Mühledorf

Wie Hochstamm-Obstgärten die Biodiversität fördern

Viel spannendes Fachwissen erhielten die Teilnehmer der Flurbegehung in der «Oase» von Philipp Vogel in Mühledorf.

Viel spannendes Fachwissen erhielten die Teilnehmer der Flurbegehung in der «Oase» von Philipp Vogel in Mühledorf.

Auf dem Unterbocksteinhof in Mühledorf sind die Hochstamm-Obstbäume ein wichtiger Betriebszweig.

Philipp Vogel hat sich auf dem Unterbocksteinhof in Mühledorf einen Lebensraum geschaffen, mit dem und in dem sich leben lässt. Seit der Betriebsübernahme 2003 hat er das Haus umgebaut und immer mehr Hochstamm-Obstbäume gepflanzt. Äpfel, Birnen, Zwetschgen, Kirschen, Nussbäume, resistente Pro-Specie-Rara-Sorten. Heute sind es 400 Hochstamm-Obstbäume.

Der Hof war Ziel einer Flurbegehung des Forschungsinstitutes für biologischen Landbau (FiBL) mit dem Thema Biodiversität in Hochstamm-Obstgärten. Am Beispiel des Bio-Umstellungsbetriebes wurde aufgezeigt, wie Lebensraum für bedrohte Arten entsteht.

Früchte werden meist verarbeitet

Die Früchte der Bäume auf dem Unterbocksteinhof werden meist gemostet, zu Schnaps verarbeitet oder von den Kunden als Erlebnis selber gepflückt. Eine 85-jährige Kundin habe ihre 30 Kilo Zwetschgen selber abgelesen, erzählt Vogel an der Begehung. Andere lassen ihre selber gepflückte Ernte brennen. Sie geniessen oder verschenken den eigenen «Vieille Prune». «Wir beide, Kunde und ich, haben etwas davon» erklärt Philipp Vogel.

Das Produkt mit dem guten Hintergrund habe Potenzial. Der Most seiner grossen Ernte von 2018 ist ausverkauft. Schnaps lässt sich lagern. Wichtig für Philipp Vogel ist die Kennzeichnung mit dem Hochstamm-Logo, weil biodiversitätsaffine Konsumenten solche Produkte bewusst kauften. Hochstamm-Produktion und Biodiversität lassen sich vereinbaren. So wird beispielsweise das sogenannte Unternutzungsgras geweidet oder staffelweise gemäht. Vogel war als Jugendlicher im Natur- und Vogelschutzverein, hatte wie der Grossvater im Luzernischen Freude am Hochstamm-Obstbaum und will der Natur etwas zurückgeben.

Wetter macht einen guten Teil aus

Der Landwirt lebt mit dem schwankenden Ertrag der Hochstämme. Ob extensiv oder intensiv: das Wichtigste im Obstbau sei sowieso das Wetter. Er schätzt aber auch die Direktzahlungen zur Unterstützung. Beim Bund wurde erkannt, dass Biodiversitätsbeiträge zum Erhalt der Artenvielfalt nötig sind. Ab 20 Hochstammbäumen gibt es Beiträge in der Qualitätsstufe I. Der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln ist erlaubt.

Für die Qualitätsstufe II braucht es einen fachgerechten Baumschnitt, 10 Bäume auf einer Fläche von 20 Aren, zum Teil Kronendurchmesser von über drei Metern. Dazu Naturhöhlen oder Nistkasten und Zurechnungsflächen wie Ast- oder Steinhaufen, Einzelbüsche, lückiger, offener Boden, Bäume mit viel Totholz und alles in kleiner Distanz. Der Erfolg der Brut der Kohl- und Blaumeisen hänge von der Distanz ab, Insekten zu finden, erklärte Véronique Chevillat vom FiBL an der Flurbegehung. Eine Insel Wildblumen im Rasen genüge nicht.

«Die doppelschichtige Nutzung durch Baum und Unternutzung mache die Obstgärten für die Biodiversität wichtig» so Chevillat. Der Gartenrotschwanz, der Steinkauz, der Wiedehopf, der Wendehals und viele mehr seien bedroht. Verschiedene Obstsorten und unterschiedlich alte Bäume sind Lebens- und Beuteraum für Fledermäuse, Igel, Garten- und Siebenschläfer, Wiesel, und Spitzmäuse. In den Rinden der älteren Bäume finden sich Juchtenkäfer, der grosse Augenfleckenbock, der bronzegrüne Rosenkäfer und viele mehr. Wenn es den einen in der Fauna nicht mehr gibt, verschwinde der andere – und wer würde künftig Holz zu Humus umwandeln, wenn die Totholzkäfer verschwinden?

Tiere sind voneinander abhängig

Blühstreifen für Nützlinge, Buntbrachen, gestaffeltes Mähen, Doldenblütler und Schafgarben anstelle von Phacelia und Raps wünscht sich die auf Käfer spezialisierte Referentin Lea Kamber. Vögel, Würmer, Käfer, Spinnen, Mäuse – einer lebe vom andern. «Es gibt 700 Wanzenarten in der Schweiz und niemand kümmert sich darum.» Käferlarven, die drei Jahre nur Totholz fressen, seien keine Schädlinge. Die nur rückwärts laufende Larve des Rosenkäfers werde gerne mit der Maikäferlarve verwechselt. Larven fördern gehe auch mit einen alten Baum oder wenigstens dem stehen gelassenen Baumstrunk. Käfer selber lebten nur kurz zum Paaren, Eierlegen und fertig.

Seltene Käfer entdeckt, melden an info@coelopatra.ch

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