Scintilla-Ausstellung
Von der Zwischenkriegszeit bis zur grossen Entlassungswelle 2013

Liliane Herzog und Stefano Delfini haben die laufende Sonderausstellung der Scintilla konzipiert. »Die Herkunft und die Zukunft des Betriebes interessieren», so Delfini.

Urs Byland
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Vorne auf den Theken werden die Schlüsselprodukte der Scintilla präsentiert und an den Plakatwänden jeweils der geschichtliche und gesellschaftliche Kontext illustriert.

Vorne auf den Theken werden die Schlüsselprodukte der Scintilla präsentiert und an den Plakatwänden jeweils der geschichtliche und gesellschaftliche Kontext illustriert.

Urs Byland

Auch in diesem Jahr wird die Sonderausstellung «100 Jahre Scintilla» tageweise der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. «Der Erfolg der Ausstellung war im Jubiläumsjahr riesig. Alleine am Besuchstag kamen gegen 1000 Personen in die Ausstellung», begründet Mitverantwortlicher Stefano Delfini, die Fortsetzung. Seither wurden einmal pro Monat die Türen zur Ausstellung geöffnet, die sich in einem Produktionssaal des ersten, 1920 erbauten Scintilla-Gebäudes befindet.

Stefano Delfini arbeitet seit über 30 Jahren bei der Firma Scintilla AG, einer Unternehmung der Bosch. Zusammen mit der Ausstellungsmacherin Liliane Herzog konzipierte er die Sonderausstellung, die faszinierende Einblicke in ein Jahrhundert Industriegeschichte erlaubt.

Notabene Geschichte, die in Zuchwil geschrieben wurde. «Herkunft und Zukunft des Betriebes interessieren, und die Geschichte der Scintilla AG zeigt keine lineare Erfolgsgeschichte. Märkte haben sich verändert. Erfolgsprodukte verloren ihren Reiz, und Neues musste erfunden werden», gibt Stefano Delfini einen Überblick. Die Personalbestände seien nie konstant gewesen. «Scintilla hat immer wieder Leute entlassen müssen oder Leute eingestellt, je nach Geschäftsgang.»

Rot als verbindendes Element

Die Farbe Rot der Besitzerin Bosch wie auch der Scintilla, wenn auch nicht im gleichen Farbton, ist zur bestimmenden Farbe der Ausstellung geworden. Wie an einem Roten Faden sind im Saal auf eben roten Theken chronologisch die Erfindungen aufgereiht. «Es sind die Schlüsselprodukte», so Stefano Delfini. Ausgewählt wurde aus den Exponaten des nahen Firmenmuseums. «Wir haben etwa ein Drittel der Bestände für die Sonderausstellung verwendet.»

Links und rechts der Theken illustrieren an den Wänden grossformatige Plakaten in Bild und Text, den zu den Maschinen gehörende Kontext, etwa in welcher Epoche sie entstanden, wie die Produkte angewandt wurden, etc.

Einstieg der Bosch AG

1954 ging Scintilla in die Hände der Firma Bosch AG über. Kein Zufall, denn die drei Gründer der Firma Scintilla (Jacques Schnyder, Frédéric Billon und Ernst Hürlimann) arbeiteten früher bei der Bosch AG, verloren aber ihre Arbeitsstelle überraschend im Ersten Weltkrieg.

Sie entschlossen sich zur Produktion von Magnetzündern, die ohne externe Stromquelle Funken (Scintilla, ital. = Funke) produzieren können. Die Zünder hielten die Motoren in Autos und Flugzeugen am Laufen und versprachen, zu einem grossen Geschäft zu werden. Noch vor der von der Firma Brown, Boveri & Cie. (BBC) finanzierten Gründung der Scintilla versuchte sich Robert Bosch in die Firma einzukaufen. Schnyder wollte nicht. Die Übernahme wird aber Jahrzehnte später 1954 trotzdem Tatsache.

Der Standort Zuchwil wurde gewählt, weil hier wegen der Uhrenindustrie viel Berufswissen in der Fertigung von Kleinteilen bestand, der Krieg aber dafür sorgte, dass kaum Arbeit vorhanden war.

Die Schlüsselprodukte der Firma spiegeln die Geschichte des letzten Jahrhunderts wieder, in dem sich Scintilla einige Male neu erfinden musste, um überleben zu können. Den zuvor beschriebenen Start der Firma erfolgte mit einer Erfindung von Albert Aichele von der BBC. Er liess eine einfache Maschine, die Funken generieren konnte, die Magnetos, patentieren.

Vorreiter war auch hier die Firma Bosch, die aber mit Beginn des Krieges ihre Aktivitäten in diesem Bereich massiv einschränkte. Welch ein Triumph, als 1927 Charles Lindbergh den Atlantik überquerte und der Motor seiner Flugmaschine von zwei zuverlässigen Zündern der Firma Scintilla in Betrieb gehalten wurde.

Fürs Militär und für Hausfrauen

Einen grossen Einschnitt brachte der Zweite Weltkrieg. Die Fabriken leerten sich. Die Firma verlor einen grossen Teil des Auslandsgeschäftes und produzierte vor allem für die Armee. Scintilla hielt sich erfolgreich mit diversen Erfindungen über Wasser. In der Ausstellung ist diese Periode mit deren militärisch orientierten Schlüsselprodukten eine Einheit.

In der Nachkriegszeit folgte der Aufstieg in neuen Produktionszweigen: mit der von Albert Kaufmann 1944 erfundenen Handstichsäge wurde der Handwerkermarkt lanciert und Haushaltsgeräte wie Staubsauger wurden zu Erfolgsprodukten der Scintilla.

Fröhliche Hausfrauen mit dem Handstaubsauger in der Hand tanzen durch die Wohnstube: Scintilla braucht keine Models für diese Werbeplakate. «Zweimal kamen ältere Herren in die Sonderausstellung», erzählt Stefano Delfini, «sie betrachteten eingehend die Plakate mit den werbenden Hausfrauen und beide sagten: Das da ist meine Frau. Beide sind leider bereits verstorben.»

Im Zubehörmarkt stark

Mit der Abwanderung der Produktion ins Ausland, kam der Standort Zuchwil unter Druck. Die letzte grössere Entlassungswelle begann 2013, als die Firma 330 Arbeitsplätze abbaute. Heute ist die Firma Bosch AG in Zuchwil im Zubehörmarkt für Elektrowerkzeuge stark. Im Zweigwerk im Walliser St. Niklaus wurde 2007 das 60 Jahre Jubiläum gefeiert mit dem Hinweis, dass in dieser Zeit dort 4 Milliarden Sägeprodukte hergestellt wurden.

Der Zubehörmarkt hat den Markt für Elektrowerkzeuge längst überholt. Das Lagersortiment umfasst über 100'000 Produkte für alle Anwendungen wie Bohren, Schrauben, Sägen, Fräsen, Trennen und Schleifen.

Ganz am Ende der Sonderausstellung hängen zwei Plakate mit Fotos der heutigen Belegschaft sowie den Auszubildenden. «Wir wollten den Zuchwilern zeigen: Hey, hallo uns gibt es noch, und wir bilden weiterhin Lehrlinge aus», erklärt Delfini. Die Scintilla AG ist dabei, sich wieder einmal neu zu erfinden.

Scintilla, Sonderausstellung 100 Jahre Öffnungszeiten, donnerstags 16 bis 18 Uhr in diesem Jahr am 19. April, 21. Juni, 20. September und 22. November.