Schleudersitz
Wenn man nach 30 Jahren seinen Lebensretter findet

Wer mit knapper Not dem Tod entgangen ist, der ist seinem Lebensretter immer dankbar. Urs Straumann aus Oberdorf fand nach 30 Jahren seinen Lebensretter, einen Schleudersitz, in einem Museum wieder.

Peter Brotschi
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Schleudersitz im Fliegermuseum Oberaargau

Schleudersitz im Fliegermuseum Oberaargau

Das durch den Absturz verbogeneTypenschild der Firma Martin-Baker.

Das durch den Absturz verbogeneTypenschild der Firma Martin-Baker.

Man schreibt den 21. Juli 1987. Am frühen Nachmittag steigen zwei Piloten der Fliegerstaffel 3 auf dem Militärflugplatz Emmen in Hunter-Flugzeuge. Beide arbeiten beruflich bei der Swissair, und sie wollen an diesem Sommertag ein individuelles Training absolvieren, das gleichzeitig als Vorbereitung für die Armeemeisterschaft der Fliegertruppen dient.

Der Start und der Steigflug in den Arbeitsraum über dem Eiger verlaufen normal. Zuerst fliegen sie in Formation einige leichte Kunstflugfiguren. Als der 27-jährige Leutnant Urs Straumann, der die Patrouille anführt, während einer Evolution auf dem Rücken liegt, wird er vom zweiten Hunter überholt.

Darin sitzt mit Paul Ruppeiner der Kommandant der Fliegerstaffel 3, der am Funk seinen Kameraden sofort fragt: «Hesch Leerlauf gnoh..?» Urs Straumann kontrolliert die Instrumente und stellt fest, dass sein Triebwerk nicht mehr läuft. Die hundertfach geübten Manipulationen zum Anlassen des Rolls-Royce-Triebwerks bringen Erfolg.

Die beiden brechen aber die Übung ab und nehmen Kurs Richtung «Casino», also nach Hause zum Flugplatz. Paul Ruppeiner kontrolliert von aussen das Flugzeug von Straumann und meldet, dass eine Flüssigkeit, wahrscheinlich Treibstoff, aus dem Rumpf austrete.

Testflug mit Schleudersitz

Die britische Firma Martin-Baker begann gegen Ende des Zweiten Weltkriegs den Schleudersitz zu entwickeln, weil die Pilotenrettung mit den schnellen Flugzeugen immer schwieriger wurde.

Den ersten Testabschuss im Flug machte Bernard Lynch vom hinteren Sitz einer Gloster Meteor am 24. Juli 1946. Zum ersten Mal rettete sich ein ebenfalls britischer Pilot am 30. Mai 1949 mit dem Schleudersitz. Seither verdanken über 7500 Besatzungsmitglieder ihr Leben der Firma Martin-Baker.

Rettung im letzten Moment

Die beiden Hunter kamen im Raum Luzern an und Straumann begann seinen Anflug auf Emmen. Zu Beginn des Endanfluges musste der Pilot das wiederholte Ausfallen des Triebwerkes melden. Straumann stellte fest, dass er die Piste nicht mehr erreichen kann. Rund 300 Meter vor dem Pistenkopf entschloss er sich in letzter Sekunde zum Aussteigen.

Er erinnerte sich später zwar nicht mehr an die letzten fünf Minuten vor dem Unfall, aber auf dem Tonband des Kontrollturms konnte Urs Straumann seine Stimme hören, wie sie sagte: «Jetz het mir’s Triebwerk wieder abgstellt»... und «ich gang», womit er den Schleudersitz meinte. Der Hunter flog führerlos unter der Fahrdienstleitung der Seetal-Bahn hindurch, streifte noch einen Leitungsmast und wurde nach dem Aufschlagen am Boden unter heftiger Explosion in Stücke gerissen.

Die Rettung geschah wirklich im letzten Moment. Der Fallschirm öffnete sich, schwebte kurz durch den Pilz durch Feuer und Rauch, dann war der Pilot schon am Boden, ganz in der Nähe der brennenden Trümmer. Er musste mit mittelschweren Verbrennungen und weiteren schweren Verletzungen ins Kantonsspital Luzern überführt werden. Zwei Autos wurden leicht beschädigt, und eine Person musste unter Verdacht einer leichten Rauchvergiftung ins Spital gebracht werden. Wie durch ein Wunder war eine grössere Katastrophe ausgeblieben und der Pilot konnte neun Monate später wieder im Hunter fliegen.

Museum im Oberaargau

Das Fliegermuseum Oberaargau im Firmengebäude der MDC Max Daetwyler AG befindet sich beim Flugplatz Bleienbach bei Langenthal. Es ist eine Sammlung von Fotos, Büchern, Flugzeugteilen und Modellen.

Schwerpunkte sind Dokumente und Flugzeugteile, die aus der Produktion der Firma Daetwyler stammen. Weiteres Material stammt aus der Pionierzeit der Fliegerei im bernischen Oberaargau. Das Museum kann vorläufig nur auf Anfrage besichtigt werden.

Unerwartet aufgetaucht

Unlängst besichtigt mit Beni von Arx ein ehemaliger Militärpilot das Fliegermuseum Oberaargau, das sich bei der Firma Daetwyler auf dem Flugplatz Langenthal-Bleienbach befindet. Beim ausgestellten Schleudersitz stellt er Brandspuren fest, und dass er abgeschossen worden sein muss. Von Arx erinnert sich an den Unfall von Urs Straumann und kontaktiert ihn per Mail. Auf Fotos konnte erkannt werden, dass auf einem Teil die Nummer «4134» aufgetragen war. Der Sitz war also im Hunter J-4134 eingebaut, den Straumann an diesem verhängnisvollen Tag geflogen hat.

Bei einer kleinen Feier freute sich Urs Straumann, dass sein «Lebensretter» unerwartet wieder aufgetaucht und im Fliegermuseum Oberaargau ist. Den Anwesenden erzählt er den Ablauf des Unfalls und seiner Genesung. Straumann flog dann noch weitere zwei Jahre den Hunter, hörte aber nach einem weiteren, tödlich verlaufenen Unfall eines Freundes mit dem Fliegen der Kampfjets auf und war fortan im Militärdienst als Instrumentenfluglehrer auf dem Pilatus PC-7 tätig. Straumann, in Basel aufgewachsen und heute in Oberdorf wohnhaft, blieb der Fliegerei bis heute beruflich treu: Er arbeitet bei Swiss und gehörte zu den ersten zwölf Piloten, die auf das neue Langstreckenflugzeug Boeing 777 umgeschult haben, und ist auch Instruktor auf diesem Flugzeugtyp (wir berichteten), nachdem er zuvor fast die ganze Palette der Swissair/Swiss-Flugzeuge geflogen hatte.

Peter Daetwyler, der Besitzer des Fliegermuseums Oberaargau, freute sich seinerseits, dass der Schleudersitz identifiziert werden konnte und künftig die Besucher über die Geschichte des Sitzes informiert werden können.

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