Den Start als Unternehmer haben sich Michael Merkle und Stephan Scholze anders vorgestellt. Im Herbst 2014 haben sie die Verträge für die Übernahme der vor 100 Jahren gegründeten Schleifmaschinenherstellerin Agathon AG in Bellach unterzeichnet, am 15. Januar 2015 nahmen sie die Arbeit als Inhaber, CEO respektive CTO auf. «Wir sassen an diesem Tisch und haben das Budget für 2015 nochmals überprüft», erinnert sich Merkle in seinem Büro an den Tag, der unter dem Namen «Frankenschock» wohl in die Geschichtsbücher eingehen wird. Nach der Nachricht, die Schweizerische Nationalbank habe die Wechselkursuntergrenze von 1.20 Franken gegenüber dem Euro aufgehoben, «haben wir das Budget umgehend in den Papierkorb geworfen», blickt Merkle zurück. 

Heute, dreieinhalb Jahre später, lehnt sich Merkle im Stuhl entspannt zurück und sagt: «Wir haben die Währungskrise mit dem schwarzen Jahr 2015 überwunden.» Die Produktionskapazitäten seien derzeit voll ausgelastet, die Auftragsbücher prall gefüllt. Der Umsatz habe sich im vergangenen Geschäftsjahr gegenüber 2014 verzweieinhalbfacht und damit das Niveau von vor der Krise wieder erreicht. Auch die Zahl der Mitarbeitenden am Hauptsitz in Bellach sei leicht auf 210 gestiegen. Inklusive den Niederlassungen für den Verkauf und Service in den USA, China und Indien zählt das Unternehmen 230 Angestellte.

«Krise war auch ein Segen»

Diese Rückkehr auf den Erfolgspfad gleicht einem Herkules-Akt, exportiert doch das Unternehmen über 90 Prozent ihrer Schleif- und Lasermaschinen sowie die Präzisionsführungen für den Werkzeug-, Formen und Maschinenbau ins Ausland. Die wichtigsten Märkte sind Europa mit 60 Prozent sowie Asien und die USA mit je 20 Prozent. Mit der Aufhebung der Wechselkursuntergrenze und dem kurzzeitigen Absturz des Euro auf unter einen Franken haben sich die Produkte Schlag auf Fall um 20 Prozent verteuert.

Umgehend habe die Agathon auf den Schleifmaschinen einen entsprechenden Währungsrabatt auf den Verkaufspreisen gewähren müssen. Trotzdem mag Michael Merkle den Turbulenzen auch etwas Gutes abgewinnen. «Im Rückblick war die Krise auch ein Segen», meint er. Wenn alles «okay» sei, sei auch der Wille zur Veränderung wenig ausgeprägt. Manchmal brauche es einen solchen Schock, um Massnahmen nicht nur zu planen, sondern um diese auch einzuführen.

Merkle spricht von einem Krisenplan oder Fitnessprogramm. Kern sei die Umstellung der Fertigung auf eine «Lean Production» gewesen. Dank den kürzeren Produktions- und Reaktionszeiten, dem optimierten Materialfluss sowie reduzierten Leerstandszeiten sei es gelungen, das Fertigungsvolumen auf gleicher Fläche und mit demselben Personalbestand zu verdreifachen. Ferner werde das bereits zuvor eingeführte Zeitmanagementsystem weitergeführt.

Das Personal werde je nach Auslastung eingesetzt, um teure Überstunden zu vermeiden. Zudem kaufe man Teile und Komponenten vermehrt in Euro ein.
Merkle öffnet dazu selbstkritisch eine Klammer. «Anlagebauer wie wir sind dazu gezwungen, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Für die Zulieferindustrie ist dies natürlich eine Herausforderung.» Insgesamt aber gebe dieser Strauss von Massnahmen dem Unternehmen die nötige Effizienz, um im globalen Wettbewerb mithalten zu können und den Standort Bellach wirtschaftlich zu sichern. Es sei gelungen, die Krise ohne Stellenabbau durchzustehen.

Solche Sparmassnahmen wären aber ohne eine «mitziehende» Belegschaft nicht durchzusetzen. Deshalb habe man, so Merkle, von Beginn weg auf eine offene Kommunikation gesetzt. Und: «Wir verfolgen das Ziel einer durchgehenden Wertschätzung gegenüber allen Mitarbeitenden in allen Funktionen», erklärt er die Firmenphilosophie. Jede Aufgabe im Unternehmen sei wichtig.

Neues Produkteportfolio

«Wir haben aber nicht nur gespart, sondern auch kräftig in die Forschung und Entwicklung, die Marktbearbeitung und das Marketing investiert», hält der 56-jährige Unternehmer fest. Innerhalb eines Jahres habe man ein komplett neues Portfolio aufgebaut. Zuvor nur auf High-end-Anlagen für die komplexeste Bearbeitung von Teilen spezialisiert, baue Agathon inzwischen auch – ohne Abstriche bei der Qualität – günstigere, weniger komplexe Maschinen, um neue Kundengruppen zu erreichen.

Zudem baue man neu auch Laser-Bearbeitungsanlagen für die Bearbeitung superharter Materialien wie beispielsweise polykristallinen Industriediamanten. Ferner sei die Technologie Industrie 4.0 für den Fertigungsprozess auf den Agathon-Anlagen implementiert. «Unsere zusammen mit externen Spezialisten entwickelte Software kann auf den Anlagen bis zu 300 Daten, beispielsweise für die Produktionssteuerung und die Wartung, auslesen.»

Die entsprechende App melde dem Anlageführer zeitnah Daten über den Status der Produktion, wann muss das Schleifwerkzeug gewechselt werden, wie lange dauert der Fertigungsprozess noch, usw. An der weltweit wichtigsten Messe für die Schleifindustrie, der GrindTec in Augsburg, habe man ernten können. «Wir haben unsere Auftragsbücher füllen können.»

Inzwischen hat sich bei Merkle auch die Rangliste im Sorgenbarometer verschoben. «Das grösste Risiko war in den Vorjahren der starke Schweizer Franken, heute ist es die Personalrekrutierung», berichtet er. Für eine Firma, in welcher alles in einer Genauigkeit von tausendstel Millimeter gefertigt wird, brauche es Fachkräfte. «Und wir brauchen diese Spezialisten, egal woher sie kommen», nimmt er Bezug auf den Inländervorrang bei der Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative. «Damit wir uns weiterentwickeln können, dürfen wir nicht einfach die Tür zumachen.»