Enklave Steinhof
Wie lebt es sich ganz abgeschnitten vom Rest von Solothurn? Vier Begegnungen in Steinhof

Seit der Fusion mit Aeschi 2012 hat die Öffentlichkeit nicht mehr viel von der kleinen Enklave gehört. Steinhof ist umgeben vom Kanton Bern, mit Strassen, die nicht weiterführen, sondern auf Vorplätzen von Bauernhöfen enden. Was bewegt die Menschen im Dorf? Wir waren an einem Vormittag im August zu Besuch und liessen sie erzählen.

Christof Ramser
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 Steinhof – ganz umgeben vom Kanton Bern – ist fern von öffentlicher Aufmerksamkeit. Aber auch von dort gibts Geschichten zu erzählen.
14 Bilder
 Rote Geranien schmücken das Schild zum Ortseingang.
Stephanie Bolliger,34 Lukas Briggen,35 Laurin,2 und Flurina,5 Monate; Sie verbringen ihre Sommerferien in Steinhof. Zuhause ist die vierköpfige Familie jedoch in Kleinhüningen in Basel.
Frank Bielser, 54 Er wohnt seit 10 Jahren in Steinhof. Wenn es im Dorf etwas zu handwerken gibt, ist er zur Stelle. Der Allrounder kann alles, egal ob es darum geht etwas zu schweissen, zu betonieren oder sonstige Konstruktionsarbeiten zu erledigen.
Martina Schläfli, 63 lebt zwar seit 25 Jahren in Steinhof, ist aber eingeheiratet
Familie Rüfenacht
Besuch an einem abgeschiedenen Ort: Wie lebt es sich in Steinhof?
 Eine gute Gaststube fehlt natürlich auch in Steinhof nicht
 Idyllisch liegen die Höfe zwischen den Feldern
 Ob nun vermisste Hunde oder verlorene Regenschirme: die Bushaltestelle ist ein guter Ort um verlorene Gegenstände wiederzufinden.

Steinhof – ganz umgeben vom Kanton Bern – ist fern von öffentlicher Aufmerksamkeit. Aber auch von dort gibts Geschichten zu erzählen.

Hanspeter Bärtschi
Maria Schläfli

Maria Schläfli

Hanspeter Bärtschi

Maria Schläfli, 63

«Wenn Sie jemanden suchen, der hier wirklich heimisch ist, dann sind Sie bei mir falsch. Zwar lebe ich seit 25 Jahren in Steinhof. Aber ich bin eine Eingeheiratete. Damals gab ich meine Stelle als Drogistin auf und zog der Liebe wegen hierher.

Früher war das noch so, da zog die Frau zum Mann. Wobei, dem Steinhof tat diese Blutauffrischung bestimmt gut. Und mir gefällt es hier auf dem Hügel. Es ist eine offene Landschaft. In einem Tal wäre es mir zu eng. Sie haben übrigens Glück, dass Sie mich erreichen.

Ich wollte eben gerade zum Mittagessen. Am Morgen arbeitete ich als Hilfskraft bei der Firma Sutter Technik hier im Dorf. An der Maschine fertige ich kleine Stahlteile. Manchmal arbeite ich im ‹Kreuz› in Oberönz als Aushilfe.

Ich habe mich eingelebt und einige Wurzlen geschlagen. Den Luzerner Dialekt habe ich aber noch nicht abgelegt. Am Anfang war es schon eine Umstellung. So ohne Job, in einer neuen Umgebung, mit neuen Leuten.

Doch die Steinhöfer nahmen mich sehr freundlich auf. Später war ich im Gemeinderat, damals, als wir noch eine eigenständige Gemeinde waren. Die Fusion mit Aeschi befürwortete ich klar. Wir waren immer Richtung Aeschi orientiert. Es war ein Vernunftsentscheid.

Im Gegensatz zu meinem Mann. Er war in der Bürgergemeinde und gegen einen Zusammenschluss. Einen Ehekrach gab es deswegen nicht. Das Dorfleben hat sich schon verändert.

Früher kannte man jeden hier. Heute leidet der Zusammenhalt. Immerhin gibt es noch den Racletteabend einmal pro Jahr. Und im Kirchenchor in Aeschi trifft man sich auch.»

Stephanie Bolliger, Lukas Briggen, Laurin und Flurina

Stephanie Bolliger, Lukas Briggen, Laurin und Flurina

Hanspeter Bärtschi

Stephanie Bolliger, 34; Lukas Briggen, 35; Laurin, 2; Flurina, 5 M.

«Um Viertel nach fünf ging heute Morgen die Melkmaschine los. Das surrte ganz schön, da erwachten wir natürlich. Aber das gehört zu den Ferien auf dem Bauernhof. Seit einer Woche sind wir auf dem Hof von Widmers und geniessen die Sommerferien.

