«Neeein!» Ein 20-köpfiger Chor von Erstklässlern durchbricht die arbeitsame Stille im Schulzimmer. Unisono schallt Sibylle Bobst die geballte Ablehnung aus Kinderkehlen entgegen. Was ist passiert? Die Lehrerin hat ihre Schüler nach einer Lektion dazu aufgefordert, eine Pause einzulegen. Das passt den motivierten Erstklässlern erst einmal gar nicht. Viel lieber würden sie weitermachen und aus einer Buchstabenreihe noch mehr existierende Wörter herausfiltern.

Motivationshilfen scheinen nocht nicht nötig

Sieben Monate sind seit dem Schulstart vergangen, und noch immer ist die Lust am Lernen unbändig. Auch bei Aline Sury und Pascal Stampfli. Motivationshilfen, etwa durch die Vergabe von Schulnoten, scheinen bei ihnen noch nicht nötig zu sein.

Trotzdem haben beide Kinder bereits mehrere Lernkontrollen absolviert und dafür Noten erhalten. Mit dem neuen Schuljahr wurden im Kanton Solothurn die Noten für Primarschüler der ersten drei Klassen wieder eingeführt, nachdem sie vor 20 Jahren abgeschafft worden waren.

Der Kantonsrat hatte entsprechend Druck aufgesetzt. Künftig prangen dort, wo vorher die Prädikate «Lernziel erreicht» oder «nicht erreicht» ausgestellt wurden, theoretisch also wieder Ziffern von 1 bis 6. Semesterzeugnisse gibt es indes erst ab der vierten Klasse. Aline und Pascal erhalten vorerst Jahreszeugnisse.

«Sie hemmen die Motivation» 

Lehrerin Sibylle Probst bedauert den Schritt zurück zu den Noten. «Im Klassenzimmer herrscht eine andere Atmosphäre. Es geht weniger darum, Ziele zu erreichen, als vielmehr um den Wettbewerb.» Die Frage nach der nackten Ziffer stehe bei den Kindern im Vordergrund, alles andere werde unwichtig. Unproblematisch sei dies bei guten Schülern.

Wenn jedoch einem engagierten Kind, das aufgrund seiner persönlichen Entwicklung im Lernprozess aber noch weniger weit als andere Mitschüler sei, nur eine 4 ausgestellt werde, «dann drückt einem das fast das Herz ab». Dass andererseits viele Eltern Noten schätzen würden, weil sie ihnen vertraut seien und ein relativ unkompliziertes Abbild der Leistung vermittelten, sei verständlich. Gerade in der ersten Klasse aber, wo in einem Schuljahr grosse Fortschritte gemacht werden, könnten Schulnoten die Motivation stören, sagt Sibylle Bobst.

«Sie helfen, Schüler einzuschätzen»

Deshalb versuchen Lehrer, Noten in der ersten Klasse zu relativieren. Man solle ihnen noch keine allzu grosse Bedeutung beimessen, so der Tenor. Das führt dazu, dass beim Deutsch- und Sachunterricht erst gegen Ende des Schuljahrs Noten vergeben werden. «Zudem», sagt Sibylle Bobst, «beurteilt jeder Lehrer den sprachlichen Ausdruck anders.» Einfacher zu benoten sei das Fach Mathematik, das viel klarer nach Lehrmitteln strukturiert ist.

Übrigens: Die Zeugnisnote setzt sich nicht etwa nur aus dem Durchschnittswert aus den Lernkontrollen im Schuljahr zusammen. Auch die individuelle Gewichtung durch die Lehrer fliesst mit ein. Heikel werde es, wenn Eltern ihren Kindern Belohnungen für gute Noten versprächen.

Das unterstreicht auch Alines Mutter Sandra Sury. Trotzdem seien Noten für Erstklässler eine Realität. Die Frage, ob das gut oder schlecht sei, stellt sich für sie deshalb nicht. «Viel wichtiger ist, dass die Motivation und die Kreativität an die Kinder weitergegeben werden.» Konkurrenzdruck sei in diesem Stadium noch nicht nötig. Und doch, sagt Sandra Sury, spiegelten Noten auch einen Teil der Leistung wider. «Man kann das Kind besser einschätzen.» Motivationsschwierigkeiten gebe es bei Aline indes nicht.

Der Lockruf der Schulstube

Das zeigt auch die Nachfrage bei der Abc-Schützin. Entgegen des ersten Protests konnte die Pause nämlich doch beginnen. Aline sitzt mit zwei Freundinnen auf dem Sofa und lässt die vergangene Lektion Revue passieren. Sie mag jedes Fach, sei es Werken, Schreiben oder Rechnen. Am Herzen liegt ihr nach wie vor das Forscherheft, in dem sie allerlei Eindrücke festhält. Und wie sieht es bei Pascal aus? Er kniet im Gang und setzt zusammen mit einem Kollegen eine Murmelbahn zusammen. «Turnen, Fussball, Plus- und Minusrechnen», schiesst es bei der Frage nach dem Lieblingsfach aus ihm heraus.

Dann ist die Pause endlich vorbei. Die Aussicht auf eine weitere Lektion Spass und Freude, eingeklemmt zwischen Schulheften, lockt die Kinder zurück ins Klassenzimmer.