Selzach
Wildtier-Wege ohne Todesgefahr – Doch was sind die Folgen für die Landwirtschaft?

Müssen Selzacher Landwirte mit der Festsetzung von Wildtierkorridoren um ihr Land fürchten? So wird der Wildtierkorridor in Selzach verwirklicht.

Urs Byland
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Der Wildtierkorridor: Mitte links einige Häuser von Selzach, Mitte rechts der Siedlungsrand von Lommiswil. Dazwischen wollen die Tiere durch. Kommen die Tiere von Süden müssen sie nach dem Wasser der Aare noch die Eisenbahnlinie und die Kantonsstrasse queren.

Der Wildtierkorridor: Mitte links einige Häuser von Selzach, Mitte rechts der Siedlungsrand von Lommiswil. Dazwischen wollen die Tiere durch. Kommen die Tiere von Süden müssen sie nach dem Wasser der Aare noch die Eisenbahnlinie und die Kantonsstrasse queren.

Mit dem Räumlichen Leitbild und der darauffolgenden Ortsplanungsrevision wird ein Thema in Selzach akut: Wildtierkorridore. Dabei handelt es sich um eine Verbindung in der Landschaft für Wildtiere. Selzach verzeichnet gleich zwei Wildtierkorridore. Einen regionalen und einen nationalen.

Freie Bahn für Wildtiere

Gestern lancierte Pro Natura die Kampagne «Freie Bahn für Wildtiere». Der Umweltverband fordert, dass beeinträchtigte oder unterbrochene Wildtierkorridore und Bewegungsachsen wieder durchgängig gemacht werden (siehe auch www.pronatura.ch)

Bei der Planung und beim Bau von Infrastrukturen müsse man konsequent Rücksicht auf die Mobilitätsbedürfnisse der Wildtiere nehmen, um eine weitere Zerschneidung ihrer Lebensräume zu verhindern. Nicht nur grosse Säugetiere wie der Rothirsch müssen sich frei bewegen können.

Auch Reh, Luchs, Dachs, Feldhase, Baummarder, Igel, Laubfrosch und Zauneidechse hätten wie fast alle Tiere einen ausgeprägten Bewegungsdrang und typische Wanderrouten, sogenannte Wildtierkorridore oder Bewegungsachsen. (uby)

Der nationale Korridor gehört zu einem Verbindungsnetz, auf dem die Wildtiere im Gebiet Drei Höfe Solothurner Boden betreten. Sie wandern weiter zwischen Lohn und Biberist und verlassen den schützenden Wald westlich von Nennigkofen. Dort queren sie auf der Wildtierbrücke Riemberg die Autobahn. In der Nähe des Aareinseli schwimmen sie über den Fluss. Es folgt die Querung der Eisenbahnlinie und der Bielstrasse, bevor das offene Gelände den Weg freigibt in den Jura. So der Plan. Dieser Korridor wird mit dem neuen kantonalen Richtplan nun festgesetzt.

Damit haben aber die Selzacher ein Problem. Der Gemeinderat plädierte in der Mitwirkung zum kantonalen Richtplan dafür, die Wildtierkorridore von der Stufe Festsetzung in die Stufe Vororientierung zurückzustufen.

Der Gemeinderat fürchtet weniger die Wildtiere als die Landwirte. Denn in der Begründung setzt er sich für deren Anliegen ein. Die «spezifischen Massnahmen» innerhalb der einzelnen Wildtierkorridore seien nicht bekannt. So sei etwa aufzuzeigen, inwiefern die Wildtierkorridore im Konflikt zu den Fruchtfolgeflächen sowie der landwirtschaftlichen Nutzung dieser Flächen stehen.

«Die Landwirte wissen nicht wirklich, was die Festsetzung eines Wildtierkorridors bedeutet», erklärt Thomas Leimer, Selzachs Bauverwalter. Welche konkreten Massnahmen ergriffen werden, dazu stehe in den Massnahmenblättern nirgends etwas. «Hauptgrund für die Befürchtungen ist der Mangel an Kommunikation», ist Leimer überzeugt. Andererseits habe bis jetzt noch nie ein Baugesuch, auch ausserhalb der Bauzone, eine Auflage wegen des Wildtierkorridors erhalten.

In seiner Antwort zur gemeinderätlichen Stellungnahme hält das Bau- und Justizdepartement an der Festsetzung fest. Die Umsetzung der Massnahmen sei ein längerfristiger Prozess. Die Massnahmen würden in der öffentlichen Auflage in jeder betroffenen Gemeinde bekannt gemacht. Wildtierkorridore und Fruchtfolgeflächen seien separate Bereiche, Letztere können auch in Wildtierkorridoren vorkommen.