Für die Kinder ist der Kontakt mit der Landwirtschaft und den Tieren wunderbar. Wir sehen direkt, wo unsere Nahrung herkommt. Wir kommen aus Kleinhüningen in der Stadt Basel.

Die letzte Etappe der Anreise von Herzogenbuchsee bewältigten wir mit dem Velo. Laurin und Flurina schliefen im Anhänger.

Kennen Sie den Aeschisee? Das ist ein wunderbarer Flecken, ein richtiger Geheimtipp. Wir waren bereits zweimal dort zum Baden. Heute ist es zu kühl zum Schwimmen, deshalb gehen wir in den Wald.

Dort kann Lukas auf seinem Büchel üben. Das ist eine Art Alphorn, nur viel kleiner. Im Gästezimmer auf dem Bauernhof wäre es dazu zu laut. Mit einem Alphorn-Quartett war Lukas im Juli in Österreich, Deutschland und der Schweiz auf Tournee.

Jetzt entspannen wir in Steinhof. Die Ruhe hier ist herrlich. Und die Leute sind so offen. Gestern im Volg in Aeschi hat uns die Verkäuferin gefragt, ob wir neu zugezogen seien.

Man kommt sofort ins Gespräch mit den Bewohnern. In der Beiz, wo wir zum Zvieri eine Glace gegessen haben, kam man unkompliziert auf uns zu. Wir kommen bestimmt wieder nach Steinhof in die Ferien.»

Frank Bielser

Frank Bielser

Hanspeter Bärtschi

Frank Bielser, 54

«Ich wuchs in Grasswil im angrenzenden Bernbiet auf. Da sagte man jeweils: Zu den Steinhöfern rauf, da geht man nicht. Schon ein Traktor mit SO-Nummernschild war uns suspekt.

Inzwischen wohne ich selber seit zehn Jahren hier. Zusammen mit meiner Partnerin habe ich ein Haus gekauft. Die Leute sagen: Brauchst du einen Handwerker, so ruf den Bielser Fränku an.

Dann komme ich. Schweissen, betonieren oder Konstruktionsarbeiten, das mache ich. Ich bin ein Allrounder. Am Morgen befehle ich, am Nachmittag führe ich aus. So ist das, wenn man selbstständig ist.

Seit heute Morgen vergrössere ich eine Siloplatte vor diesem Bauernhof. Zuerst habe ich die Fläche mit dem Bagger abgespitzt und aufgeraut. Danach kommt der Beton drauf.

In einer halben Stunde gehe ich heim zum Zmittag. Meine Partnerin führt auswärts eine Spitex-Organisation, darum gibt es Café complet. Danach fahre ich nach Zell und hole Natursteine für Baustellen in Bleienbach und Etziken.

Später werkle ich in meiner Schmiede, die ich zu Hause eingerichtet habe. Warm gekocht wird dann am Abend.

Eben war ich für eine Woche in der Toskana. Ich habe jeden Tag Gras gemäht. Als ich drei Monate in Australien war, half ich beim Aufbau eines Farmhauses mit. Ich kann einfach nicht ruhig sein. Vielleicht einen halben Tag halte ich es aus ohne Arbeit. Dann wird es langweilig.»

Familie Rüfenacht

Familie Rüfenacht

Hanspeter Bärtschi

Regula Rüfenacht, 38 Bruno Rüfenacht, 45 Manuel, 6 und Adrian, 4

«Für uns beide stand fest, dass wir im äusseren Wasseramt bleiben wollen. In einem Block zu wohnen, das können wir uns nicht vorstellen. In Steinhof bauten wir unser Haus, seit zwei Jahren wohnen wir darin. Wir kommen beide ursprünglich aus Etziken.

Regula ist an der Hauptstrasse mit viel Durchgangsverkehr aufgewachsen. Welche Ruhe dagegen hier im Steinhof herrscht, das ist einmalig. Manchmal packt Bruno seine Motorsäge in den Anhänger, dann geht er mit den Kindern in den Wald, um Holz zu sägen. So etwas ist hier in der Natur möglich.

Wenn wir in der Stadt waren, sind wir nur noch froh, hier hinaufzukommen. Wir wollen nicht mehr weg. Für die Buben ist die Umgebung ideal zum Aufwachsen.

Alles ist hier gewährleistet. Wenn sie später nach Aeschi zur Schule gehen, können sie den Bus nehmen.

Heute haben wir Pflanztag. Dazu haben wir diesen ausrangierten Schweinetrog aus dem Stall von Regulas Eltern umfunktioniert. Im Garten haben wir zudem ein Kirschbäumchen, Himbeerstauden und Reineclaude gepflanzt.

In zwei Wochen organisieren wir das Strösslifest. Dann wird bei Markus Fuchs grilliert. Der Zusammenhalt im Dorf ist gut. Wir kennen zwar nicht mehr alle Leute. Es wurden ja auch einige Häuser gebaut. Aber bei uns im Steinhof spricht man noch miteinander.»