Kriegstetten
Vom Bad zum Haus der Kinder: Das Zentrum für Sonderpädagogik hat eine lange Geschichte

An einem gut besuchten Anlass wurde das Kriegstetter Zentrum für Sonderpädagogik unter die Lupe genommen. Gründung des Zentrums und Industriegeschichte prägten den Vortrag von Armin Gugelmann.

Urs Byland
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Der Bau des Zentrums für Sonderpädagogik entstand 1924.

Der Bau des Zentrums für Sonderpädagogik entstand 1924.

Urs Byland

Im Jahr 1894 wurde in Kriegstetten die «Anstalt für schwachsinnige Kinder» eröffnet. Es war die zehnte solche Institution in der Schweiz. Ihr Name wurde im Laufe der folgenden Jahrzehnte immer wieder der Zeit angepasst. Er wandelte sich 1938 zum Erziehungsheim, 1970 zur Sonderschule, 1985 zum Kinderheim und 2008 zum Zentrum für Sonderpädagogik.

Der Luterbacher Armin Gugelmann konnte als ehemaliger Stiftungsratspräsident (1993 bis 2007) aus dem Vollen schöpfen, als er im Pfarreiheim in Kriegstetten vor 30 Personen über das Zentrum und seine Geschichte referierte. Der gelernte Heilpädagoge war beim Kanton zuständig für Sonderschulen und Heime.

Das Bad Kriegstetten vor 1843
5 Bilder
Anstalt für schwachsinnige Kinder um zirka 1900
Das Kinderheim Kriegstetten nach dem Brand am 15. April 1923 morgens 8 Uhr
Neubau der Anstalt für schwachsinnige Kinder in Kriegstetten

Das Bad Kriegstetten vor 1843

zvg

Grosszügiges Geschenk

Fünf Jahre vor der Eröffnung der Anstalt, so Gugelmann, wurde die Gemeinnützige Gesellschaft Kanton Solothurn in Olten gegründet. Dort sprach der Fabrikant Otto Wyser über eine Anstalt für schwachsinnige Kinder. Daraufhin beschloss die Versammlung, die notwendigen Schritte für eine solche Anstalt zu unternehmen. Experten, damals Regierungsräte, Fabrikanten und Kantonsschullehrer sahen sich nach einem geeigneten Standort um und einigten sich auf das Bad Quellental in Kriegstetten. Gegründet wurde die Stiftung «Anstalt für schwachsinnige Kinder, Kriegstetten».

Besitzer Josef Müller verkaufte das alte Bad für 15'000 Franken an die Stiftung. «Als die Stiftungsvertreter einzahlen wollten, war die Summe bereits beglichen. Eingezahlt hat sie Müller selber, er hat also die Summe geschenkt», erzählt Armin Gugelmann.

Badgänger Alfred Bitzius

Das Areal, auf dem das Bad Quellental war, erlebte einiges, bevor es zur Heimat für viele Kinder wurde. Anfangs wurde dort auch eine Hammerschmiede betrieben. Bis 1802 wurden auf dem Areal in einer Mühle Draht gezogen. Die Mühle wurde danach bis 1881 als Papiermühle genutzt.

Das Bad Quellental wurde bereits 1879 geschlossen. Die Kaltwasseranstalt zog viele Gäste besonders aus Basel an. «Auch Jeremias Gotthelf ist oft im Quellental gewesen», so Gugelmann. So schreibt der Pfarrer und Dichter Gotthelf (Alfred Bitzius, gestorben 1854 in Lützelflüh) in seinem Roman «Anne Bäbi Jowäger» im 10. Kapitel, dass sie auf der «Gschaui» für ihren Sohn auch eine Badefahrt nach Kriegstetten in Betracht zieht.

Der erste Tag

Das Gebäude des Bad Quellentals stand vor 1894 leer. Dann wurde es renoviert und umgebaut. «Eines Tages blieben die Handwerker weg. Das alte Bad sah in seinem neuen Verputz recht hübsch und wohnlich aus. Da zogen neue Leute daher. Einem grossen Manne musste ich die Hand reichen. Das sei der Hausvater. Kinder kamen ins Haus und machten sich in diesen weiten Räumen heimisch», schrieb später Bezirkslehrer und Chronist Walter Brunner in seinen Erinnerungen, der als Kind mit seinen Eltern einen Teil des Gebäudes bewohnte. «Das war der Anfang des Kinderheims», so Gugelmann.

Mithilfe von «edlen Menschenfreunden»

Ende Juni 1907 fand in Solothurn die Schweizerische Konferenz für das Idiotenwesen statt. «Heute schütteln wir den Kopf, aber es ist die Bezeichnung, die damals verwendet wurde», erklärt Armin Gugelmann. Natürlich wurde Kriegstetten besucht und gelobt. Ein Doktor Kaufmann, Professor an der alten Kantonsschule für alte Sprachen und Gründungsmitglied, sprach an der Tagung über die Finanzen. Das jährliche Kostgeld betrug damals 200 Franken oder 50 Rappen pro Kind und Tag. Er berichtete, dass ein Kind ausnahmsweise 150 Franken Kostgeld zahlen musste, damit es aufgenommen werden konnte. Für ein anderes Kind war das Kostgeld bis zu einem bestimmten Datum bezahlt. «Von da an versiegte die Quelle und das arme Geschöpf hätte aus der Anstalt entlassen werden müssen, wenn nicht zwei edle Menschenfreunde eingesprungen wären.»

Am 14. April 1923 brannte das alte Bad ab. Es war der letzte Ferientag. Personen kamen keine zu Schaden. Die Knaben wurden im «Kreuz» und die Mädchen im «Sternen» untergebracht. Eine Woche später beschloss der Stiftungsrat den Neubau auf dem gleichen Grundstück. Zehn Tage nach dem Brand bezog das ganze Heim eine Notunterkunft in der Cellulose Attisholz. 19 Monate später war das neue Haus bezugsbereit. Der gesamte Aufenthalt im Attisholz war gratis. «Das Heim wurde immer getragen von den Industriebetrieben. Die Direktoren waren immer im Stiftungsrat.» Im Brandjahr sassen drei Regierungsräte im Stiftungsrat ein. «Ab 1970 änderte sich dies wegen juristischen Bedenken», so Armin Gugelmann.

1919 wurde eine Liste der bisher ausgetretenen Kinder erstellt. 118 Kinder gingen nach Erfüllung der Schulpflicht zu den Eltern zurück. «Was danach mit ihnen geschah, weiss niemand.» 26 Kinder kamen bei Handwerkern unter, 38 bei Landwirten. 23 Kinder wurden Dienstmädchen, 18 Fabrikarbeiter, 9 landeten in Irrenanstalten, 7 in Anstalten für Epileptiker und 31 Kinder wechselten in Armen- und Pflegeanstalten. In dieser Zeit starben 4 Kinder im Spital und 3 in der Anstalt. (uby)

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