Luterbach
Über 2000 Menschen arbeiten täglich auf dem Biogen-Areal

Auf einem Rundgang erklärt der neue Biogen-Werkleiter Michael Pohlscheidt seine Mission in Luterbach. Er soll das Werk von der Projekt- in die Betriebsphase führen. In der Fabrik der Zukunft sollen Medikamente für eine Million Menschen hergestellt werden.

Urs Byland
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Rundgang auf der Biogen-Anlage im März 2018 2020 will Biogen den Vollbetrieb aufnehmen.
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Biogen investiert einen Fünftel des im Jahr 2017 generierten Umsatzes in die Forschung.
Biogen investiert einen Fünftel des im Jahr 2017 generierten Umsatzes in die Forschung.
Zwei Milliarden Franken kann es kosten, ein Medikament zur Marktreife zu bringen.
Ein kleiner, filigraner Teil der Anlage. Genau dosiert werden die Kessel mit Stoffen versorgt.
2000 Menschen und mehr arbeiten aktuell auf der Baustelle in Luterbach.
2000 Menschen und mehr arbeiten aktuell auf der Baustelle in Luterbach.
Der frisch eingesetzte Werkleiter Michael Pohlscheidt (rechts) und Markus Ziegler (Director Corporate Affairs) führen durch die Anlage.
Biogen weist 2017 einen Umsatz von mehr als 12 Milliarden Franken auf
Biogen weist 2017 einen Umsatz von mehr als 12 Milliarden Franken auf
Rundgang auf der Biogen-Baustelle im März 2018
600 Arbeitsplätze sollen neu in Luterbach entstehen.
Eine Million Menschen werden künftig von Luterbach aus mit Medikamenten versorgt.
Eine Million Menschen werden künftig von Luterbach aus mit Medikamenten versorgt.
Draussen steht den Mitarbeitern ein vielfältiges Verpflegungsangebot zur Verfügung.

Rundgang auf der Biogen-Anlage im März 2018 2020 will Biogen den Vollbetrieb aufnehmen.

Hansjörg Sahli

Die Dampffahne über den silbern glänzenden Rohren und Kesseln des Versorgungsbereichs führt bei Michael Pohlscheidt zu erhöhtem Puls. «Ein Zeichen, dass etwas läuft», sagt der frisch eingesetzte Werkleiter Biogen Luterbach auf einem Rundgang. Nun wird das Werk Teil für Teil von den Generalunternehmern an die Spezialisten von Biogen übergeben.

Aktuell arbeiten über 2000 Menschen täglich auf dem Firmenareal. Neben den Bauarbeitern sind überall Teams damit beschäftigt, die Anlagen in Betrieb zu nehmen und die künftigen Produktionsabläufe einzurichten, zu testen und zu optimieren. Der Terminplan der Multiproduktanlage sei stark auf die Produktion eines sich in der klinischen Entwicklung befindenden Alzheimermedikamentes ausgerichtet. «Aber», betont Markus Ziegler, Director Corporate Affairs, «in der Anlage in Luterbach werden künftig diverse biopharmazeutische Wirkstoffe produziert.»

Biogen

Biogen ist im biopharmazeutischen Markt tätig, in dem 2020 mit einem Umsatz in der Grössenordnung von 300 Milliarden Franken gerechnet wird. Rheuma, Krebs, Augenheilkunde, MS, Diabetes, Osteoporose und vielleicht bald Alzheimer sind die Krankheiten, die bekämpft werden. Biogen weist 2017 einen Umsatz von mehr als 12 Milliarden Franken auf. Über ein Fünftel wird jedes Jahr in der Forschung eingesetzt. «Wir gehen mit unserer innovativen Forschung dahin, wo niemand bisher war.», sagt Werkleiter Michael Pohlscheidt. Als Beispiel nennt er eine aktuelle Lizenzierung für ein Präparat gegen Schizophrenie. «Das ist ein Gebiet, das unheimlich schwierig ist. Bei einer Entzündung kann man messen, ob diese zurück geht oder nicht. Aber wie definiert man diesen kognitiven Abbau in der Schizophrenie? Das sind höchst interessante, höchst spezielle Forschungen, die natürlich auch mit Risiken verbunden sind.» (uby)

Etwas Science-Fiction

Im Innern der Anlage fühlt man sich in Anbetracht der unzähligen Tanks und Kessel, Rohre und Leitungen, Sensoren und Ventile in einem Science-Fiction-Film. Neben den laufenden Bauarbeiten, die 2018 abgeschlossen sein sollen, findet man in einigen Bereichen Teams mit Laptops auf Tischen. Studiert werden Zahlen und Kurven. Gleichzeitig wird aber grösster Wert auf die Sicherheit der Mitarbeiter gelegt. Werkleiter Pohlscheidt greift direkt ein, als er vorstehende Metallstangen mit kantigen Ecken auf Kopfhöhe entdeckt.

Zur Vielschichtigkeit der Anlage passt Pohlscheidts Beschreibung der in Zukunft in Luterbach hergestellten Medikamente. «Am Ende sollen diese hochkomplexen, therapeutischen Proteine im menschlichen Körper Krankheiten bekämpfen.» Sie seien von der Komplexität her mit Flugzeugen vergleichbar, während kleine Moleküle, Aspirin beispielsweise, mit einem Fahrrad verglichen werden müssten. Die Produkte von Biogen sollen vor allem in der Neurologie zum Beispiel gegen Krankheiten wie Multipler Sklerose, Alzheimer etc. zum Einsatz kommen.

