Lommiswil

Wo Zauberlehrlinge Einrad fahren und Pippi Langstrumpf fliegen kann

Der Kinder- und Jugendzirkus Pitypalatty aus Lommiswil entführt in die Welt der Bücher.

Die Augen zusammengekniffen, die Hände zu Fäusten geballt, die Worte strömen nur so vor sich hin, während sich die Stimme überschlägt. Es ist ein Tobsuchtsanfall der schlimmsten Sorte, den das Clown-Mädchen ereilt hat. Stein des Anstosses: Der Schulkollege, der lauthals in der Bibliothek quatscht.

Die Kollegen rundherum grinsen bereits, derweil Zirkusdirektorin und Clown Barbara von Arx das Mädchen antreibt: «Weiter reden, du musst einfach die ganze Zeit reden!» Noch wilder, noch lauter, noch deutlicher. Bis Frau Hugentobler wütend angestapft kommt – jetzt aber schnell weg!

Frau Hugentobler ist die Bibliothekarin. In der langen Zeit, die sie schon zwischen Bücherregalen verbringt, ist ihre Freude an Literatur ins Unermessliche gewachsen – auf Kosten ihres Sinns für Eleganz. Ihre Erläuterungen absolviert sie folglich in biedere Kleidung gehüllt, übertrieben grinsend und wild gestikulierend. Frau Hugentobler, gespielt von der 18-jährigen Dea Eberli, führt das Publikum durch die Aufführung des Kinder- & Jugendzirkus› Pitypalatty.

In dieser dürfen Schüler einen Tag lang das Klassenzimmer gegen die Bibliothek tauschen. In den Sketches bringen Dea und die Clowns das Publikum zum Lachen, wenn sie den Alltag in der «pity OH thek» beleuchten. Dazwischen entführen die 37 Artistinnen und Artisten zusammen mit dem Orchester das Publikum an die schönsten Schauplätze der Literatur.

Wilder Westen bis Hogwarts

Im Pitypalatty sind Kinder ab 10 Jahren willkommen. «Vorkenntnisse verlangen wir keine», so Leiter Miron Rohde. «Aber der Zirkus muss an erster Stelle stehen, wir haben eine lange Warteliste.» Warum leuchtet schnell ein: Die Welt des Zirkus ist magisch, und die jungen Artisten sind auch in der heutigen Probe mit Leib und Seele dabei. Wohin die Reise geht, durften sie mitentscheiden. «Jede Disziplin hat ein anderes Buch ausgesucht», erklärt Rohde.

Und so verblüffen Ali Baba und seine akrobatischen Räuber mit Personenpyramiden, Cowboys tauschen Lasso gegen Diabolo, Marsupilamis hangeln sich geschickt an Seilen hoch und Harry-Potter-Fans dürfen sich gar auf ein Quidditch-Spiel freuen.

Artisten und Musiker bereiten sich seit November intensiv auf die Shows vor. Auch in der heutigen Probe, die im ersten Moment wie eine chaotische Turnstunde wirkt, arbeiten die Artisten hart an sich. Sie üben mit Fleiss und Spass ihre Einsätze und suchen die richtige Mischung aus Präzision und Lockerheit.

Schliesslich wollen sie vor dem Publikum vergnügt und unbeschwert wirken, während sie Kunststücke vorführen. Die Leiter unterstützen die Kinder unermüdlich, zeigen Bewegungen vor, animieren die Clowns zur Übertreibung, bleiben hartnäckig kritisch und spenden als Lob herzlichen Applaus. Ohne Artisten keine Show.

«Der Zirkus ist nicht normal»

Aber auch abseits der Manege fällt Arbeit an. Hier packt ein ganzer Verein, bestehend aus den Eltern der Kinder, tatkräftig mit an, wie Rohde erklärt. «Die Kostüme zum Beispiel wurden von einigen Eltern genäht.» Kuchenverkauf, Fahrdienste, Requisitenbeschaffung – zu solchen Einsätzen verpflichten sich die Eltern. Dafür haben sie Mitspracherecht und ermöglichen ihren Kindern, das Zirkushandwerk von Profis zu lernen.

Auch von Dea Eberlis Erfahrung können die Jüngeren profitieren. Sie ist seit acht Jahren am Stück dabei und damit aktuelle Rekordhalterin. Weshalb es ihr im Zirkus gefalle? «Es ist nicht normal», antwortet sie lachend. Andere spielen Fussball oder Klavier – sie hingegen jongliert und balanciert über Seile. Aktuell kombiniert sie als Frau Hugentobler zum ersten Mal Artistik und Schauspiel miteinander, was eine Herausforderung sei. «Normalerweise kann man sich auf seine Nummern konzentrieren, jetzt springe ich viel hin und her.»

Und schon huscht sie wieder davon – ihre Probe als Cowboy steht bevor. Während Dea zu den alten Hasen gehört, ist die elfjährige Annina das erste Mal dabei. «Ich war vorher ein paar Mal in der Sommerwoche und habe Aufführungen gesehen.» Die Entscheidung zwischen den Disziplinen sei ihr entsprechend leicht gefallen. Und so zeigt sie dem Publikum bald, wie ihr die Zirkuswelt gefällt, wenn sie als Pippi Langstrumpf am Trapez durch die Lüfte schwingt.

Aufführungen in der Dorfhalle Lommiswil: 20.5. um 17 Uhr und 21.5. um 11 Uhr. Aufführungen beim Baseltor in Solothurn: 25.8. um 19 Uhr und 26.8. um 12.00 und um 17 Uhr. Weitere Informationen: www.pitypalatty.ch

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