Szenenbildnerin
Wie sich ein Haus (oder ein Dschungel) zum Drehort entwickelt

Susanne Jauch wurde am Montagabend mit dem «Prix d'honneur» ausgezeichnet. Die Szenenbildnerin erzählt, wie sich bei vier Projekten der ursprüngliche Ort zum Drehort entwickelte.

Lea Durrer und Rahel Meier
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Das Wohnzimmer in «Die letzte Pointe».

Das Wohnzimmer in «Die letzte Pointe».

zvg/Susanne Jauch

«Alles soll zur Figur passen.» Wenn Susanne Jauch ein Haus für einen Filmdreh herrichtet, dann überlegt sie genau, welche Möbel- und Erinnerungsstücke und welche Farbe an den Wänden sie verwenden möchte. Davor muss aber noch die richtige Location gefunden werden. Im Fall von «Die letzte Pointe», der 30. Film den die gebürtige Zürcherin als Szenenbildnerin mitgestalten durfte, hat diese im Internet Hunderte Häuser durchforstet. Eigentlich gibt es Location Scouts, die nach Drehorten suchen, aber Susanne Jauch gefällt auch dieser Teil der Arbeit. «Wenn ich kann, suche ich die Drehorte gerne selber. Ich weiss, was ich daraus machen muss und was verlangt ist.»

Drei leerstehende Häuser hatte sie im Falle von «Die letzte Pointe» schlussendlich zur Auswahl. Fündig wurde sie im Zollikerberg. «Ich hatte sehr Glück, dass ich zu diesem Moment ein solches Haus gefunden habe.» Es sei nicht einfach, leerstehende Häuser zu finden, die das Fernsehen über mehrere Wochen mieten konnte. Am einfachsten sei es mit Liegenschaften, die zum Verkauf stehen würden.

Szenenbildnerin Susanne Jauch, Preisträgerin des «Prix d'honneur»

Szenenbildnerin Susanne Jauch, Preisträgerin des «Prix d'honneur»

Lea Durrer

Das Haus war gefunden und Susanne Jauch konnte beginnen, ihre Spuren ins Dekor zu legen. «Die Aufteilung des Hauses war perfekt. Die Einrichtung nicht wirklich», blickt sie zurück. Regisseur Rolf Lyssy habe es bereits zu Beginn super gefunden. «Ich fand es aber viel zu düster», so Jauch. Die Einrichtung müsse eine Geschichte erzählen über die Personen, die dort leben oder gelebt haben. Aus diesem Grund flog praktisch die ganze Möblierung raus. Im Wohnzimmer blieben nur gerade die Deckenlampe und ein Sessel drin. Der Rest wurde von Jauch ausgewechselt. Ein bisschen Farbe an die Wand, neue Vorhänge und Teppich und ein Teil von Gertrud Forsters (gespielt von Monica Gubser) Lebensraum war kreiert. Eine Bücherwand verschwand, stattdessen bekam ein Flügel einen prominenten Platz – ein Verweis auf das Leben des verstorbenen Ehemannes, der Musiker war.

«Die Vergangenheit der Person steht oft nicht im Drehbuch», erzählt Jauch. Das seien schöne Sachen, die man im Set platzieren könne. Um zurückzublicken macht sie sich dann bei den Machern kundig.

Auch die anderen Räume im Haus sind nach Jauchs Totalüberarbeitung kaum wiederzuerkennen. Freundlich, stimmig und persönlich kommen sie daher.

Die Ein-Zimmer-Wohnung des englischen Gentlemans verrät dessen Vorliebe fürs Englische und die Schifffahrt. «Manchmal darf man auch ein wenig übertreiben», meint Susanne Jauch zum grossen Schiff-Bild an der Wand. Besondere Freude hatte sie am Bett, welches in einem Wandkasten versteckt ist. «Ich habe es mir immer vorgestellt, dass er ein Bett hat, das er hinunterlassen kann. Das haben wir in dieser Wohnung in einem Appartementhaus wirklich so angetroffen, was super war.»

Um ein leerstehendes Haus für den Dreh von «Die letzte Pointe» zu finden, wurden etwa 1000 im Internet ausgeschriebene Häuser angeschaut.
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Das Wohnzimmer in «Die letzte Pointe».
Vorher: Ecke im Wohnzimmer mit Büchergestell
Im Film steht hier der Flügel des verstorbenen Mannes mit Schallplatten an den Wänden.
Das alte Arbeitszimmer
Und so sieht es aus, nachdem Susanne Jauch ihre Kreativität hat spielen lassen.
Früher: Ein Wohnzimmer.
Nachher: Im Film ist dies das Arbeitszimmer des Landschaftsgärtners, der eigentlich ein Sterbebegleiter ist.
Im Film kommt auch ein englischer Gentleman vor, der vorgibt reich zu sein. Das soll sein Appartement werden.
Die 1-Zimmer-Wohnung im englischen Stil.
Vorher: Karg
Nachher: Ein schönes Bild für den Seefahrer-Fan «Man darf auch einmal übertreiben», sagt Susanne Jauch.