Auf einer Mission

Mit Feuer und Leidenschaft spricht der 40-jährige Michael Pohlscheidt aus dem Raum Köln von der Mission in Luterbach. «Wenn wir 2020 in den Vollbetrieb gehen, wollen wir eine Million Menschen mit Medikamenten versorgen. Stellen sie sich vor – hier von Luterbach aus.» Es sei eine erfüllende Arbeit angesichts dieser Mission. «Ein Privileg und auch eine grosse Verantwortung.»

Sein oberstes Ziel als Leiter von Biogen Luterbach sei es, der Belegschaft die Wichtigkeit dieser Mission – Pioniere im Bereich Neurowissenschaften zu sein – zu vermitteln. Gemeinsam, solidarisch und mit flachen Hierarchien soll gearbeitet werden. «Wenn die Mitarbeiter eigenständig und kreativ an Problemlösungen arbeiten können, sind sie motiviert und engagiert.» Dann mache er sich auch keine Sorgen, die finanziellen Ziele zu erreichen, beantwortet er die ketzerische Frage nach dem wirtschaftlichen Erfolg.

Natürlich ist da auch Werbung zur Besetzung der 600 vorgesehenen Arbeitsplätze mit dabei. Diese sollen mit hoch qualifizierten Menschen in ihren Berufen besetzt werden. «Wir bauen hier die nächste Generation einer biopharmazeutischen Produktionsanlage. Die Produktivität am hochmodernen Standort ist etwa dreifach höher als in vergleichbaren Anlagen», schwärmt Pohlscheidt. Die Technologien und Fortschritte in der Prozessentwicklung sei das Eine. «Aber mir liegt die Betriebskultur am Herzen und die Leute, die sie leben. Die Leute kommen nicht zu uns wegen hundert Franken mehr, sie kommen, weil sie hier unterstützt werden in dem, was sie tun, und innovativ und mit Verantwortung arbeiten dürfen.»

«Eine einmalige Aufgabe»

In Luterbach, wo Tradition und Aufbruch spürbar werden, so die Worte des Werkleiters, fühle er sich wohl. Er sei schon immer an der Schnittstelle zwischen Produktion und technischer Entwicklung gestanden, «immer war aber auch Mitarbeiterführung für mich wichtig». Für die Überführung des Werks von der Projektphase in die Betriebsphase hat Michael Pohlscheidt nach 13 Jahren Tätigkeit an verschiedenen Standorten der Firma Roche in Europa, USA und Asien zu Biogen gewechselt. «Das ist natürlich eine einmalige Aufgabe. Biogen Luterbach ist nicht nur eine der grössten Baustellen in Europa, es ist auch eine tolle Sache, diese Energie, diesen Spirit hier zu fühlen und hier eine Kultur mitaufzubauen, um in all diesen Herausforderungen bestehen zu können. Das macht Spass. Damit können sich auch alle Mitarbeiter identifizieren.»

Produktion und Wirkung

Wie funktioniert die Produktion der Substanzen? Im Gegensatz zur Herstellung chemischer Wirkstoffe werden zur Herstellung therapeutischer Proteine genetisch modifizierte Säugetierzellen in geschlossenen Fermentern verschiedener Grössen vermehrt, welche dann den gewünschten Wirkstoff produzieren. Die Proteine werden nachher durch verschiedene Schritte aufgereinigt, damit die notwendige Reinheit und Wirksamkeit der Wirkstoffe erzielt wird. Der gesamte Prozess unterliegt strengen behördlichen Auflagen und wird stetig über eine komplexe Sensorik und Regeltechnik überwacht.
Was bedeutet «genetisch modifiziert»? Hier wird gezielt DNA in die Zellen eingebracht und teilweise ausgetauscht, sodass die Zelle das gewünschte Protein herstellt. Die Proteine wirken in verschiedenster Form. Pohlscheidt erwähnt die personalisierte Medizin über sogenannte Biomarker, welche die therapeutischen Proteine und Antikörper gezielt binden, nicht wie in der Chemotherapie beispielsweise, die alle Zellen angreift. «Dies erlaubt eine höhere Spezifizität, grossen Nutzen und geringere Nebenwirkungen bei den meisten Produkten.» (uby)

Er erinnert an die Erfolge der letzten zwei Jahrzehnte von pharmazeutischen Grossfirmen wie Roche und Novartis im Onkologiebereich mit enormen Durchbrüchen in der personalisierten Medizin, wie zum Beispiel Antikörpertherapien oder die Fortschritte im Bereich der Immuntherapien. «An diesem Punkt sind wir in den Neurowissenschaften auch. Hier werden sich in naher Zukunft bahnbrechende Möglichkeiten ergeben.» Das Besondere sei, dass der Patient im Mittelpunkt von dem stehe, was die Mitarbeitenden tun. «Nicht einfach ein Poster an der Wand. Die Leute sind sich schon bewusst, welche Rolle und welche Verantwortung sie haben für dieses Projekt und den Patienten, aber auch, welche Rolle Biogen in der sozialen Verantwortung für die Region und den Kanton spielt.»

Erfolg ist nicht gesichert

Markus Ziegler wiederum verweist auf die Zusammenarbeiten, die nötig sind, damit ein Produkt erfolgreich ist. «Da braucht es die Grundlagenforschung an den Unis oder in Kleinbetrieben, aber auch die finanzielle Potenz eines Grosskonzerns.» Ein Medikament zur Marktreife zu bringen, koste gegen 2 Milliarden Franken, aber der kommerzielle Erfolg sei nicht gesichert. Der finanzielle Erfolg stehe jedoch nicht an erster Stelle. Dazu erzählt Ziegler eine Anekdote: «Letzte Woche hat mich ein Bauarbeiter angesprochen und sich nach dem Alzheimermedikament erkundigt. Er fände es toll, hier zu arbeiten, denn ein Verwandter von ihm habe Alzheimer.»

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