Oberdorf
Wieder Wahlen nach 15 Jahren: Die Kandidaten erklären, wieso sie Gemeindepräsident werden wollen

In Oberdorf hat es seit 2005 keine Gemeindepräsidentschaftswahlen mehr gegeben. Patrick Schlatter war in seinem Amt unbestritten. In zwei Wochen werden die Oberdörfer aber zwischen Marc Spirig und Ueli Kölliker entscheiden dürfen.

Judith Frei
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Marc Spirig und Ueli Kölliker bewerben sich für das Amt zum Gemeindepräsident.

Marc Spirig und Ueli Kölliker bewerben sich für das Amt zum Gemeindepräsident.

Hanspeter Bärtschi

Dass es im Dorf einen Wahlkampf gibt, ist unübersehbar: Kurz nach dem Dorfeingang lacht Marc Spirig von einem metergrossen Plakat den Autos zu. Er will «messbare Erfolge in einem lebenswerten Dorf». Nur wenige Schritte weiter schaut Ueli Kölliker entschlossen und freundlich den Vorbeifahrenden von einem kleineren Plakat an. Auch wenn diese Werbung im Vergleich zu Spirigs Plakat bescheiden ausfällt, ist es aber nicht minder professionell. Der Vize-Gemeindepräsident und enthusiastischer Berggänger Kölliker hat sich mit einem Rucksack ablichten lassen und verspricht «Energie und Erfahrung».

Es scheint so, dass die Oberdörfer den Wahlkampf nicht verlernt haben, oder sich vielleicht wieder auf ein wenig politische Action freuen, nachdem Patrick Schlatter das Dorf seit 2005 als Gemeindepräsident geführt hat. Dieses Jahr war für Schlatter dann auch genug: Nach 27 Jahren in politischen Ämtern im Dorf zieht er sich zurück. Hinterlassen hat er eine Atmosphäre, in der sich auch andere Oberdörfer gerne engagieren wollen. Heute, da kaum noch Leute für die kommunale Politik zu begeistern sind, hat das kleine, knapp 1700-Seelen-Dorf, sogar deren Zwei: den Architekten Marc Spirig und den Amtsgerichtspräsidenten Ueli Kölliker. Ersterer hat schon einen 15-jährigen Erfahrungsschatz in der Politik, und zweiterer engagiert sich seit den 1997 in der Dorfpolitik – zwei Schwergewichte also. So haben die Oberdörfer den seltenen Luxus, dass sie zwei qualifizierte Bewerber für das Gemeindepräsidentenamt auswählen dürfen.

Woher dieses Engagement kommt, kann bestimmt nicht abschliessend geklärt werden. Im Gespräch mit den zwei Kandidaten wurde aber klar: In Oberdorf wird konstruktive Politik betrieben. Politische Grabenkämpfe gibt es nicht, «Sachpolitik» ist das Schlüsselwort. Augenfällig bleibt jedoch, dass die Frauen in den politischen Ämtern kaum vertreten sind. So soll Oberdorf zumindest in diesem Aspekt keine Ausnahme bleiben.

Für die beiden Kandidaten war es selbstverständlich, dass sie sich nicht als Gegenkandidaten zu ihrem Vorgänger aufstellen wollten. Er sei ein Glücksfall für diese Gemeinde gewesen und sein Erbe anzutreten wird schwierig, sagen die beiden unisono. Jetzt wollen sie die Chance ergreifen und auf dem guten Fundament aufbauen, um die hohe Lebensqualität in Oberdorf zu bewahren. Wer als nächster das idyllische Dorf führen wird, zeigt sich am Sonntag, 27. September.

Ueli Kölliker, Amtsgerichtspräsident und Bergführer, will das höchste Amt.

Er hat in Solothurn das Gymnasium abgeschlossen und anschliessend in Bern Rechtswissenschaft studiert, 1984 mit dem Lizenziat abgeschlossen. 1986 folgte die Ausbildung zum Bergführer, im Anschluss führte er ein Büro als Anwalt und Notar. 1987 wurde er zum Amtsgerichtsstatthalter des Richteramtes Bucheggberg-Wasseramt gewählt und 1990 zu dessen Präsidenten. 1997 trat er dem Gemeinderat bei, seit 2009 ist er Vizegemeindepräsident. Er ist verheiratet und hat zwei Söhne. 

