Ab 1. Januar 2018 übernimmt die Gemeinde das Kinderbetreuungsangebot des Vereins Kind und Familie. Dazu gehören Kindertagesstätte, Schülerhort, Mittagstisch, Spielgruppen, Waldspielgruppe und Krabbelgruppe. Wie es dazu kam, beschreiben Gemeindepräsidentin Silvia Spycher und Vereinspräsidentin Franziska Grab.

Was stand am Anfang des Kinderbetreuungsangebots in Selzach?

Franziska Grab*: Ganz am Anfang, um 2003, gab es eine Anfrage der Firma Stryker. Gefragt wurde nach einem Kinderbetreuungsangebot in Selzach und nach einer Zusammenarbeit mit der Gemeinde. Das Anliegen wurde im Gemeinderat erörtert und ich bekam zirka 2006 den Auftrag, ein erstes Angebot auszuarbeiten, worauf ich eine Arbeitsgruppe gründete.

Die Gemeinde war von Beginn an mit dabei.

Genau. Daraus entstand zuerst der Mittagstisch, mit einer Leistungsvereinbarung mit der Gemeinde. Das ist das Spezielle in Selzach: Wir hatten von Anfang an die Gemeinde mit im Boot. Ich habe dem damaligen Gemeindepräsidenten Viktor Stüdeli gesagt, ich will helfen, aber im Auftrag der Gemeinde.

Warum?

Ich bin der Meinung, dass die Tagesstrukturen von der Gemeinde, das heisst von der Öffentlichkeit mitgetragen werden soll. Es ist in meinen Augen vergleichbar mit der Spitex.

Silvia Spycher, Sie waren damals bereits im Gemeinderat. Waren sie auch der Meinung, Kinderbetreuung sei Aufgabe der Gemeinde?

Silvia Spycher*: Bei uns in der FDP war dies am Anfang noch umstritten. Aber relativ schnell setzte sich die Meinung durch, die Allgemeinheit müsse sich hinter dieses Anliegen stellen.

Am 1. Januar übernimmt die Gemeinde das Angebot des Vereins Kind und Familie: Was heisst das?

Wir übernehmen die Angestellten, wir übernehmen die Administration, wir machen alles. Die Gemeinde erhält zusätzlich etwa 35 Mitarbeiter. Künftig haben wir eine Leiterin Kinderbetreuung. Sie hat dieselbe Stufe wie der Bauverwalter oder der Gemeindeverwalter. Wir haben die Organisationsstruktur der Gemeinde abgeändert und haben jetzt drei Bereiche auf der Verwaltung, wobei der Bereich Kinderbetreuung nicht im Gemeindehaus sondern eben im ehemaligen Pfarrhaus, wo die meisten Betreuungsangebote neu konzentriert sind, angesiedelt ist. Es war unser Ziel, alles unter ein Dach zu bringen. Das war unsere Vision.

Hätten Sie es sich vor zehn Jahren vorstellen können, dass es so weit kommt?

Franziska Grab: Nein. Ich bin nicht hier aufgewachsen. Als meine Kinder noch klein waren, gab es höchstens die Möglichkeit, die eigenen Kinder bei Tageseltern betreuen zu lassen. Danach begann ich mich zu engagieren. Es brauchte einen langen Schnauf, aber es hat sich gelohnt.

Silvia Spycher: Ich habe mir das auch überhaupt nicht vorstellen können. Ich selber hatte nie etwas mit externer Kinderbetreuung zu tun, weil ich meine Kinder selber betreute. Deshalb war es mir auch nicht so nah. Aber durch das Engagement von Franziska, die fortwährende Erörterung der Angebote im Gemeinderat wuchs auch in mir das Verständnis für das Anliegen. Am Schluss war es mein Ziel, dass das ganze Betreuungsangebot zu einer Einheit wird. Die Kinderbetreuung wurde bereits im Verein hervorragend gestaltet, aber ich bekam das Gefühl, dass sie eine Aufgabe der Gemeinde ist.

Selzach hat rund 3000 Einwohnerinnen und Einwohner. Deshalb ist es eher aussgewöhnlich, dass die kleine Gemeinde dieses Angebot managen wird. Was hat diese Konstellation begünstigt?

