Riedholz
Vom erwischten Sprayer zum gefeierten Künstler

Auf dem Rundgang durch das «Kettenreaktion»-Areal beschreibt «Darco» seine Kunst.

Urs Byland
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Der deutsch-französische Künstler «Darco» erklärt seine Vision von Sprayen. Hanspeter Bärtschi

Der deutsch-französische Künstler «Darco» erklärt seine Vision von Sprayen. Hanspeter Bärtschi

hanspeter baertschi

«Darco» ist einer der 120 Künstlerinnen und Künstler, die beim dreimonatigen artcampus «Kettenreaktion» im Industrieareal Attisholz Nord mitmachen. Auf Wikipedia wird der 48-jährige Pariser als deutsch-französischer Graffiti-Writing-Künstler beschrieben.

«Darco» begann, wie viele Sprayer, im Untergrund und kriegte Probleme mit der SNCF, der französischen Staatsbahn. Er wurde 1989 als erster Sprayer in Frankreich wegen Sachbeschädigung verurteilt. Auf Einfluss der Politik und der Medien entschied die SNCF, dass er seine Strafe in Form von Wandbildern für die Bahngesellschaft abarbeiten konnte.

Dabei entstand unter anderem das 1000 Quadratmeter grosse Wandbild am Gare du Nord in Paris. «Die Sprayer arbeiten in Ateliers und haben Ausstellungen. Sie leben Graffiti», sagt Werne Feller. Und doppelt nach: «Graffiti ist Kunst.» Graffiti finden sich überall auf dem Gelände, grosse und kleinere. Feller nennt die Namen der Urheber, die vom Ausland, aus Basel und Genf oder der Region stammen.

Höhlenkunst der Neuzeit

In einem grossen, von Betonsäulen unterteilten kahlen Raum, wie sich solche x-fach in den Industriegebäuden in Attisholz Nord finden, haben «Darco» und vier andere Sprayer («View», «Dest», «Seyo», «Sonic») ein riesiges Wandgemälde geschaffen. Er steckt in Arbeiterhosen und hat ein Warn-T-Shirt übergezogen, alles mit Farbflecken verziert.

Seine Materie seien Buchstaben aus allen möglichen Kulturkreisen, beispielsweise auch chinesische. Er hat dem Wandbild einen Haufen mit Buchstaben beigefügt. «Mir persönlich geht es überhaupt nicht darum, dass die gelesen werden. Wenn ich eine Message schreiben will, dann schreibe ich diese lesbar.»

Unter dem Buchstabenhaufen steht: This is wonderlizme. «Wie ein Wunder, ein Wortspiel mit vandalisme.» Ihn interessiere die Dynamik, der Flow, die Bewegung, während er sprayt. Dann holt er aus und zeigt, wie er sprayt. Neben dem Wandbild steht am Boden ein Palettenrahmen, über den Rand gefüllt mit Spraydosen.

«Darco» ist eine Woche in Riedholz. Seine Familie lebt in Paris. Eigene Ausstellungen zählt er gleich drei auf, die aktuell in Köln, Hamburg und Paris laufen. Eine Etage tiefer will er heute eine Installation einrichten. Später schleppt er Türen, die er irgendwo auf dem Gelände gefunden hat, auf eine Bühne und stellt dort seine Installation zusammen. Was ihm Attisholz bedeutet?

«Ein grosser Spielplatz, der zum Kunstwerk wird. Das ganze Areal, das eigentlich kaputt ist, wird jetzt aufgewertet, mit Kunst bestattet. Es wird zu einem Kunstwerk, einem lebenden Objekt.» Mit der möglichen späteren Zerstörung seines Kunstwerkes habe er zu leben gelernt, sagt «Darco». Es wäre ihm aber schon lieber, man würde seine Bilder beispielsweise in 100 000 Jahren ausgraben. «Wie in den Grotten damals, das ist ja das gleiche. Aber es ist leider nicht so.»