Der 62-jährige Ueli Kölliker sitzt in seinem Büro im Amtshaus in Solothurn. «Ich arbeitet jetzt schon 30 Jahren hier», sagt er und verwirft die Hände, beinahe schon selbst erstaunt über die Zahl. Er ist Richter und wird noch bis zu seiner Pension im gleichen Büro arbeiten. «Dann kann ich mich dem Gemeindepräsidenten-Amt voll und ganz widmen», meint er.

Er wohnt seit den 1990er-Jahren in Oberdorf. Aufgewachsen ist er in Biberist. Dort habe er immer auf den Berg, den Weissenstein, gesehen. «Möglicherweise kommt daher meine Faszination für die Bergsteigerei», mutmasst er mit einem Augenzwinkern. Als er mit seiner Frau ein Zuhause suchte, war es für ihn klar: Am liebsten nahe am Berg und am liebsten in Oberdorf: «Es ist das Tor zum Weissenstein.» Das politische Engagement kommt bei ihm nicht nur aus der Verbundenheit zu seinem Dorf, sondern weil ihn als Arbeiterkind schon von Klein auf Fragen über die soziale Gerechtigkeit beschäftigt haben. Sein Vater habe ihn politisiert.

Dieser sei SP-Mitglied gewesen, gar in der Gewerkschaft aktiv. Kölliker ist zwar Mitglied der SP, doch das «Forum Oberdorf» sei seine wirkliche politische Heimat. Sich jetzt für das Dorf, «die kleinste Zelle der Demokratie», zu engagieren, habe aber kaum mehr etwas mit einem Parteibuch zu tun. Traditionell linke Themen wie Solidarität und Ökologie sind bei ihm zwar wichtig, doch ginge es jetzt darum, nachhaltige Politik für das Dorf zu machen. So sei ihm eine sparsame Finanzpolitik wichtig. Er fand es auch richtig, dass der Steuerfuss um fünf Prozentpunkte gesenkt wurde. Schon bald verfällt er in eine Detaildiskussion, wie ein Gemeindebudget geführt werden muss, spricht von Eigenkapital und Stabilität, ein Mann vom Fach, der in Ton und Argumentation den Bürgerlichen nahesteht.

Oberdorf darf nicht zu einem Schlafdorf werden

Auch beim Thema Dorfladen will er auf die Eigenverantwortung setzen: «Leute, kauft im Dorf ein», ruft er aus. Denn nur so sei längerfristig sichergestellt, dass der Laden im Dorf bleibt. Dass die Gemeinde die Immobilie zu Eigentum übernimmt, kommt für ihn nicht in Frage. Das sei nicht die Aufgabe der Gemeinde. Aber natürlich sei es Aufgabe der Gemeinde, dass Oberdorf nicht zu einem «Schlafdorf» wird. Ein Dorf, wo es weder Einkaufsmöglichkeiten noch kulturelle Angebote gibt. «Ich fände es super, hätten wir ein Kafi, wo man am Morgen in Gesellschaft ein Café trinken kann», so Kölliker. Das sei auch wichtig für die älteren Leute im Dorf. Er wolle nicht, dass jeder einfach sein kleines Gärtlein pflegt und man sich von weitem gute Nacht sagt.

Auf das Kindergartendach sollen Solarzellen

Ökologie sei für ihn ein wichtiges Thema. In den Bergen habe er schon lange gesehen, wie die Natur leide. Für ihn ist es klar, dass man von den fossilen Energieträger wegkommen muss. So wünscht er sich Solarenergie auch auf dem Kindergartendach. Auch sei es wichtig, dass Oberdorf verkehrsmässig gut angeschlossen bleibt. Was man noch ausbauen könne, dass sei der Langsamverkehr nach Solothurn: Es müsse garantiert sein, dass man sicher zu Fuss und mit dem Fahrrad nach Solothurn kommt.

Dass er sich nach seiner Pension weiter verpflichten will, dafür habe seine Frau Verständnis. Sie selbst ist Lehrerin in Oberdorf und führt auch die Waldspielgruppe. «Wir haben in letzter Zeit wieder den Jura für unsere Bergtouren entdeckt», schwärmt Kölliker. So sei es für ihn kein Verzicht, dass er weiterhin an das Dorf gebunden bleibt. «Das Präsidium ist wie die letzte Etappe einer Bergtour.» (jfr)

Marc Spirig, selbstständiger Architekt, will ein eigenständiges Oberdorf.

Er hat seine Karriere 1992 als Hochbauzeichner in Lommiswil angefangen. Seine Ausbildungen hat er stets berufsbegleitend gemacht. 1994 schloss er die Berufsmatura ab, 1998 das Architekturstudium an der FH Bern. Bevor er sich dann 2005 selbstständig machte, hat er ein Nachdiplom in Betriebswirtschaft und Unternehmensführung gemacht. 2004 wurde Spirig FDP-Mitglied. Seit 2005 Präsident in der Baukommission, seit 2013 im Gemeinderat. Er ist verheiratet.

