Max Naef nimmt am Sitzungstisch Platz, rückt seine Brille zurecht und kramt in seinen Unterlagen. Aber nicht lange. Eigentlich weiss der 83-Jährige auswendig, wie eine heutige Ikone der Schweizer Fahrzeugindustrie 1976 entstanden ist. Denn er, der ehemalige Patron des Busbauers Hess in Bellach, hat den legendären Flughafenbus auf dem Reissbrett gezeichnet und dann konstruiert. Inzwischen sind weit über 3500 der sogenannten Vorfeldbusse in Betrieb. Auf den wichtigsten Flughäfen weltweit, auf Meereshöhe genauso wie auf über 2000 Metern, im heissesten Wüstenklima ebenso wie in frostigen Klimazonen. Die speziell auf den Transfer von Fluggästen zwischen Terminal und Flugzeug ausgerichteten Busse zeichnen sich aus durch Überbreite, durchgängige Niederflurigkeit, mehrere Türen auf jeder Seite, Leichtmetallbauweise in Aluminium und tiefe Motorisierung.

Mit «Passagierbusse für den Einsatz auf dem Vorfeld» war die Offert-Ausschreibung des Flughafens Zürich betitelt, welche 1976 auf dem Tisch der damaligen Chefs der Carrosserie Hess AG, Max und Heinrich Naef, landete. «Verlangt war eine Gesamtofferte für das ganze Fahrzeug», erinnert sich Max Naef. Wenige Tage später pilgerte er mit fixfertigen Plänen des Fahrzeuges zur damaligen Chassisherstellerin FBW in Wetzikon. «Wir hatten die Ausschreibung gewonnen und ein Jahr später hatten wir die erste Bestellung für zwei Fahrzeuge für den Flughafen Zürich erhalten», berichtet der immer noch vife Tüftler und Unternehmer. FBW, welche später mit der Saurer AG zur Nutzfahrzeuggesellschaft Arbon & Wetzikon (NAW) fusionierte, lieferte das Fahrgestell, Hess den Aluminium-Wagenkasten. Weitere Aufträge folgten bald und bis 1988 wurden die Flughafenbusse in Bellach nicht nur konstruiert, sondern auch gebaut.

1989 dann der grosse Durchbruch für den Flughafenbus. «Die deutsche Firma Contrac aus Wiesbaden hat bei einem Besuch in Bellach ihr Interesse an einem Lizenzvertrag für den weltweiten Vertrieb angemeldet», berichtet der Ex-Patron, als wäre all dies erst gestern geschehen. Contrac, heute Cobus, war auf alle Hilfsfahrzeuge auf einem Flughafen, wie Schlepper, Hebefahrzeuge, spezialisiert, nur der Bus fehlte im Sortiment. Die Idee dahinter war, dass Hess die Aufbauten, NAW – das zu Mercedes gehörende Unternehmen wurde 2002 geschlossen – das Fahrgestell liefert. Die Montage der Busse sollte in Portugal, genauer bei der Caetano Bus SA in der Nähe von Porto erfolgen. Rasch sei man sich einig geworden. Heute erfolgt die Fertigung in einem länderübergreifenden Produktionsverbund. Die Chassismodule für den Cobus werden im spanischen EvoBus-Werk von Mercedes gefertigt, die Kits für den Wagenkasten (montagefertiger Bausatz aus Aluprofilen und Zusatzkomponenten) weiterhin bei der Hess AG in Bellach konzipiert und produziert sowie endmontiert bei Caetano in Portugal.

Max Naef (l.) und Alex Naef vor den Bausätzen für die Flughafenbusse, welche per Camion zur Endmontage nach Portugal transportiert werden.

Max Naef (l.) und Alex Naef vor den Bausätzen für die Flughafenbusse, welche per Camion zur Endmontage nach Portugal transportiert werden.

Das ganze zur Erfolgsgeschichte geworden, ergänzt Alex Naef, der die Führung des Familienunternehmens 2004 von seinem Vater Max übernahm. Cobus halte heute in dem Nischenmarkt einen globalen Marktanteil von gut 75 Prozent. An diesem Erfolg partizipiert Hess auf zwei Ebenen. «Einerseits produzieren wir die Bausätze für die Wagenkasten aus Aluminium.» Alle zwei Wochen hole ein Camion jeweils zehn fein säuberlich gestapelte und geordnete Kits in Bellach ab, um diese nach Portugal zu transportieren. Jährlich liege die Zahl zwischen 150 und 300 Kits. Mit den nach dem eigens entwickelten Co-Bolt-System – die Aluminium-Komponenten werden verschraubt statt verschweisst – gebauten Kits leiste Hess «einen wesentlichen Anteil am technischen Gesamtkonzept». Direkt mit den Flughafenbussen seien rund zehn Arbeitsplätze in Bellach verbunden. Der Auftrag sei, so aktuelle Patron Alex Naef, eine wichtige Stütze für die Grundauslastung des Busbauers, der in einem sehr zyklischen Geschäft aktiv ist.

Andererseits fällt für Hess für jedes ausgelieferte Fahrzeug eine Lizenzgebühr an. So sieht es der Vertrag mit Cobus vor. Die Höhe verrät Naef nicht. Darüber hinaus ist Hess in die stetige technologische Weiterentwicklung des Flughafenbusses stark involviert. «Alle vier bis fünf Jahre wird das Modell erneuert.» Derzeit sei das Modell Cobus 3002 in der Produktion angelaufen. Dafür liefere Hess neben den Baukästen auch die in einer Schweizer Hess-Tochter produzierten Türflügel fixfertig mit. «Gerade haben wir neue Aufträge für die Flughäfen in Zürich und Basel erhalten.» Die Nachfrage nach Airport-Bussen sei, so Alex Naef, noch immer am Steigen. «Die Zahl der Fluggäste nimmt weltweit rasant zu. Das bedingt immer kürzere Abfertigungs- und Umsteigezeiten.»

Übrigens: Der erste Flughafenbus «Made by Hess» wäre heute, 38 Jahre nach seiner Inbetriebnahme, immer noch fahrtüchtig. Die Nummer 1 steht unterdessen aber im FBW-Museum in Wetzikon. «Alle anderen Busse sind noch aktiv, irgendwo auf der Welt», sagt Max Naef stolz.