Flumenthal
Was Brunnenmeister Schnider mit Ritter Tugginer verbindet

52 Jahre war Erhard Schnider in Flumenthal Brunnenmeister. Zu Brunnen hat der 75-Jährige eine besondere Beziehung. Sein liebster Brunnen wurde im 16. Jahrhundert von Hauptmann Tugginer, der später Ritter wurde, aufgestellt.

Urs Byland
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Erhard Schnider und sein Brunnen: Früher war nur die Inschrift «WTRMS» sichtbar. Links ist das Wappen von Wilhelm Tunniger, ein Kreuz mit zwei Sternen und zweiReben, zu sehen, rechts das Wappen seiner zweiten Frau Maria Saler. Dargestellt ist eine Sal-Weide. Die Jahreszahl (links 15 und rechts 78) flankiert die Wappen.

Erhard Schnider und sein Brunnen: Früher war nur die Inschrift «WTRMS» sichtbar. Links ist das Wappen von Wilhelm Tunniger, ein Kreuz mit zwei Sternen und zweiReben, zu sehen, rechts das Wappen seiner zweiten Frau Maria Saler. Dargestellt ist eine Sal-Weide. Die Jahreszahl (links 15 und rechts 78) flankiert die Wappen.

Urs Byland

Wasser bestimmt das Leben von Erhard Schnider seit je. Er mag sich noch an sein Spiel am Wasser erinnern, das gleich neben seinem Geburtshaus einer Quelle entspringt und im Unterdorf heute noch mehrere Brunnen speist. Darunter auch zwei Brunnen, die ihm und seiner Familie gehören. Mit 23 Jahren machte sich der gelernte Bauspengler, Sanitär und Heizungsmonteur selbstständig und bewarb sich zudem als Brunnenmeister in der Gemeinde. «Der Start in die Selbstständigkeit war zäh, da kam ein solcher Nebenjob gelegen», berichtet der 75-Jährige.

Seit 1963 ist er Brunnenmeister, anfangs für 400 Franken jährlich. Heute erhält der Brunnenmeister in Flumenthal rund 3200 Franken. Wobei die Arbeit nicht wesentlich zugenommen habe. Beispielsweise der Unterhalt der Hydranten: Bei den meisten musste er zweimal im Jahr das Wasser andrehen, damit dieses nicht faulen könne. Hydranten in Stichleitungen betätigte er gar viermal jährlich. Die alten Hydranten waren mit einem Haupt- und zwei Seitenventilen ausgerüstet, was auch mechanische Unterhaltsarbeiten (Schmierung und Entlüftung) bedingte. «Heute haben die Hydranten nur einen Anschluss. Die alten Hydranten waren aufwendiger.» Dafür hat sich die Anzahl der Hydranten beinahe verdoppelt. Am Ende hatte Schnider gegen 80 Hydranten zu betreuen.

Bis 1980 putzte er zusätzlich einmal im Jahr das dorfeigene Reservoir. Diese Arbeit entfiel mit dem Anschluss an die Riedholzer Wasserversorgung. Weiter hatte er die Hauptschieber der Leitungen einmal im Jahr zu bewegen. Mit den Schiebern können einzelne Sektoren der Leitung abgestellt werden.

Einsatz für die Gemeinde

Mit dem Nebenamt in der Gemeinde rutschte Erhard Schnider mit der Zeit in weitere Ämter. «Wasserkommission, Werkkommision, Baukommission, 8 Jahre Ersatzgemeinderat, 16 Jahre Gemeinderat mit Ressort Wasser und Abwasser, Präsident der Planungskommission. Ich habe alles im Zusammenhang mit dem Wasser in der Gemeinde kennen gelernt.» Am Ende war er noch jahrelang Präsident der Friedhofkommission. «Das wurde früher noch nach Partei vergeben. Da war ich lange Ersatz, bevor ich zum Handkuss kam.» Er habe in den letzten 50 Jahre immer etwas in der Gemeinde gemacht.
Aber als Brunnenmeister startete und beendete er seine Karriere in den Dorfbehörden.