Der 49-jährige Marc Spirig sitzt in seinem wohltemperierten und modernen Büro in Oberdorf. Er hat seit 16 Jahren sein eigenes Architektur-Büro, seit fünf Jahren ist er an seinem jetzigen Standort. Selbständig sein und ein öffentliches Amt zu haben, das sieht er als Vorteil. «Ich bin immer vor Ort und kann meine Zeit flexibel einteilen», sagt er.

Er ist in Oberdorf aufgewachsen, hat dann während seinen Jugendjahren für einige Zeit in Zuchwil gelebt. «Für mich war es aber klar, dass ich wieder zurück nach Oberdorf kommen will.» Denn die Standortbedingungen seien ideal. Mit seiner Frau, die auch Architektin ist, hat er dann 2013 hier ein Haus gebaut. Durch sein Engagement im Dorf ist er dann in die Politik gerutscht. Angefangen habe alles, als er 2005 die 700-Jahre Feier als OK-Präsident mitorganisierte.

Noch im gleichen Jahr wurde er angefragt, ob er Mitglied der Baukommission werden will, und so nahm seine politische Karriere seinen Lauf. «Ich wusste schon lange, dass ich kandidieren werden», erklärt er. Für den bürgerlichen Spirig ist es wichtig, dass Oberdorf eigenständig bleibt. Damit dies möglich ist, müsse man sich für das Dorf engagieren. Das hat er sich dann auch zu Herzen genommen. In Oberdorf sei es eigentlich kein Problem, fähige Leute zu finden, aber er wünscht sich, dass sich mehr Junge und auch mehr Frauen in politischen Ämtern engagieren würden.

Eigenständigkeit und ein lebendiges Dorfleben

Für die Eigenständigkeit sei es auch wichtig, dass das Dorfleben erhalten bleibt. «Während des Lockdowns diesen Frühling haben wir es wieder bemerkt: Wir brauchen einen Dorfladen», sagt er. Um diesen zu erhalten, müsse die Gemeinde einschreiten. Aber auch das Beizensterben macht ihm Sorgen. «Als ich noch Kind war, gab es hier sieben Beizen, heute haben wir gerade noch zwei», sagt er. Diese Entwicklung beunruhigt ihn sehr. «Wenn die Vereine hier nicht mehr einkehren können, dann wird es bald keine lokalen Vereine mehr geben», ist er überzeugt. Die Gemeinde könne hier beispielsweise raumplanerische Massnahmen ergreifen. Ob sie eine Liegenschaft kaufen soll, da will er sich nicht festlegen lassen. «Die Aufgaben der Gemeinden wandeln sich auch mit den Herausforderungen.»

Den Wandel, wie man über Nachhaltigkeit denkt, habe er schon beruflich mitbekommen. Heute würde man kaum noch unökologisch Bauen. «Geldsparen ist beim Isolieren der Häuser kein Thema mehr», sagt er. Für ihn habe das Thema auch Priorität. Er könne aber mit Lippenbekenntnisse nichts anfangen, die nur das Gewissen beruhigen. «Wir müssen nicht die Goldmedaille für das Energiedorf gewinnen. Es braucht auch nicht auf jedem öffentlichen Gebäude eine Solaranlage.» Es ginge darum, dass man bei den Gebäuden genau hinschaut und sich überlegt, was die effizienteste Lösung ist, um Energie einzusparen. Politik zu machen, ohne die Umwelt mitzudenken, sei heute nicht mehr möglich.

Weitere Steuersenkungen sind erst mittelfristig anzustreben

Bei der Finanzpolitik ist er mit seinem Vorgänger einverstanden. Weitere Steuersenkungen seien für seine Politik zum heutigen Stand nicht zentral, aber mittelfristig anzustreben. Seine Frau hatte zuerst Bedenken, dass er bei einer Wahl nur noch wenig zuhause sei. Diese Bedenken haben sich aber gelegt, denn er ist sich sicher, dass er seine Zeit gut einteilen kann, und sein Privatleben nicht zu kurz kommt. Seine Frau arbeitet in einem Architekturbüro in der Region und engagiert sie sich als Stimmzählerin in der Gemeinde. «Aber bei der nächste Wahl wurde sie nicht aufgeboten», sagt Spirig lachend.