Frauen in der Landwirtschaft
Was die Alt-Bäuerin aus Messen bei ihren Kindern versäumt hat, holt sie bei ihren Enkeln nach

Alt-Bäuerin Rosmarie von Allmen aus Messen ist heute Sigristin und engagierte Grossmutter.

Vanessa Simili
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Rosmarie von Allmen mit ihren Grosskindern (von links) Johannes, Magdalena und Jakob.

Rosmarie von Allmen mit ihren Grosskindern (von links) Johannes, Magdalena und Jakob.

Hanspeter Bärtschi

Massive Treppenstufen, modern eingebaut in ein Stöckli, das in seinem Fundament schon lange hier stehen muss. Im Parterre eine geschnitzte Eichentür. Im ersten Stock ebenfalls eine Holztür, sie steht offen. Einladender kann eine erste Begegnung kaum sein. Rosmarie von Allmen, 74, erscheint sogleich, begrüsst die unbekannten Gäste freundlich. Offenheit steht der Alt-Bäuerin gut.

Ein grosser Holztisch steht in der Mitte des Wohnraumes. Eine Ecke ist von Kindern geprägt, die Küche grosszügig gestaltet. Hier wird gekocht, miteinander gegessen und Zeit verbracht. Unverkennbar. «Zeitweise habe ich eine Kita», scherzt sie. Zweimal die Woche kocht sie für die Enkelkinder – nicht nur für sie, sondern oft auch mit ihnen.

«Was ich alles in meiner Ausbildung gelernt habe, kann ich erst jetzt richtig anwenden», konstatiert sie. Die sechs Enkelkinder, zwischen drei und acht Jahre alt, bezieht sie ins Kochen, Einmachen und Backen ein. «Bei meinen eigenen Kindern hatte ich kaum Zeit dafür», erinnert sie sich. «Ich versuche, das, was ich bei ihnen versäumt habe, an ihren Kindern wieder gutzumachen.»

Frauen in der Landwirtschaft

Die Serie «Frauen in der Landwirtschaft» rückt die unterschiedlichsten Bäuerinnen in den Fokus. Frauen übernehmen seit je eine bedeutende Rolle im bäuerlichen Familienbetrieb. Im Kontext des landwirtschaftlichen Strukturwandels verändert sich nicht nur das Rollenverständnis, sondern auch die Aufgaben und Funktionen. Das konventionelle Modell der landwirtschaftlichen Betriebsführung nimmt neue Formen an.

«Wir waren nie allein am Tisch»

Rosmarie von Allmen, Bauerntochter aus Utzenstorf, hat 1970 Heinz, einen Landwirt aus Solothurn, geheiratet. «Heinz’ Eltern hatten einen Hof und Land in Solothurn, doch dort war keine Existenz für uns.» So wohnten sie drei Jahre in Kirchlindach, bevor sie nach Messen zogen. Hier kauften ihre Schwiegereltern 1973 den Hof an der Hauptstrasse, den sie und ihr Mann von da an bewirtschafteten. 1975 folgte die Geburt des ersten Sohnes, 1977 der Tochter und 1979 des zweiten Sohnes.

Mit dem Betrieb hatten sie auch einen Mitarbeiter übernommen. «Er fragte, ob er hier bleiben dürfe und mithelfen, gegen Kost und Logis.» Bald kamen regelmässig Lehrtöchter hinzu, die bei ihnen arbeiteten und wohnten. Insgesamt haben 17 junge Frauen bei Rosmarie von Allmen das bäuerliche Haushaltlehrjahr absolviert. «Wir waren nie allein, am Tisch waren wir immer eine grosse Runde.»

Dieses Leben als Bäuerin, wie es damals normal war, kannte sie von Zuhause. Dass sie in die Fussstapfen ihrer Mutter treten würde, war früh klar. Es machte ihr auch nichts aus. Im Gegenteil, es erfüllte sie. Nach der Schulzeit absolvierte sie die Ausbildung zur Hauswirtschaftslehrerin. 1979 folgte der Fachausweis Bäuerin.

Über zehn Jahre lang nahm sie als Expertin Prüfungen ab. Ihre spätere Arbeit als Präsidentin der Prüfungskommission Nordwestschweiz habe sie oft für mehrere Tage weg vom Hof geführt, was sie schätzte. «Ich hatte immer ein Bein ausserhalb des Hofs.»

Das Halten der Hühner ist eine Art Therapie

Diese Art von Bauernleben und Aufgabenteilung, wie sie Rosmarie von Allmen lebte, gehört mehrheitlich der Vergangenheit an. «Die Zeit ist eine andere.» Sie erlebt es bei ihrem jüngeren Sohn Markus, der 2006, ein paar Wochen vor dem Tod seines Vaters, den Hof übernommen hat. Damit sind viele Veränderungen einher gegangen.

Der Sohn hat den 20 Hektaren grossen Betrieb auf biologische Produktion umgestellt. Die Tiere werden heute in einer Tierhaltergemeinschaft betreut. Das heisst, zwei oder mehr Bauern teilen sich eine Tierhaltung und deren Ertrag. Statt dass jeder einen Kälberstall, eine Weide etc. hat, legen sie die Infrastruktur und die Ressourcen zusammen.

