Rüttenen
Was Vater und Betreuerin von Autist Nicolas lernen können

Nicolas Fuss aus Rüttenen ist Autist. Er, sein Vater Urs und Karin Kifoula, Leiterin der Alten Schmitte in Lohn-Ammannsegg, haben in den letzten Jahrzehnten viel voneinander gelernt.

Urs Byland
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Nicolas Fuss, sein Vater Urs und Institutionsleiterin Karin Kifoula im Garten der Alten Schmitte.

Nicolas Fuss, sein Vater Urs und Institutionsleiterin Karin Kifoula im Garten der Alten Schmitte.

Urs Byland

Am Sonntag ist Nicolas unterwegs. Aktuell ist sein Ziel zumeist die Kirche Büren. Dort haben es ihm die wohlklingenden Glocken angetan. Nicolas ist Autist, verbringt den Tag in der Institution Alte Schmitte in Lohn und wohnt in einer «Männer-WG» in Rüttenen mit seinem Vater Urs Fuss und seinem Bruder Jonas Fuss. Vor Jahren hat Nicolas die Glockentöne jeweils auf Tonband aufgenommen. Aber nicht nur Glockentöne, er hat auch seine Ausflüge auf Band kommentiert. Dadurch hat sein Vater viel über seinen heute 43-jährigen Sohn erfahren, denn Nicolas fällt es schwer von sich aus über eine Begebenheit zu erzählen. «Früher legte er mir jeweils einen Zettel auf den Tisch und teilte sich mir mit», sagt Urs Fuss. Darunter war auch schon mal eine Nein-Botschaft an seinen Vater. Wenn Nicolas damals von sich sprach, verwendete er die dritte Person. «Dass er heute Ich-Sätze sagen kann, hat er auch der Arbeit in der Alten Schmitte zu verdanken», ist Urs Fuss überzeugt.

Die Leiterin der Alten Schmitte, Karin Kifoula, arbeitet dort seit 1990. Zwei Jahre später folgt der Jugendliche Nicolas in die Institution. Zu Beginn ihrer Beziehung habe sie sich überlegt, womit Nicolas sich wohl gerne beschäftigt. Sie ermöglichte ihm einen Tag wöchentlich auf einem Bauernhof. «Ich dachte, er braucht doch die Erfahrung von Männerarbeit, wo er zupacken kann.» Sie erinnert sich daran, wie sie einen Marktstand bauten für den Märit in Solothurn. «Nicolas sollte Kraft und, etwa beim Nageln, Widerstände spüren. Ich habe immer Angebote gemacht und Du hast diese gerne angenommen.» «Ja», sagt Nicolas kurz.

Aber trotzdem war sie sich nicht sicher, ob Nicolas diese Angebote wirklich gerne wahrnimmt. Beim Musizieren merkte Karin Kifoula, dass Nicolas sehr gut zuhört. «Er hat ein besonderes Musikgefühl und kann Tonhöhen genau wiedergeben, etwa auf dem Klavier.» «Er habe das absolute Musikgehör, hat mir sein Klavierlehrer gesagt», ergänzt Urs Fuss. Nach wie vor geht Nicolas in die Klavierstunde. Auf die Frage, was er dort spiele, kommt nach einige Sekunden die knappe Antwort: «Jazz.» Er sei sehr in der Musik integriert, sagt sein Vater. Und Nicolas spiele nicht einzig Jazz. «Du fragsch mi, wär i bi?», kann er nach einer langen Pause ergänzen. Und seinem Vater gesteht er auf Nachfrage auch noch «Stille Nacht» und «Oh Tannenbaum» zu. Eine Affinität hat Nicolas auch zu Farben, wie Karin Kifoula beim Textilen Werken mit ihm herausgefunden hat.

«Ich war immer auf der Suche nach den besonderen Fähigkeiten von Nicolas, die er auch ausserhalb der Alten Schmitte anwenden könnte», sagt Karin Kifoula. Denn Nicolas kann dies nicht einfach mitteilen. Anfangs konnte er nur mit Ja und Nein seine Bedürfnisse und Wünsche deklarieren. «Also habe ich versucht, ihm eine Auswahl von Möglichkeiten zu geben und auch eine Stellungnahme von ihm zu bekommen. Einen Satz.» Heute könne Nicolas das viel besser, sagt Karin Kifoula.

