per Harnschau ihre Leiden aus dem Wasser heraus. Im Regal reihen sich die «Gütterli», in denen nicht nur Salben und Tinkturen bereitstehen, sondern auch der eine oder andere selbstgebrannte Tropfen. Selbst die Kräuter in den Beeten am Bühnenrand sind nicht bloss Dekoration.

Die Regisseurin Yvonne Hofer nutzt die Möglichkeiten der Freilichtbühne mit den verschiedenen Spielebenen voll aus. So ist es für die Zuschauenden äusserst interessant, gleichzeitig das Geschehen in der Sprechstunde, auf dem Hausplatz oder in der Scheune beobachten zu können. Dass eine Fledermaus über die Bühne flattert oder sich ein Kätzchen in die Szenerie verirrt, steht natürlich nicht im Drehbuch, trägt aber zum Reiz des Freilichtspiels bei. Apropos Tiere: Den ersten Szenenapplaus heimst prompt ein Hündchen ein, das mit seinem Auftritt das Publikum erheitert.

Über Werden und Vergehen

Mit der Wahl des Hauptdarstellers Bernhard Moser beweist Regisseurin Yvonne Hofer ein feines Gespür für die Rollenverteilung. Mit starker Präsenz, professioneller Körpersprache und einwandfreier Textsicherheit prägt er das Stück. Er rührt und erheitert das Publikum mit seiner enormen Spiellust und überbrückt gekonnt eine der Premierennervosität geschuldete Textunsicherheit eines Mitspielers. Auch die rotwangige Magd Marie Flückiger, der Baron von Wittenbach und die Bäuerin Marianne Wüthrich tragen überzeugend zu den lebendigen Interaktionen bei.

Nach gut zwei Stunden ist es rund um den Festplatz dunkel geworden, im Spiel auf der Bühne hält der Herbst Einzug. Für die todkranke Therese hat das letzte Stündchen geschlagen, und der Wunderdoktor muss sich eingestehen, dass weder seine List noch die beste Medizin gegen höhere Mächte etwas auszurichten vermag.

Doch es wäre kein Stück des Berner Autors Ernst Balzli, würde es so traurig enden. So findet Schärer-Micheli zum Schluss dank seiner wohl schönsten «Diagnose» zur Heiterkeit zurück. Und die humorvolle Sprechstunde ruft dem begeisterten Publikum nach gut zwei Stunden in Erinnerung, wie das Leben so spielt; damals wie heute, im Emmental wie im Bucheggberg.

Mehr Infos zum Freilichtspiel gibt es hier.

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