Und während ihre Schwiegertochter ausserhalb der Landwirtschaft berufstätig ist, hilft Rosmarie von Allmen als Gastgeberin und Chauffeuse, als «Hüeti und Chummirzhilf» aus. Im Bauerngarten, den sie früher für die Selbstversorgung bewirtschaftete, spielen heute die Enkelkinder.

Draussen dunkelt es ein. Das ist der Moment, ihren sechs Zwerghühnern die Stalltür zu schliessen. «Die Kinder haben Kaninchen und Meerschweinchen», sagt sie. Auf ihrem abendlichen Rundgang schaue sie manchmal auch zu ihren Tieren. «Für mich ist das Halten der Hühner ein bisschen wie Therapie, am Morgen aufmachen und füttern, am Abend wieder zumachen.» Diese Aufgabe hat sich von ihren ersten Tagen als Bäuerin bis heute wie ein roter Faden durchgezogen. Solange sie kann, wird sie sie begleiten.

Zusätzlich ist sie Sigristin der Reformierten Kirchgemeinde Messen. Eine Aufgabe, die sie mit Hingabe ausübt. Die Kirche sei ihr immer nah gewesen. Als Kirchgemeinderätin sei sie vor 15 Jahren, während der Krankheit ihres Mannes, hineingerutscht.

Soziales Engagement und Singen gehören noch heute zu Rosmarie von Allmens Alltag. Seit 2002 singt sie im Chor Taktlos mit: «Singen ist gesund und die Kameradschaft wertvoll.» Schaue sie zurück auf ihr Leben, dann sei sie sehr dankbar, trotz der schweren Zeiten, die grosse Veränderungen mit sich brachten – nicht nur in der Landwirtschaft, sondern auch persönlich, etwa mit dem Einzug ins Stöckli 2012.

Und sollte einst eines ihrer Enkelkinder den Hof übernehmen wollen, wäre das für sie das Schönste. Ein Geschenk.

Generationenwechsel in der Landwirtschaft

Die Hofübergabe ist ein einschneidender Moment und verlangt sowohl in der Vorbereitung als auch in der Umsetzung Sensibilität und gegenseitiges Verständnis. Das Projekt «Hofübergabe360» der Hochschule für Agrar-, Forst und Lebensmittelwissenschaften (HAFL) hat untersucht, wie Bauernfamilien den Hofübergabeprozess angehen und erleben. «Auf den ersten Blick hat sich wenig Erstaunliches gezeigt: Anstatt das Leben neu zu erfinden, arbeiten die meisten pensionierten Bäuerinnen und Bauern nach der Hofübergabe weiterhin auf dem Betrieb mit», ist von Sandra Contzen, Leiterin des Projektes, zu erfahren.

«Wird genauer hingeschaut, zeigt sich, dass sich doch einiges ändert, zwar nicht erst bei der Pensionierung, sondern bereits bei der Hofübergabe: Die ältere Generation hat der jungen im Bauernhaus Platz gemacht und ist ins Stöckli gezogen. Der ehemalige Chef ist nun der ‹Knecht› und hat auf dem Betrieb ‹nichts mehr zu sagen›, wie ein Alt-Bauer meinte.» Wie aus der Studie hervor gehe, sei ein weiterer wesentlicher Aspekt auch die neu gewonnene Freiheit der Alt-Bäuerinnen und -Bauern.

Annahmen können richtig oder falsch sein

Auf der Grundlage der Forschung suchte das Projekt nach innovativen Lösungen, um den komplexen und herausfordernden Nachfolgeprozess zu unterstützen. «Mithilfe von Bauernfamilien, landwirtschaftlichen Beratungs- und Lehrpersonen sowie Fachleuten aus der Agro-Treuhand entstand das Brettspiel Parcours und die dazugehörige Internetseite www.hofnachfolge-parcours.ch», ist weiter zu erfahren.

Während das Spiel animieren soll, realitätsnah und humorvoll über sich und den Prozess nachzudenken und zu diskutieren, beleuchtet die Internetseite den gesamten Übergabeprozess. Praxisnah und ganz konkret sind neben Tipps und Wissenswertem auch Adressen von Beratungspersonen zu finden.

Ein Merkblatt zum Generationenwechsel fächert als Checkliste Punkt für Punkt auf: von der Nutzung des Sitzplatzes über den Blumenschmuck, die Fütterung der Kleintiere bis hin zur Beschriftung des Briefkastens. «Wird etwas nicht diskutiert, so geht jeder von einer Annahme aus. Diese kann richtig sein, aber auch völlig daneben liegen», so Ueli Straub von der Agridea, der landwirtschaftlichen Beratungszentrale der kantonalen Fachstellen. «Deshalb gilt: Darüber sprechen, zuhören und gemeinsame Lösungen finden mit allen Beteiligten. So entstehen tragfähige Vereinbarungen, die im Alltag Bestand haben.»

Der Agraringenieur mit Schwerpunkt Generationenwechsel und strukturelle Veränderungen hält zudem fest: «Es gibt keine Patentrezepte. Passende Lösungen müssen für jeden Betrieb individuell gesucht werden. Alle Beteiligten haben ihre eigenen Wertvorstellungen. Diese sind Teil unserer Persönlichkeit und prägen unser Handeln.»