Um ein leerstehendes Haus für den Dreh von «Die letzte Pointe» zu finden, wurden etwa 1000 im Internet ausgeschriebene Häuser angeschaut.

zvg/Susanne Jauch

«Übersetzung ist eine grosse Kunst»

Filmtagedirektorin Seraina Rohrer freute sich am Montagabend bei der Preisverleihung im Landhaus, dass mit Susanne Jauch erstmals eine Szenenbildnerin geehrt wurde. «In der Schweiz wird selten im Studio gedreht. Jahreszeit, Epoche, Orte, Innen- und Aussenräume eines Drehbuchs müssen von der Szenenbildnerin vor Ort naturgetreu nachempfunden werden. In der so gestalteten Welt eines Films können die Figuren erst richtig zum Leben erwachen, Handlung und Atmosphäre der Geschichte werden unterstützt. Diese Übersetzung ist eine grosse Kunst.»

Simon Wiedmer (Gemeindepräsident Kriegstetten) überreichte den Preis als Vertreter des Wasseramtes. Er betonte die Verbundenheit des Wasseramtes mit den Filmtagen und der Stadt Solothurn. «Dieser Preis ist ein Ausdruck der Verbundenheit für eine Institution, welche sich in unserer Region seit mehr als 50 Jahren für das Kulturschaffen einsetzt.» Die Filmkultur sei ein sehr wichtiges Kulturgut der Schweiz, so Wiedmer. Gerade auch der Schweizer Film reflektiere das Zusammenleben, die Begegnung und die kulturelle wie auch sprachliche Vielfalt als Wesensmerkmale der schweizerischen Identität. Diese Vielfalt sei die Stärke der Schweiz. «Und die Solothurner Filmtage haben es vollbracht, eine Plattform zu schaffen, um diese Einheit in der Vielfalt zu erhalten und weiterzuentwickeln und den kulturellen und sprachlichen Austausch zu fördern», so Wiedmer abschliessend.

Preisverleihung: V.l. Seraina Rohrer, Simon Wiedmer, Preisträgerin Susanne Jauch und Rolf Lyssy

Preisverleihung: V.l. Seraina Rohrer, Simon Wiedmer, Preisträgerin Susanne Jauch und Rolf Lyssy

Hansjörg Sahli

Die Laudatio für die Preisträgerin hielt Regisseur Rolf Lyssy. Er hat bei seinem letzten Film zum ersten Mal mit Susanne Jauch zusammengearbeitet. Im Anschluss an die Preisverleihung wurde «die letzte Pointe», eben das gemeinsame Werk von Lyssy und Jauch gezeigt.

Sieben Bettgarnituren

Susanne Jauch ist noch mit anderen Filmen an den 53. Solothurner Filmtagen vertreten. Premiere feiert die SRF-Serie Seitentriebe, die Ende Februar im Fernsehen zu sehen sein wird. Die Serie dreht sich ums Liebesleben in Langzeitbeziehungen und was Paare zusammenhält. Im Fokus stehen zwei Paare. Deren Schlafzimmer sind zentral. «Ich habe noch nie so viele Schlafzimmer eingerichtet wie für Seitentriebe», sagt Susanne Jauch. Das sei eine echte Herausforderung gewesen.» Vor allem das Hauptschlafzimmer. Etwa sieben verschiedene Bettgarnituren kamen zum Einsatz. Weil es in der Serie auch Rückblenden gibt, musste auch Bettwäsche aus den 1990er Jahren her.

Wichtig war es für die Szenenbildnerin auch, ein gutes Bild fürs Kopfende zu finden, weil das Paar oft im Bett sitzend zu sehen ist. «Manchmal ist es schwierig, ein Bild zu finden, dass nichts aussagt, aber doch irgendetwas ist und nicht stört», umschreibt es Jauch.

Das Schlafzimmer spielt in der SRF-Serie Seitentriebe eine wichtige Rolle. So konnte es nicht bleiben.
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Mit Farbe an den Wänden wirkt es gleich gemütlicher. Weil das Bild oberhalb des Kopfendes oft im Bild zu sehen ist, musste es sorgfältig ausgesucht werden.
Der «alte» Wohn-Essbereich wirkte kühl.
«Farbe an der Rückwand lässt den Raum weiter und gemütlicher wirken», so Susanne Jauch. Kunst an den Wänden zeugt vom Interesse der Protagonistin.
Die Männer arbeiten in der Serie in einem Labor. Für sie muss das passende Setting her.
Wie dass kantonale Prüfungslabor eingerichtet werden muss, wurde eingehend recherchiert.
Die Regisseurin wollte zwar die Männer nur frontal filmen...
Susanne Jauch schaute dennoch, dass 360 Grad gefilmt werden kann.

