Waldrapp
Unterwegs an den Bodensee: Seltene Waldrappe machen in Selzach Pause

In Selzach wurde der seltene Vogel, der früher bei uns heimisch war, von René Walther gesichtet.

Urs Byland
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Waldrapp
9 Bilder
Die Waldrappen heissen Enea und Akuma.
Abflug.
Elegante Schwünge.
Kreisen im Paarflug.
Ein Milan gesellt sich zu den beiden Waldrappen.

Waldrapp

René Walther

René Walther staunte nicht schlecht, als er am Sonntag zufällig auf einer Landwirtschaftswiese mitten im Dorf zwei Waldrappe entdeckte. «Dank dem Einverständnis der Grundstückbesitzer konnte ich mich unbemerkt und aus sicherer Distanz im Schutz einer Scheune den Waldrappen nähern», erklärt er. Walther ist fotografisch insbesondere in der Aviatik unterwegs und schiesst auch gelegentlich Fotos von Greifvögeln in der Luft. «Da habe ich die Gelegenheit beim Schopf gepackt und die beiden Vögel ausgiebig fotografiert.»

Genussvoll hätten die zweijährigen männlichen Vögel Enea und Akuma die Wiese nach Würmern abgesucht. Nach einiger Zeit setzten sie ihre Flugreise fort. Walther war es ein Leichtes, die beiden Vögel zu identifizieren, weil Enea und Akuma mit zirka 20 Gramm leichten GPS-Solarsendern ausgerüstet sind. «Mit Hilfe der App Animal Tracker konnte ich die Details über die beiden ausfindig machen.» Die Vögel gehören zum wohl grössten europäischen Artenschutzprojekt «Reason for Hope» (siehe Kasten unten), das als Ziel deren Wiederansiedlung verfolgt.

«Die allgemeine Richtung Bodensee stimmt»

«Waldrappe fliegen sehr elegant und stilvoll», erklärt René Walther. Die beiden Vögel kreisten noch einige Runden über der besuchten Futterwiese in Selzach, dabei habe sich sogar noch gemütlich ein Milan dazugesellt. Enea und Akuma sind bereits gut 2000 Kilometer unterwegs. Gestartet sind sie von ihrem Winterlager in der Toscana. Ihr Zielort, wenn alles klappt, ist ihre Brutkolonie in Überlingen. Nach dem Besuch in Selzach seien die beiden schon mal «rechts abgebogen», so Walther. «Die allgemeine Richtung Bodensee stimmt so schon mal nicht schlecht.»

Am vergangenen Wochenende befanden sich gemäss Animal Tracker insgesamt sechs Waldrappe in der Schweiz, alle sind auf dem Weg zu ihren Brutkolonien in Deutschland oder Österreich. «Hoffentlich erreichen Enea und Akuma ihre Brutkolonie und hoffentlich wird mit dem Projekt ‹Reason for Hope› der Waldrapp wieder als Zugvogel heimisch bei uns», so René Walther.

Mit den «Menscheneltern» ins Winterquartier

Der Waldrapp ist ein Zugvogel, der bis ins 17. Jahrhundert auch in Mitteleuropa heimisch war und dort durch Überjagung verschwand. Heute zählt er zu den am stärksten bedrohten Vogelarten weltweit. Im Rahmen des EU-Projektes «Reason for Hope» mit Partnern aus Österreich, Italien und Deutschland soll der Waldrapp in Europa wieder angesiedelt werden. Vier Brutgebiete in Deutschland und Österreich sowie das Winterquartier Oasi Laguna di Orbetello (IT) bilden die Infrastruktur des Projekts.

Ein Brutgebiet ist Überlingen (DE) am Bodensee, woher die in Selzach gesichteten Enea und Akuma stammen. In Überlingen wurden Eier von Waldrappen aus Zoos ausgebrütet und die Jungen von «Menscheneltern» aufgezogen. Dazu gehörten auch Flugübungen mit den «Menscheneltern», die Ultraleichtflieger steuerten. Sie führten mit ihren Fliegern die Waldrappe auch ins Winterquartier in Italien, blieben dort und betreuten die Vögel, bevor diese sich selber aufmachten und alleine zurückflogen. 2019 kehrte erstmals ein Waldrapp selbstständig aus der Toskana nach Überlingen heim. 2020 kehrten die ersten geschlechtsreifen Waldrappe selbstständig zurück. Dennoch kommt es in diesem Jahr zu keiner Brut. Die Infrastruktur konnte wegen der Coronakrise nicht zeitgerecht fertiggestellt werden. Die nächste menschengeführte Migration wurde auf 2021 verschoben.

Hinweis: www.waldrapp.eu

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