Lange bevor der erste Hahn kräht, wirbelt Walter Eberhard über den Hof. Um 4.08 Uhr verschickt er ein E-Mail mit der Einladung für die Betriebsbesichtigung. Manchmal ist er schon um 2 Uhr auf den Beinen. Walter Eberhard, oder Sodi Wale, wie man ihn im Dorf nennt, ist Herr über 9000 Hühner. Der Landwirt vom Fluehof in Schnottwil produziert seit über 40 Jahren Bruteier für Mastküken. Die Produktion von Bruteiern ist in der Schweiz nicht stark verbreitet. Möglich also, dass die Pouletbrüstli, die heute in der Region kiloweise verspeist werden, um die Weihnachtszeit letztes Jahr auf dem Fluehof in einer Schale in ein Nest plumpsten.

Rund zwei Monate – so lange dauert das Hühnerleben vom gelegten Ei à 50 Gramm bis zum Schlachthof. Die Tage dazwischen sind durchgeplant, damit aus den flauschigen «Bibiili» zwei Kilo schwere Poulets werden. Eberhards Hof ist Teil einer ausgeklügelten und rationalisierten Herstellungskette der Fleischindustrie. «Die Konsumenten haben oft ein realitätsfremdes Bild von der Tierhaltung», sagt er. Die Landwirtschaft habe es verpasst, den Konsumenten «mitzunehmen». Auf den Verpackungen prangen strahlend weisse, aufgeplusterte Hennen oder stolze Kühe mit langen spitzen Hörnern. Die Realität sieht anders aus: Längst nicht alle Hühner sind frisch gefiedert. Im Winter, während der so genannten Mauser, wechseln die Tiere ihr Kleid. Wenn die Hähne aufhocken, fallen Federn. Mit dem müsse man umgehen können, sagt Walter Eberhard. Hartgesotten ist der Eierbauer deswegen nicht: «Es gibt Bilder, die sind auch für mich schockierend.»

Der Schnottwiler Landwirt hält seine Hühner in Ställen in Bodenhaltung. Batteriehaltung ist in der Schweiz seit 1992 verboten. Am Boden können die Tiere scharren, auf Sitzstangen schlafen und in abgedunkelten Nestern ihre Eier legen. Weil die Hähne grösser sind als die Hennen, liegt ihr Futtertrog höher. Die Hennenfütterung wiederum ist mit einem Gitter versehen. Dort können die Hähne ihre Köpfe nicht hineinstecken.

Ställe wie jenen Eberhards bezeichnet der schweizerische Bauernverband als bisher besten Kompromiss zwischen den Forderungen des Tierschutzes und wirtschaftlicher Produktion.

«Die Tiere kennen mich genau»

Walter Eberhard öffnet die Türe, packt einen prächtigen Hahn. Nervös stieben die restlichen Zweibeiner davon. In vier Ställen hält er derzeit 9000 Hühner, darunter rund 900 Hähne. Damit sich das Geschäft mit verschärften Tierschutzauflagen weiterhin lohnt, will Eberhard einen neuen Stall bauen.

Das Geflügel gehört zu einer Mastrasse. Deren Leistungsdaten sind zwar niedriger als bei Legerassen, dafür ist das Wachstumsvermögen grösser. Sämtliche Mastküken-Elterntiere in der Schweiz werden importiert. Eberhards Rasse kommt aus einer Zucht in Holland. Als Eintagsküken kommen sie in die Schweiz, nach 18 Wochen, mehrheitlich unter Quarantäne, kommen sie auf den Fluehof. Mit 25 Wochen beginnt die Legeperiode, diese dauert 37 Wochen.

Die Tiere im Stall beruhigen sich rasch. «Sie kennen mich genau», sagt Eberhard. Betritt ein Unbekannter das Gebäude, bricht helle Panik aus im Gackerland. Minutenlang ists dann vorbei mit der Ruhe. Sodi Wale ist ein alter Hase im Geschäft. Er gibt knappe und genaue Anweisungen an die zwei Mitarbeiter. Keine Zeit zu verlieren. Das Förderband surrt, ein Ei nach dem anderen rollt aus dem Stall. Schon werden 12 000 Eier in Schubladen zum Abtransport auf den Kleinlastwagen verladen. Ziel ist die Brüterei Wüthrich, der nächste Standort in der Produktionskette. Zwischen Schnottwil und Belp kennt Eberhard jeden Feldweg und jedes Blitzgerät. 140 Mal pro Jahr rollt der Eier-Express.