Die Selzacher Landwirte gingen aber auch an der ausserordentlichen Gemeindeversammlung vom 27. März, an der das Räumliche Leitbild entschieden wurde, zu einem Frontalangriff über. Ein mehrseitiger Antrag zielte bereits in der Eintretensdebatte darauf ab, die Umweltleitsätze zum Wildtierkorridor, zu den Bächen und zum Naturschutz zu streichen. Dies hätte eine Rückweisung des Leitbildes an den Gemeinderat bedeutet. Die prompte Rückweisung wurde ganz knapp abgewendet mit 40 Ja- zu 43 Nein-Stimmen.

«Erhöhte Mortalität»

Haben die Landwirte konkret zu befürchten, dass ihr Landwirtschaftsland verringert wird? «Nein, sicher nicht überall innerhalb von Wildtierkorridoren», sagt Mark Struch, Abteilung Jagd und Fischerei beim Kanton. «Wir planen keinen Wald oder Feldgehölze in Landwirtschaftsland.» Was so viel heisst wie, dass den Bauern innerhalb des Wildtierkorridors Riemberg–Lommiswil kein Land weggenommen werden soll, um Bäume für einen das Wild schützenden Wald anzupflanzen.

Der Grund sei einfach. Der Wildtierkorridor in Selzach ist nicht unterbrochen wie andere nationale Wildtierkorridore im Kanton, beispielsweise bei Kestenholz, wo die Autobahn eine Sperre darstellt. Im Rahmen des Ausbaus der Autobahn auf sechs Spuren ist dort ein wildtierspezifisches Bauwerk zur Querung der A1 geplant. Dies hat der Wildtierkorridor von Nennigkofen nach Selzach im Riemberg bereits. «Diese Brücke wird vom Wild akzeptiert und rege genutzt», weiss Struch.

Problematisch sei nachfolgend vor allem die Querung der Eisenbahnline und der Bielstrasse. «Im Perimeter des Wildtierkorridors hat es eine erhöhte Mortalität», sagt Struch. Bei der Bahnlinie sei keine Massnahme vorgesehen, aber die Installation von Wildtierwarnanlagen an neuralgischen Strassenabschnitten wie der Bielstrasse seien zu diskutieren. Sensoren würden warme Körper registrieren, worauf Autofahrer gewarnt werden. Ansonsten würden in Zusammenarbeit mit den Bauern Massnahmen beispielsweise im Rahmen von Vernetzungsprojekten umgesetzt.

Genaustausch ermöglichen

Die Wildtierkorridore sind in unterschiedliche Stufen eingeteilt, erklärt wiederum Ariane Hausammann, Geschäftsführerin Pro Natura. Nationale und überregionale Korridore sollen den Wildwechsel garantieren. Warum eigentlich? «Wildtiere benutzen je nach Jahreszeit und Futter bestimmte Wege, die aufgrund von Beobachtungen festgestellt werden können. Diese Weg sollten erhalten bleiben.»

Das habe mehrere Gründe. Neue Strassen, und überhaupt Strassen lassen die Fallwildzahlen ansteigen. Eingehagte Autobahnen blockieren den Wechsel. In den anliegenden Wäldern steigt die Wildtier-Population an und verursacht Schäden. Ein wichtiger Faktor sei aber auch die Durchmischung der Populationen. «Ohne Genaustausch verarmt eine Population. Deshalb müssen die Wildtiere wandern können.» Inzuchterscheinungen sind eine Frage der Zeit und das Ausrottungsrisiko wächst, wie Wildtierbiologen festgestellt haben.

Vernetzungsprojekt

Bauern fürchten mit den Massnahmen, den Wildtierkorridor zu sichern, um ihre Produktionsflächen. Ariane Hausammann erinnert aber an die Biodiversitätsflächen. Jeder Bauer, der Direktzahlungen erhält, muss sieben Prozent seiner Produktionsfläche nicht intensiv, sondern extensiv bewirtschaften. Diese extensiven Strukturen würden natürlich gerne an den Rand der zu bewirtschaftenden Flächen gelegt. Mit dem Vernetzungsprojekt sollen die Landwirte aber animiert werden, auch dort Ausgleichsflächen anzulegen, wo sie der Natur etwas bringen, eben beispielsweise in einem Wildtierkorridor. «Dafür erhalten sie einen zusätzlichen Vernetzungsbeitrag.»