Wassermenge festgeschrieben

Dann erzählt Erhard Schnider von seinen Brunnen. Stetig fliessendes Wasser ist faszinierend. Schnider hat hinter seinem heutigen Wohnhaus einen Brunnen, der 4 Liter Wasser pro Minute liefert. Diese Menge wurde laut Schnider bereits 1918/19 im Grundbuch festgeschrieben. «Ich habe mir lange überlegt, weshalb das eingetragen wurde.» Er vermutet einen Zusammenhang mit dem gleichzeitigen Bau einer Gussleitung durch die Cellulose Attisholz, die im Unterdorf Häuser baute. «Damals hiess es, dass mit den Leitungen später auch das Oberdorf mit Wasser versorgt werden könnte. Da dürften einige im Unterdorf befürchtet haben, dass sie dann nicht mehr genug Wasser von dieser Quelle zur Verfügung hätten und haben ihre Menge festschreiben lassen.»

Ein Brunnen für jede Ehefrau

Schniders liebster Brunnen steht einige Meter von seinem Wohnhaus entfernt im Hinterhof seines Sanitärgeschäftes, das heute sein Sohn führt. Der Brunnen stand früher neben dem Miststock und funktionierte nicht mehr. Ein alter Mann habe seinerzeit 8000 Franken für den Brunnen geboten, weil er diesen neben einem neuen Stöckli platzieren wollte. Schnider selber war nicht zu Hause und vergass, dem alten Mann zu telefonieren. Später kam er nochmals und bot 10 000 Franken. Wieder war Schnider nicht im Haus. Dann beim dritten Mal, als Schnider endlich daheim war, bot der alte Mann gar 15 000 Franken. «Aber ich wollte den Brunnen nicht verkaufen. Wir erhielten den beim Hauskauf. Ich wollte diesen versetzen und eine neue Leitung bauen. Später stellte sich heraus, dass er ein ‹Hüzer› war und nicht etwa ein Stöckli baute, sondern den Brunnen weiterverkaufen wollte.»

Die Inschrift am Brunnen «WTRMS» konnte Schnider aber nicht erklären. Das Rätsel wurde gelöst, als er den rund 5 Tonnen schweren Brunnen, der tief im Erdreich festsass, ausgraben liess. Unter der Inschrift kamen zwei Wappen zum Vorschein sowie die Jahreszahl 1578. «Ich habe den Denkmalschutz kommen lassen. Nach einigen Monaten, ich staunte nicht schlecht, erhielt ich eine Dokumentation zum Brunnen.» Den Brunnen erbauen liess der Solothurner Söldnerführer Wilhelm Tugginer (1526–1591). Tugginer wurde 1569 vom französischen König Karl IX. in den Adelsstand erhoben. Er hatte die schöne Idee, seiner Angetrauten möglicherweise als Liebeszeichen, vielleicht auch aus rein praktischen Gründen einen Brunnen zu widmen. Die Inschrift am Brunnen für seine erste Frau lautet «WTHER», also Wilhelm Tugginer Hauptmann Elisabeth Rahn. Die erste Frau ehelichte Tugginer 1559, als er noch Hauptmann war. Der Brunnen steht im Hof des Schulhaus Kollegium in der Goldgasse in Solothurn.

Der zweite Brunnen für seine zweite Frau Maria Saler steht nun in Flumenthal. Da war Tugginer bereits Ritter, deshalb das «R» in der Inschrift. 1589, kurz vor seinem Tod, ehelichte Tugginer noch Elisabeth Cléry. Weshalb der Brunnen nach Flumenthal kam, ist unbekannt.

Über seine Brunnen könnte Schnider noch viel erzählen. Aber wichtiger ist ihm, dass während seiner Zeit als Brunnenmeister immer sauberes Wasser in die Haushaltungen von Flumenthal floss. «Wir mussten das Wasser einmal im Jahr prüfen lassen. Die Werte waren immer gut.»