Neues Asylzentrum Biberist

Warum Urs Zuber den Bleichenberg mit Asylbewerbern teilt

Urs Zuber öffnet die Tür zum ehemaligen Gefängnis auf dem Bleichenberg.

Urs Zuber öffnet die Tür zum ehemaligen Gefängnis auf dem Bleichenberg.

Urs Zuber stellt sein Haus nahe des Schlösschens Vorder-Bleichenberg in Biberist als Asylzentrum zur Verfügung. Dass er sein Haus mit Flüchtlingen teilt, ist für ihn selbstverständlich. Zuber will helfen. Seine Interessen stellt er hintenan.

Der Besuch auf dem Hof von Urs Zuber ist ein Besuch an einem Ort, an dem der Egoismus nichts verloren hat. Dort, wo die Menschen aus der Agglomeration Solothurn, Zuchwil und Biberist Erholung suchen, einen Steinwurf vom Schlösschen Vorder-Bleichenberg entfernt, wohnt einer, der sich nicht einigeln mag. Urs Zuber bewirtschaftet hier seinen stattlichen Bauernbetrieb. In eine dicke Jacke eingepackt steht er im Stall und präpariert Futter. Seit dem frühen Morgen kümmert er sich an diesem eisigen Februartag um seine 185 Mastrinder, die dereinst in Bio-Qualität auf den Tellern landen werden. Spricht er über den Bleichenberg, kommt er ins Schwärmen. «Es ist ein wunderbarer Flecken Erde», sagt Zuber, und seine Augen werden beinahe glasig. «So nah von allem, und doch so ruhig und friedlich.»

Sein Paradies will er nun teilen. Schon in einem Monat könnten die ersten Asylbewerber in direkter Nachbarschaft einziehen. Die ehemalige Aussenstation der Strafanstalt Schöngrün wird zur Asylunterkunft, wo der Kanton Solothurn 32 Menschen, vorwiegend aus Syrien, aufnehmen wird. Das Zentrum lindert die akute Platznot für Flüchtlinge. Das Ventil geöffnet hat Urs Zuber. Im gehört die Anlage auf Biberister Boden. Selber wohnt der Vater von zwei Töchtern im Westteil des ehemaligen Gefängnisses. Tochter Andrea, mit der er den Bauernhof betreibt, lebt im Ostflügel. Im Mitteltrakt dazwischen mit den vergitterten Fenstern werden die Flüchtlinge einquartiert.

Urs Zuber beim Töggelikasten

Urs Zuber beim Töggelikasten

Urs Zuber, warum haben Sie Ihr Haus dem Kanton als Asylzentrum angeboten?

Urs Zuber: Man sieht die Nachrichten aus Syrien und anderen Orten, wo Krieg herrscht. Dann heisst es immer: Man muss helfen, man muss etwas tun. Aber niemand tut etwas. So machte ich halt den ersten Schritt.

Sie haben mit Sträflingen gearbeitet. Woher kommt das Engagement für Menschen, die am Rand stehen?

Vielleicht liegt mir das im Blut. Bei mir kommt der Mitmensch immer an erster Stelle. Ich selber komme als Zweites. Es ist so: Ich will den anderen Menschen immer eher etwas zuliebe tun als mir selber.

Zuber ist kein Mann vieler Worte. Was er sagt, klingt in Zeiten von Kampagnen gegen Flüchtlingsheime ungewohnt. Doch man glaubt es ihm. Bereits 2011 hatte er das alte Gefängnis als Asylunterkunft angeboten. Hier gibt es ungenutzten Platz, es gibt Zimmer, eine neue, grosse Küche, einen Aufenthaltsraum, Wasser, Strom. Das Hochbauamt habe seine Absicht gestützt. Aber andere Kreise auf kantonalen Ämtern seien dagegen gewesen. Widerstand gab es auch, als er Fahrenden hinter seinem Hof Standplätze zur Verfügung stellen wollte. In Biberist wollte man davon nichts wissen. Zuber hat es akzeptiert. Dass es jetzt mit dem Asylzentrum geklappt hat, freut ihn. «Beim Kanton haben sie auch ein gutes Herz», sagt Zuber.

Bis jetzt habe er nur positive Reaktionen erhalten. Viele hätten von der Eröffnung des Asylzentrums in der Zeitung gelesen und ihn angerufen. Wer etwas dagegen habe, melde sich wohl nicht bei ihm.

