Selzach
Westziehende Weissstörche zieht es zu Mülldeponien

Geschäftsleiter von Storch Schweiz, Peter Enggist zeigte in seinem Referat im Rahmen der Generalversammlung des Vereins «Für üsi Witi» das ungewöhnliche Verhalten der westziehenden Störche auf.

Nadine Schmid
Drucken
Teilen
Zwei Weissstörche auf ihrer Heimreise aus Afrika. (Archiv)

Zwei Weissstörche auf ihrer Heimreise aus Afrika. (Archiv)

KEYSTONE/STEFFEN SCHMIDT

Die westziehenden Weissstörche haben ihr Verhalten verändert, und zwar auf eine beunruhigende Weise: In massenhaften Ansammlungen landen sie bei Mülldeponien Spaniens, anstatt wie früher nach Westafrika zu fliegen. Dort suchen sie sich Nahrung, wobei die Verletzung- und Vergiftungsgefahr gross ist. Dazu kommt, dass sie jegliche Scheu verloren haben und nicht mehr gewohnt sind, auf natürliche Weise Nahrung zu suchen. Teilweise befinden sich bis zu 1000 Störche auf einer Deponie, in Spanien gibt es 280 solche Deponien.

Schon im Jahr 2001 wurde festgestellt, dass fast die Hälfte der Schweizerstörche dort überwintert. Laut einer EU-Richtlinie aus dem Jahr 1999 soll bis 2016 der organische Anteil des deponierten Mülls in den EU-Ländern bis auf 3 Prozent reduziert werden, ein Jahr später dann auf null. «Dies heisst, dass es auf Mülldeponien keine Essensreste mehr geben wird», erklärte Peter Enggist, Geschäftsführer von Storch Schweiz, in seinem Referat, das er im Anschluss an die GV hielt.

Wie die Störche darauf reagieren werden, könne nicht genau gesagt werden. Drei Szenarien seien denkbar: Sie könnten zum einen einfach wieder nach Afrika fliegen. Zum zweiten könne es sein, dass sie dort überwintern, wo sie sich auch in der Sommerzeit aufhalten. «Dies wäre nicht problematisch. Die Störche hätten hier in der Schweiz eine hundertprozentige Überlebenschance.»

Füttern müsse man sie übrigens auch im Winter nicht. Die dritte und letzte Möglichkeit wäre die Fatalste: «Die Störche könnten auch wieder nach Spanien gehen und dort dem Hungertod erliegen.»

Ostziehende Störche ignorieren Deponien

Weswegen die westziehenden Weissstörche ihr Verhalten geändert haben, ist unbekannt. «Die ostziehenden Weissstörche fliegen auch über Mülldeponien hinweg, doch sie landen nicht.» Das klimatische Argument sei inzwischen widerlegt.

Es gibt aber die Vermutung, dass es genetisch bedingt sei und die Schuld bei früheren Ansiedlungsprojekten zu suchen ist, bei denen die Störche aus Nordafrika in die Schweiz und in andere Länder importiert wurden. Dies um die fast ausgestorbene Population wieder aufzubauen.

Dabei wurden die Störche eingesperrt und gefüttert, was negative und schädigende Auswirkungen für die Störche hatte. 1990, als es etwa wieder gleich viele Störche in der Schweiz gab wie um 1900, wurde entschieden, die Störche nicht mehr einzusperren, ein paar Jahre später wurde auch auf die Fütterung verzichtet. Nach ein paar Jahren stieg die Zahl der Störche immer stärker an.

Gegenwärtig leben so viele Störche in der Schweiz wie noch nie, nämlich 392. Viele der europäischen Störche tragen diese Gene der nordafrikanischen Störche wohl in sich. «Die Zugstrecke könnte genetisch bedingt sein; dabei ist die Strecke der afrikanischen Störche etwa gleich lang wie die Strecke der westziehenden Störche nach Spanien.» Diese These wird momentan durch Genanalysen zu beantworten versucht.

Enggist ist überzeugt, dass sich wegen der EU-Klausel in den nächsten Jahren sehr schnell etwas ändern wird und dies grosse Auswirkungen auf die Störche haben wird. Man hat bereits erste Massnahmen ergriffen, um das Verhalten der Störche umzupolen, und an verschiedenen Orten künstliche Rastplätze geschaffen. Es muss abgewartet werden, ob die Störche darauf reagieren.