Silvia Spycher: Wir haben immer im Rahmen des Budgets diese Fragen diskutiert, aber gleichzeitig nicht recht gewusst, was abläuft. Der Gemeinderat konnte den Prozess nicht selber steuern. Es kam der Punkt, an dem der Gemeinderat sagte, wenn wir die Aufsicht haben, können wir auch die Kosten steuern.

Eine andere Klammer ist die eingangs erwähnte Firma Stryker.

Das stimmt. Die Firma wuchs stetig an und parallel dazu das Kinderbetreuungsangebot, weil die Firma immer mehr Plätze brauchte. Stryker hat viel dazu beigetragen, dass es rassig
vorwärts ging.

Nicht nur mit den Angestellten, sondern auch mit steuerlichen Abgaben: Ist man als Gemeinde dann auch verpflichtet, etwas von diesem Geld für das Betreuungsangebot einzusetzen?

Silvia Spycher: Natürlich ist das auch eine Komponente. Stryker ist unser bester Steuerzahler. Deshalb wollen wir auch, dass es der Firma hier wohl ist und die Kinderbetreuungsangebote
ihren Mitarbeitern zur Verfügung steht.

Franziska Grab: Die Firma Stryker hatte eine wichtige Rolle. Sie erklärten immer, dass sie ihren Mitarbeitern als familienfreundliche Firma etwas Gutes bieten wollen. In der Schweiz war der Mangel an Fachkräften in den letzten Jahren oft ein Thema. Wichtig ist es da, dass man
die gut ausgebildeten Leute nicht verliert, wenn ein Kind auf die Welt kommt. Das hat mit geholfen bei der Entwicklung des Betreuungsangebotes in Selzach.

Hier wird einer gesellschaftlichen Entwicklung Rechnung getragen. Selzach hat hier gar eine Vorreiterrolle, begünstigt durch die Firma Stryker...

Silvia Spycher: ...bei der Kita, aber nicht bei den anderen Angeboten. Da sind es die Einwohnerinnen und Einwohner der Gemeinde, die die Angebote nutzen. Der Mittagstisch war von Beginn an ein Erfolg und das sind Kinder vom Dorf, die diesen benutzen. Auch die Spielgruppen.

Warum kam es nicht zu den typischen Grabenkämpfe zwischen rechts und links in dieser Frage?

Silvia Spycher: Doch, es gab schon kritische Stimmen, die sagten, es koste viel und es nütze wenigen. Aber es war nicht so schlimm, und sonst hat man dafür gearbeitet, dass man die entsprechenden Mehrheiten gefunden hat. Wir alle haben uns mitverändert.

Franziska Grab: Immer wieder kam das Thema in den Gemeinderat und das brachte eine langsame Entwicklung in die richtige Richtung. Wir sind langsam hineingewachsen und konnten je länger je mehr realisieren. Zumal auch die Benutzerzahlen stimmten.

Silvia Spycher: Und die Finanzen stimmten auch immer. Die Zahlen des Budgets wurden eingehalten oder gar unterboten, was das Vertrauen des Gemeinderates in den Verein stärkte.

Haben Sie jetzt den Überblick über die Kosten?

Silvia Spycher: Wir geben gleich viel aus wie vorher.

Franziska Grab: Es ist noch etwas schwierig zu beziffern, denn das Angebot Kinderhort gibt es erst seit diesem Sommer. Die Kita kostet die Gemeinde rund 100'000 Franken.

Hinzu kommen die Kosten für die neue Leitung.

Silvia Spycher: Die gibt es bereits jetzt schon.

Franziska Grab: Aktuell ist es schwierig, genaue Zahlen anzugeben. Wir rechnen mit etwa 150'000 Franken Kosten für die Gemeinde.

* Franziska Grab, SP, ist Präsidentin des Vereins Kind und Familie und sass von 2009 bis 2017 im Gemeinderat.
** Silvia Spycher, FDP, ist Gemeinderätin seit 2005 und Gemeindepräsidentin seit 2013.