Bibern

Wo selbst angebauter Flachs zu Papier verarbeitet wird

Das Schönste: Wenn das Papier geschöpft werden kann.

Das Schönste: Wenn das Papier geschöpft werden kann.

Patricia Müllers Atelier liegt oberhalb von Bibern, etwas abgelegen, mit Weitblick. Hier verarbeitet die Gestalterin selbst angebauten Flachs zu Papier.

Das Atelier in einem ehemaligen Bienenhaus hat Patricia Müller seit 2007. Genau genommen sei es ein Pflanzenverarbeitungsraum, präzisiert sie. Hier wird aus Pflanzenfasern Papier. «Der Flachs wird zuerst drei bis fünf Wochen gerottet, das heisst, in Wasser eingeweicht, damit sich die Faser vom Holz löst», erklärt Müller den Vorgang. Sie spreche von Flachs, aber man könne auch Leinen sagen, das sei die gleiche Pflanze, klärt sie auf. Dann kommt das Brechen: Die Gräser werden geknickt, damit der hölzerne Kern des Halms bricht. Dafür wartet Müller auf eine Bisenlage, auf trockene Luft. Diese begünstigt die anschliessende Trennung des gebrochenen Holzes von der Faser.

«Hecheln», heisse dieser nächste Schritt. Das war früher Männerarbeit. «Mit einer Hechel, ähnlich einem Kamm, wurde die Faser so lange durchgehechelt, bis sie frei von Holz war.» Daher stamme auch die Redensweise «durchhecheln, bis keine gute Faser mehr daran ist». Die Fasern können dann gesponnen oder gewoben werden. Sie aber zerschneide sie.

Gerätschaften abgeändert

Einige Gerätschaften, die hier stehen, hat sie für ihre Bedürfnisse abgeändert. Etwa die hydraulische Papierpresse, die einst eine Mostpresse war. Müller hat sie auf die für sie nützlichen Masse umbauen lassen und presst nun darin das Wasser aus den handgeschöpften Blättern. Oder der Holländer, ein Papiermahlwerk – das Herzstück des Ateliers. «Da kommt das Wasser mit den zerkleinerten Fasern rein. Diese werden während vier bis sechs Stunden durch ein Chromstahlrad verrieben, bis die Papierpulpe entsteht», erklärt sie. Man spricht auch von zerfasern. Die breiartige Pulpe kommt daraufhin in ein grosses grünes Becken, die sogenannte Bütte. «Jetzt kommt das Dessert», sagt Müller. Für sie sei das immer das Schönste nach dem langen Prozess der Verarbeitung: das Schöpfen. Sie taucht ein Sieb in die Pulpe, das Wasser fliesst langsam ab, zurück bleibt ein tropfnasses Leinenblatt.

Ob Leinen oder Baumwolle, der Vorgang der Papierherstellung sei der Gleiche, nur dass Müller die Baumwollpulpe oft aus ausgedienten Tüchern gewinnt: Tisch- und Leintücher, aber auch Jeans finden den Weg in die Bütte. Je nach Faser hat das Papier andere Eigenschaften. «Manche meinen, ich stelle Pergament her», sagt sie. Tatsächlich hat das Papier aus Flachs eine ähnliche Haptik wie das Papier tierischen Ursprungs – und eine komplett andere als jenes aus Baumwolle. Leinenpapier ist härter, widerstandsfähiger und etwas sperriger, es hat, wenn es dünn ist, eine leichte Transparenz. Diese unterschiedlichen Eigenschaften macht sich Müller zu Nutzen. Aus Leinenpapier macht sie Lampenschirme, die das Licht aus der Glühbirne – oder LED – angenehm warm streuen. Manchmal schöpft sie Blätter eines Baums oder einer Blüte mit ins Papier. Oder sie arbeitet mit Drähten, die eine Art Gerippe im Papier hinterlassen.

Müllers Wissen und Können ist gross. Die ausgebildete Papier-Gestalterin verfolgt seit 22 Jahren ihre Leidenschaft. Als Kind hat sie bereits Papier geschöpft – ihre Mutter war Handarbeitslehrerin und lehrte sie nicht nur das Schöpfen von Papier, sondern auch Tiefdrucktechniken wie etwa die Zuckertusche, die Müller auch heute noch in ihre Arbeiten integriert. Einen Einblick in ihr vielseitiges Schaffen erhält man beim Besuch ihres Verkaufs- und Ausstellungsraums. Die Mutter von vier Kindern hat sich in einem denkmalgeschützten Bauernhaus von 1777 zwei Räume eingerichtet und empfängt dort auf Anfrage interessierte Besucherinnen und Besucher.

Ihre Arbeiten verkauft Patricia Müller auf diversen Märkten, etwa dem Berner Münster Weihnachtsmarkt. Ihre Arbeiten sind vom 18. Oktober bis 16. November 2018 in der Ausstellung «Struktur in Papier» zusammen mit Arbeiten von Jakub Degler in der Artis Galerie in Büren an der Aare zu sehen, Vernissage am 18. Oktober, 19–22 Uhr. Weitere Infos unter www.papelier.ch

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