Das Schlafzimmer spielt in der SRF-Serie Seitentriebe eine wichtige Rolle. So konnte es nicht bleiben.

zvg/Susanne Jauch

Die Lösung lag nah

Im «Rencontre»-Programm zu sehen ist «Giulias Verschwinden», ein Film von Christoph Schaub. Szenenbild: Susanne Jauch. Eines der Hauptdrehorte war ein Restaurant. Eines zu finden, stellte sich jedoch als echte Herausforderung heraus. «Am Anfang dachten wir noch, wir fänden ein Restaurant, das wir zwei Wochen für den Dreh schliessen können und das genau so ist, wie es passt.» Ein solches konnte die Crew nicht finden. Es wäre sehr teuer geworden, weil die Restaurants auch den Ausfall vergütet haben möchten.

Die Lösung lag sehr nah. «Es war Zufall, wenn es diesen denn gibt», schmunzelt Jauch. Fündig wurde sie schliesslich im gleichen Gebäude, in dem sie wohnt. In der Kantine einer Spinnereifabrik ausserhalb von Zürich war der Strassenlärm zwar gut zu hören, doch Susanne Jauch wusste sich zu helfen. Eine eingebaute Wand verdeckte die Fenster und dämmte den Lärm. So wurde die Kantine zum perfekten Ort, «denn wir konnten machen, was wir wollen, nämlich ein gehobenes, italienisches Restaurant einbauen.»

Der Saal, der für den Dreh von «Giulias Verschwinden» verwendet wurde, gehört zu einer Spinnereifabrik und wird noch für Anlässe vermietet.
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Eine eingebaute Theke suggeriert, dass sich dort eine Küche befindet.
Der Saal gehört zu einer Spinnereifabrik und wird noch für Anlässe vermietet.
Jauch liess vor den Fenstern eine Wand einziehen, um den Strassenlärm zu dämmen. Das richtige Mobiliar verwandelt den Saal in das Restaurant, in dem Giulias Geburtstag gefeiert werden soll.

Der Saal, der für den Dreh von «Giulias Verschwinden» verwendet wurde, gehört zu einer Spinnereifabrik und wird noch für Anlässe vermietet.

zvg/Susanne Jauch

Nach dem Dreh blieb übrigens alles, wie es war. Der Besitzer ist stolz auf den Dreh im Partylokal. Sogar die Vorhänge, die das Filmteam einfach über die bestehenden fleischfarbigen Vorhänge steckte, blieben hängen.

Flüchtlingscamp auf dem Fussballplatz

Es geht auch im Ausland. «How about love» spielt in einem burmesischen Flüchtlingscamp. «Wir haben versucht, in einem echten Flüchtlingscamp zu drehen. Aber das war eine Illusion.» Das Team durfte dennoch einmal vorbei. «Dann haben wir einfach alles nachgebaut», sagt Susanne Jauch. Die Suche nach einem geeigneten Ort war aber nicht ganz einfach. «In Thailand gibt es viele ärmliche Dörfer, die ähnlich ausschauen wie ein Flüchtlingscamp. Wir haben immer gehofft, an ein solches Dorf anbauen zu können, damit nicht alles von Grund auf neu gebaut werden muss. Wir haben aber bemerkt, dass das nicht geht. Wir können den Armen ja nicht verbieten, irgendwo durchzulaufen.»

Als die Crew in Nord-Thailand auf dem Rückweg von einer anderen Location war, machte sie auf einem Fussballplatz mitten im Dschungel Rast, um sich die Beine zu vertreten. Der Regisseur und die Szenenbildnerin standen auf dem Platz waren überzeugt, den richtigen Ort gefunden zu haben. Der Produzent fand den Ort – weit weg von jeglicher Infrastruktur – hingegen gar nicht toll. «Wir haben nachher noch viel angeschaut, jedoch kam nichts an den Fussballplatz heran.

Die Thailänder haben sich ins Zeug gelegt: Ein Feriencamp in der Nähe hat extra Bungalows gebaut, um die ganze Crew zu beherbergen. In vier Wochen wurde aus Bambus und Blättern das Flüchtlingscamp aufgebaut. Vier Wochen wurde gedreht. Danach wurde das Material für die Häuser einer Non-Profit-Organisation gespendet.

Spielstätte für den Film «How about love» wurde ein Fussballplatz im thailändischen Dschungel.
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Die Holzhütten wurden einem echten Flüchtlingscamp nachempfunden.
Im Wald standen bereits drei Häuser.
Sie wurden zur Krankenhausstation umgestaltet
Nach dem Dreh wurde das Material einer Non-Profit-Organisation überlassen.

Spielstätte für den Film «How about love» wurde ein Fussballplatz im thailändischen Dschungel.

zvg/Susanne Jauch

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