Das Ehepaar Riesen schaut auf ein erfülltes Berufsleben zurück. Doch jetzt ist die Zeit für den Lebensabschnitt gekommen, auf den sie sich seit einiger Zeit freuen. Die Bäckerei-Konditorei an der Weissensteinstrasse 94 schliesst endgültig ihre Türe. André Riesen hat am Vorabend zum letzten Mal «geheblet», also den Teig vorbereitet, und seine Frau Christina wird nach der Ladenschliessung das letzte Mal das Brotgestell abwischen. Nach vier Jahrzehnten ist Schluss mit den routinierten Verrichtungen des Arbeitsalltags.

Das Familienunternehmen begann vor fast 60 Jahren, als die Vorgeneration Walter und Gertrud Riesen eine bestehende Bäckerei in Oberdorf übernahmen. Vorher arbeitete das Ehepaar im Tea-Room Vorstadt am Rossmarktplatz in Solothurn. Als Walter Riesen im Jahr 1976 verstarb, übernahm Sohn André die Bäckerei. Zuerst führte er das Geschäft mit seiner Mutter. Ab 1978 kam Ehefrau Christina hinzu. Im gleichen Jahr wurden der Laden und das Wohnhaus umgebaut.

Backen statt zeichnen

Der Weg in die Backstube war für André Riesen aber nicht gleich in die Wiege gegeben. «In der Schule hat mir das Technische Zeichnen fantastisch gefallen», erinnert er sich. Deshalb begann er zuerst eine Lehre als technischer Zeichner, aber der Beruf erfüllte seine Erwartungen nicht. So fand er sich schliesslich doch als Bäcker-Konditor wieder und lernte in der Bäckerei Zurmühle in Solothurn. Ein Teil der Lehre wurde ihm geschenkt, da er schon Lehrzeit in der Industrie absolviert hatte und als Bäckersohn ein durchaus «erfahrener Stift» war. Und tatsächlich: Trotz abgekürztem Verfahren machte er in seinem Jahrgang die beste Lehrabschlussprüfung des Kantons.

Christina und André Riesen geben unumwunden zu, dass der Geschäftsgang in den vergangenen Jahren nicht mehr mit den Anfangszeiten verglichen werden kann. Der Strukturwandel mache auch vor Oberdorf nicht halt. «Wir konnten den Lebensunterhalt für uns beide noch verdienen», sagt Christina Riesen, «aber für Rückstellungen, um Investitionen zu tätigen, blieb am Ende des Jahres zu wenig übrig.» So war an einen Verkauf des Geschäftes nicht zu denken, nachdem auch Sohn Stefan und Tochter Beatrice längst ausgeflogen und in anderen Berufen tätig sind.

Viele negative Einflüsse

Am Anfang gingen die Geschäfte sehr gut. Eine Zusammenarbeit mit dem gegenüberliegenden Milchhuus der Usego wirkte sich positiv aus. Grosi Gertrud und Rosmarie Adam, die Schwester von André Riesen, halfen samstags aus. Dann sass zum Abschluss der Arbeitswoche die ganze Familie am Mittagstisch in schöner Gemeinsamkeit.

Den ersten Abbruch des Geschäftsganges gab es mit der Schliessung der Poststelle. «Dann fehlten plötzlich die nördlichen Langendörfer und die Lommiswiler, die in Oberdorf die Post aufsuchten», hält André Riesen fest. Auch die langjährige Nichtexistenz der Seilbahn auf den Weissenstein habe man bei den Frequenzen des Ladens deutlich negativ gespürt. Das Ladendorf Langendorf, das fast gleichzeitig mit der Geschäftsübernahme geöffnet wurde, sei weniger eine Konkurrenz gewesen als später die zunehmende Mobilität und die Eröffnung der vielen Tankstellenshops. Zudem sei auch festzustellen, dass die heutige Gesellschaft bedeutend weniger Brot esse als früher.

Grössere Reisen geplant

Kaum ist die Bäckerei-Konditorei definitiv geschlossen, beginnen die Umbauarbeiten der Ladenräumlichkeiten zu einer Wohnung, die das Ehepaar Riesen selber bewohnen wird. Für die Maschinen und Einrichtungen der Bäckerei haben sie keine Verwendung mehr. «Da wäre es schön, wenn wir dies sinnvoll weitergeben könnten, vielleicht in einen Betrieb nach Osteuropa», sinniert Christina Riesen. Auf dem Plan der Neurentner stehen grössere Reisen, die nicht dem gewohnten Ferienschema folgen, wie Zelten auf Grönland oder ausgedehnte Wanderferien. Solches haben sie sich schon in der Vergangenheit alle paar Jahre gegönnt.

Und das Aufstehen morgens um 2 Uhr? Wird André Riesen froh sein, dass er länger schlafen kann? «Das frühe Aufstehen hat mir nichts ausgemacht. Aber das Vorbereiten des Teiges um 22 Uhr, das ‹Heble›, das hat mich manchmal genervt. Jetzt bin ich froh, dass ich am Abend nicht mehr in die Backstube muss», sagt er mit einem Lächeln.