Messen

«Veränderungen sind immer hart» – Ärztepaar Cina übergibt nach 31 Jahren die Praxis an Nachfolger

Katharina und Christoph Cina haben sich stark dafür eingesetzt, dass es in Messen und damit  im Bucheggberg weiterhin eine medizinische Versorgung vor Ort gibt.

Katharina und Christoph Cina haben sich stark dafür eingesetzt, dass es in Messen und damit im Bucheggberg weiterhin eine medizinische Versorgung vor Ort gibt.

Im Medizentrum Messen beginnt eine neue Ära. Die Familie Cina übergibt ihre Praxis nach 31 Jahren an eine Gruppe von Ärztinnen und Ärzten.

Ihr Lebensprojekt: die hausärztliche Versorgung im ländlichen Raum. Ihr Erfolgsrezept: die Bedürfnisse der jungen Ärzte kennen lernen und die Hausarztpraxis daran anpassen. Christoph und Katharina Cina übergaben am Silvester ihr Medizentrum in Messen nach 31 Jahren und fünf Ausbauetappen an sechs junge Nachfolgerinnen und Nachfolger. Dank zwölfjähriger Vorbereitung der Ablösung bleibt damit dem Bucheggberg die Abdeckung durch Hausärzte erhalten.

Katharina und Christoph Cina, er Walliser, sie Luzernerin, gehörten zur alten Garde. Mit Präsenzzeiten «jenseits des guten Gewissens» und im Notfall auch nachts erreichbar. Der Preis dieser Dienstleistung war hoch: kaum Privatsphäre und ein Familienleben voller Improvisation. Diese Zeiten sind vorbei. Junge Ärzte wollen definierte Einsatzzeiten, Schutz des Privatlebens und interessante berufliche Weiterbildungs- und Entfaltungsmöglichkeiten.

Frühzeitig Massnahmen getroffen

Anders als viele Berufskollegen ihrer Generation hat das Ehepaar Cina sich dem Wandel konsequent gestellt und frühzeitig Massnahmen getroffen, um dem Hausärztemangel mit einem ganzen Netzwerk zu begegnen. Das «heldenhafte Einzelkämpfertum», wie Christoph Cina es nennt, hat ausgedient.
«Die politischen Aktivitäten im Berufsstand für die Hausarztmedizin haben mir enormen Schub gegeben», blickt er zurück. Auf nationaler und kantonaler Ebene war er 2006 und 2007 an vorderster Front dabei, um die Bevölkerung und Regierung für den Hausarztmangel zu sensibilisieren. Zwei Anliegen hatten Priorität: Assistenzärzte in die Hausarztpraxen holen und die Reorganisation der Notfallversorgung. «Die Zusammenarbeit mit Regierungsrat Peter Gomm war sehr gut. In nur vier Arbeitsgruppensitzungen hatten wir das Konzept beisammen, um die Hausarztversorgung zu fördern.»

Das alte und das neue Team des Medizentrums in Messen, von links: Christoph Cina, Katharina Cina, Karin Wetzel, Christoph Rey und Matthias Stuck. Zu den Nachfolgern (aber am Fototermin abwesend) der Familie Cina gehören auch die Ärztinnen Claudia Engesser und Joëlle Raschle sowie Arzt Stephan Stieger.

Das alte und das neue Team des Medizentrums in Messen, von links: Christoph Cina, Katharina Cina, Karin Wetzel, Christoph Rey und Matthias Stuck. Zu den Nachfolgern (aber am Fototermin abwesend) der Familie Cina gehören auch die Ärztinnen Claudia Engesser und Joëlle Raschle sowie Arzt Stephan Stieger.

Bucheggberg mit Hausarztpraxis zurücklassen

Katharina Cina erklärt die Motivation für das Engagement: «Die Bevölkerung im Buechibärg liegt uns am Herzen. Da hat sich ein Vertrauensverhältnis gebildet, das man mit Worten gar nicht beschreiben kann. Die Beziehungen haben uns durch die Jahrzehnte unendlich viel gegeben. Wir wollten alle diese Menschen nach unserer Pensionierung nicht ohne Hausarztpraxis zurücklassen.»

Die Früchte des Kampfes um den Erhalt der Praxis können sich sehen lassen: die Mitwirkung an Konzept und Aufbau der Medizentrum-Kette, die Zusammenarbeit mit Spezialisten, die tageweise in Messen Sprechstunde haben, und eine verbesserte Kommunikation mit dem Bürgerspital. «Auf der einen Seite haben wir eine alternde Bevölkerung, deren Mobilität abnimmt. Auf der anderen Seite gibt es junge Spitalärzte, die sehr mobil sind. Im Medizentrum bringen wir beide Seiten zusammen. Hausarzt und Spezialist ziehen am selben Strick – zum Wohl des Patienten», bringt Christoph Cina das Konzept auf den Punkt.

Professionelle Geschäftsführung entlastet Ärzte

34 Personen arbeiten hier, davon sind 26 beim Medizentrum angestellt. Die Ausgestaltung der AG gibt ihnen nicht nur wirtschaftlich Sicherheit, sondern schützt die Praxis auch vor der Übernahme durch Investoren. Eine professionelle Geschäftsführung entlastet die Ärzte vom Papierkrieg und gibt ihnen den Freiraum, ihre beruflichen Stärken praktizieren zu können.

Im Bucheggberg weiss man, das Lebenswerk von Cinas zu schätzen. «Der Abschied an der Gemeindeversammlung hat uns überwältigt. Uns sind fast die Tränen gekommen», sagt er. «Veränderungen sind immer hart und provozieren Widerstand, aber der Einsatz zur Modernisierung und Erhaltung der Praxis hat sich gelohnt.» Schmunzelnd erinnert er sich an die Skepsis und Kritik, die er sich nur schon im Rahmen der Digitalisierung der Patientenakten anhören musste.

Einsatzbereitschaft wurde nie ausgenutz

Dass sie nun der «zunehmenden Misstrauenskultur» im Gesundheitswesen den Rücken kehren können, bedeutet für Cinas eine Erleichterung. «Die Haltung, besonders von Seiten Krankenkassen und IV, überall Betrug zu wittern, hat uns in den letzten Jahren zugesetzt und wird der Realität nicht gerecht»,
sagt Christoph Cina. «Hier im Buechibärg nehmen die Leute nur die medizinischen Leistungen in Anspruch, die sie unbedingt brauchen. So haben wir es nie erlebt, dass wir wegen einer Bagatelle aus dem Bett geholt wurden. Im Gegenteil. Manchmal war die Lage schon sehr kritisch.»

Cinas werden auch künftig im Haus neben dem Medizentrum wohnen und oft mit dem Velo die Gegend erkunden. Grosse Reisen sind nicht geplant. Das Ehepaar freut sich, endlich mehr Zeit für Freunde zu haben und das eine oder andere ehrenamtliche Engagement aufzubauen.

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