Maschine simuliert Henne

In der Brüterei in Belp wartet Geschäftsführer Markus Wüthrich schon auf die fragile Lieferung. Im Betriebsgebäude sind die Hygienevorschriften rigide: Wer hineinwill, muss einen Schutzmantel und Pantoffeln anziehen und sich die Füsse in einer Schleuse abtreten. Die Luftfeuchtigkeit in den Brütmaschinen ist mit 90 Prozent hoch, die Temperatur liegt konstant bei 38 Grad. «Die Brüterei ist ein steriler Ort. Keime vermehren sich in diesem Klima gerne», sagt Wüthrich. Damit die Embryos in den Eiern nicht erfrieren muss es schnell gehen: Eberhard lädt seine Fracht ab und bringt sie ins Warme.

Weil der Verzehr von Pouletfleisch zunimmt, ist die Nachfrage nach den Mastküken gross. Die Brütereien betreiben ein erfolgreiches Geschäft. 60 Millionen Mastküken werden in der Schweiz jedes Jahr ausgebrütet. Die Firma Wüthrich verfügt über 1,2 Millionen Vorbrut- und über 320 000 Schlupfplätze. 12 Mitarbeitern kümmern sich allein um die Brut.
Dann nimmt das kurze Hühnerleben seinen Lauf. Die Eier werden desinfiziert und kommen dann für 17 Tage in die so genannte Vorbrütmaschine. Dort wird das Produkt regelmässig automatisch gewendet. So wird das natürliche Verhalten der Henne simuliert. Anschliessend kontrolliert ein Computer, ob die Eier befruchtet sind. Schliesslich werden sie in den Schlupfbrüter gebracht. Spätestens nach drei Tagen erblicken die flauschigen gelben Wesen dann das Licht der Welt. Das Ausschlüpfen sei jedes Mal faszinierend, meint Markus Wüthrich.

Die Tiere sind nun Mastküken, sie werden geimpft, noch am selben Tag in Kartons verpackt und in die Mastbetriebe gefahren. Dabei ist Vorsicht geboten: Das Transportgut muss stets genügend Luft haben und es darf nicht zu heiss und zu kalt sein.

Zum Mästen in den Bucheggberg

Der Weg führt zurück in den Bucheggberg. Die Landwirte Christoph Dick in Schnottwil und Thomas Ritz in Biezwil sind Abnehmer der Küken aus der Brüterei in Belp. Dick hat kürzlich eine Lieferung erhalten: 3500 gelbe Knäuel rennen in seinem Einbaustall herum. Auf dem Aspihof von Ritz in Biezwil ist die Produktionskette schon weiter fortgeschritten. Die 13 000 Tiere in seinem bodenbeheizten Stall sind nun 37 Tage alt – und ausgewachsene Masthühner. Ihre Leistung ist enorm: In diesen Tagen haben sie sich gegen zwei Kilos angefressen. Bis zu sieben Mal jährlich können die Pouletproduzenten ihre Ställe neu belegen.

Noch picken die Biezwiler Hühner eifrig Futter, das aus Mais, Weizen und Hirse besteht. Dazu kommen Vitamine und Spurenelemente. Doch schon am nächsten Tag werden sie nach Courtepin FR transportiert. Bei der Micarna AG, einem Migros-Betrieb, werden die Masthühner geschlachtet. Die Micarna ist neben der Bell AG der grösste Schlachthof der Schweiz und beschäftigt nach eigenen Angaben 2300 Mitarbeiter.

Die Masthühner vom Aspihof stehen jetzt als Poulets in den Kühlregalen. Die Reise ist zu Ende. Einige hundert Meter weiter westlich, auf dem Fluehof von Walter Eberhard, legen die Hennen munter Eier.