Wo Asylzentren aufgehen, gibts oft Widerstand. Haben Sie keine Angst?

Zuber: Nein, ich habe keine Angst. Die Unterkunft ist betreut. Aber Respekt habe ich. Ich kenne die Leute ja nicht, die kommen werden. Es heisst zwar, dass es Familien sind, aber es kommen auch andere. Die Polizei inspiziert die Anlage, damit sie vom Gebäude eine Ahnung hat, falls etwas passiert.

Mit der Ruhe dürfte es hier oben bald vorbei sein.

Ja, es wird kaum mehr ruhig sein. Aber das wird mich nicht stören. Wenn es sehr laut ist im ehemaligen Zellentrakt, wenn sie die ganze Nacht Jubel, Trubel und Heiterkeit haben, dann höre ich das in meiner Wohnung. Aber ich mag das den Menschen ja gönnen.

Gerne würde Urs Zuber im Herbst ein paar Flüchtlinge mit auf den Kartoffelernter nehmen. «Mit ihnen härdöpfelen, warum nicht?» Doch die Initiative müsse von den Leuten ausgehen. Auch wenn das Bauern viel Arbeitskraft braucht: Um billige Helfer weibeln werde er im Asylheim nicht.

Zusammen mit acht Geschwistern ist Urs Zuber auf einem Bauernhof in Selzach aufgewachsen. 12 Jahre arbeitete er in Hallau SH auf einem Grossbetrieb, der für die Hero-Konserven Zwetschgen und Kirschen anbaut. Mit Hilfskräften auf Feld und Hof kennt sich der 61-Jährige aus. 20 Jahre leitete er den landwirtschaftlichen Betrieb der Strafanstalt Schöngrün. Dort beschäftigte er bis zu 32 Gefängnisinsassen im halboffenen Strafvollzug. Die sind nun alle im geschlossenen Vollzug im neu gebauten Schachen. Zuber hätte es begrüsst, wenn die Gefangenen weiterhin in der Landwirtschaft hätten arbeiten können. Die Tage auf dem Wallierhof hätten vielen gutgetan. In einer Diplomarbeit am Ausbildungszentrum für Strafvollzugspersonal in Freiburg hat er dargestellt, wie die Schachen-Insassen in der Aussenstation beschäftigt werden könnten. Doch davon habe man auf den Ämtern nichts wissen wollen. Die Insassen würden immer brutaler, habe man ihm gesagt.

Zuber ist überzeugt, dass die Landwirtschaft die beste Therapie ist. Jeder, der im Schöngrün einsass, hatte seine Lieblingskuh. «Zwar nicht immer die Schönste, aber es entstand eine Nähe zwischen Mensch und Tier.» Manche der schweren Jungs haben ihren Znüni- Fleischkäse mit den Katzen geteilt. «Das war rührend, gerade wegen der schweren Rucksäckli, die sie zu tragen hatten.»

Wie war für Sie die Arbeit mit den Gefangenen?

Zuber: Das Meiste habe ich gut in Erinnerung. Viele haben ein Bauernlehrjahr gemacht. Aber das Insassengut wurde immer schlechter. Der Drogenkonsum nahm zu, es gab mehr psychisch Auffällige.

Haben Sie damals gewusst, worauf Sie sich einlassen?

Ja. Es hat mir immer Freude gemacht, mit den Gefangenen zu arbeiten. Ich habe auch Fehler eingestanden, so wurde ich von ihnen geachtet. Nach dem Absitzen ihrer Strafe habe ich ihnen Stellen zugehalten, etwa in einem Holzbetrieb, der Kanalreinigung, bei Bauern. Ich habe Firmen angeschrieben, obwohl das die Aufgabe der Sozialarbeiter gewesen wäre. Manchmal wurde ich enttäuscht, etwa wenn die Leute schon nach drei Wochen nicht mehr in den Betrieben waren. Aber manchmal haben sich auch Kontakte ergeben. Gerade letzte Woche besuchte mich ein ehemaliger Insasse. Er war im Untersuchungsgefängnis, war drogenabhängig. Bei mir hat er dann ein Bauernlehrjahr gemacht, ich ging mit ihm an Anlässe, er hielt Vorträge. Dann hat er eine Lehrerin geheiratet. Zusammen haben sie zwei Kinder.

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