Dann erinnert sich sein Vater Urs Fuss, dass sich Nicolas sehr wohl klar und mit gewählten Worten ausdrücken kann. Gehört hat er diese Wörter und Sätze auf den eingangs erwähnten Tonbändern. «Er ist ein grosser Spaziergänger. All seine Wanderungen hat er kommentiert. Einmal war er nachts unterwegs und ...» Rasch wirft Nicolas dazwischen: «Das nicht erzählen.» Nicolas sei ein Beobachter, fährt sein Vater fort. Er habe ihm früher erklärt, er «göi hinder d’Wolke go Gugus mache». Und Urs Fuss setzt an zu weiteren Beispielen, die Nicolas Charakter erklären sollen. Aber Nicolas mag diese Geschichten nicht in der Zeitung lesen und stoppt seinen Vater.

«Ich habe später im Nachbardorf», fährt Karin Kifoula weiter, «einen Musiklehrer aufgesucht, der ihm Musikunterricht geben soll. Der Lehrer ist blind. Ich dachte, wenn Nicolas dorthin geht, dann kann er nicht nur beobachten. Er muss reden, weil der andere nichts sieht.» Auch in Sachen Körperkontakt erhoffte sie sich eine Entwicklung für den scheuen Nicolas, denn der blinde Musiklehrer «sieht» durch Tasten. «Diese Berührungen konnte er annehmen.»

«Es ist eine Welt, immer noch und schon immer, in der ich einerseits sehr nahe bei Nicolas bin, die aber andererseits mir immer fremd ist, in der ich nie hinter die Wolken sehe›», beschreibt Urs Fuss sein Verhältnis zu Nicolas. Dessen Besonderheit wurde früh erkannt. Seine verstorbene Mutter war Heilpädagogin. Die Therapie begann im Alter von vier Jahren. Nicolas lernte schreiben und lesen. «Mit Zahlen kann er aber nichts anfangen», so Urs Fuss. Nicolas sei sehr bescheiden. Nur seine Freizeit will Nicolas selber gestalten. «Das ist sehr wichtig. Er geht von zu Hause aus spazieren, er kauft auf dem Märit ein, er fährt mit dem Bus auch etwa am Sonntagnachmittag nach Büren. Er ist sehr flexibel und muss nicht geführt werden.» Urs Fuss hat Nicolas anfangs begleitet und angeleitet. «Als der Bus einmal ohne ihn abfuhr, hat er den Umweg über Grenchen und Solothurn alleine geschafft.» Unterwegs treffe er Leute an, etwa im Blumenladen oder in der Drogerie. «Ich erfahre dies immer auf indirektem Weg», sagt Urs Fuss, «Nicolas erzählt nichts von seiner Welt. Es ist entscheidend, dass er seine Gefühle, seine Emotionen in sich trägt.»

Nicolas sei vor allem ein sehr introvertierter Mensch, ergänzt Karin Kifoula. «Da habe ich grossen Respekt dafür.» Auch sie erwähnt als positiven Punkt, dass man mit Nicolas Besonderheiten schon früh und professionell umgegangen ist. «Das ist nicht selbstverständlich.» Sie nehme Nicolas wie einen anderen Menschen auch. «Mit anderen Bewohnern muss ich vielleicht mal einfacher reden.» Aber nicht mit Nicolas, dem man mit einem guten Witz auch ein Schmunzeln entlocken könne. «Er versteht viel mehr, als man meint. Wenn ich eine Frage habe, stelle ich sie und warte bis er antwortet.»

Die Kommunikation per Zettel mit seinem Vater habe Nicolas ein Loslösen ermöglicht, ist Urs Fuss überzeugt. «Es kam schon vor, dass er schrieb: Papi ich möchte das nicht so.» Das sei ihm immer tief gegangen, sagt Urs Fuss. «Dass Nicolas aus seiner ich-bezogenen Welt heraustrat und jemandem sagen konnte: ich möchte das nicht.»

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