Wie er so am Tisch sitzt, sein Gegenüber mustert und manchmal den Blick aus dem Fenster über die winterliche Landschaft schweifen lässt, wirkt er zufrieden, mit sich im Reinen. Er hat sich in seiner Wohnung, in einem ruhigen Quartier im Langendorf, und in seinem Leben gut eingerichtet. «Mir gefällt es unendlich gut hier», sagt er und strahlt.

Seit einem Jahr wohnt Kurt Beutler in der eigenen Wohnung, manchmal gemeinsam mit einem Wohnpartner, manchmal alleine. «Schon lange war es mein Wunsch, selbstständig zu wohnen.» Und dann hat es tatsächlich geklappt. Wobei: «Es war eine schöne Zeit im Wohnheim.» Drüben im Wohnheim Wyssestei der Solodaris Stiftung hatte Kurt Beutler zehn Jahre gelebt. Zu besonderen Anlässen geht er manchmal noch dorthin.

Mit Stimmen «vollgedröhnt»

Von seiner einnehmenden Ausstrahlung fühlt man sich als Besucher sofort gefangen. Das weisse lange Haar trägt er im Nacken zu einem Knoten zusammen gebunden. Ein Blickfang auch sein rosafarbenes T-Shirt. Die Zeit Ende der 60er-Jahre und die Hippiezeit der 70er-Jahre haben ihn geprägt. Er ist 67 und seit Anfang Jahr pensioniert. Zuvor arbeitete er während vielen Jahren in der Solothurner Altstadt im Restaurant Pfefferkorn, das von der Solodaris Stiftung getragen wird. Im Service, eine Aufgabe, die seinem offenen Naturell entgegenkam («Ich habe gerne Leute um mich herum»).

Wenn er aus seinem Leben erzählt, dann vor allem aus der Zeit davor. Vor seiner Krankheit. Mit 50 Jahren kamen plötzlich diese Stimmen. «Die haben mich vollgedröhnt.» Seine Gesichtszüge verdunkeln sich bei der Erinnerung daran. Wahnvorstellungen machten ihm zu schaffen. Begonnen hatte alles damit, dass er in der eigenen Wohnung glasklar die Stimmen der Nachbarn hörte. Bedrückend aber waren dann vor allem jene «bösen Stimmen». Noch tief sitzt jenes Erlebnis, als ihn diese eines Nachts aus der damaligen Wohnung in Kriegstetten trieben. Barfuss irrte er im Wald umher, spürt nicht, wie sich Dornen in seine Füsse bohrten.

Die Therapie in der Klinik war da eine grosse Erleichterung, auch das Leben im Wohnheim Wyssestei, wo Menschen mit einer psychischen Beeinträchtigung ein gutes Umfeld finden. Als die Krankheit sein Leben nicht mehr ganz so stark beeinträchtigte, meldete sich das Bedürfnis nach mehr Selbstbestimmung. Die Solodaris Stiftung unterhält neben den rund 100 Plätzen im Wohnheim auch eine ganze Reihe von Aussenwohngruppen, kleine Wohngemeinschaften, in denen insgesamt 45 Männer und Frauen wohnen.

Selbstständig, und doch nicht ganz alleine. Täglich schaut eine Betreuungsperson kurz vorbei, gibt Tipps und Unterstützung für den Alltag und ist auch einfach mal da für einen kleinen Schwatz über die Weltlage. Bei Kurt Beutler kommt meist gegen Abend Markus Scheidegger auf Kurzbesuch. Die beiden verstehen sich gut. «Ich bin froh, wenn jemand da ist, dann kann ich reden.» Scheidegger versteht sich als Begleiter. «Ich fördere eine möglichst grosse Eigenständigkeit, wo nötig biete ich Unterstützung.»

Tanz und klassische Musik

Hier in den eigenen vier Wänden scheinen für Kurt Beutler die Krankheit und die Krankheitsgeschichte weit weg zu sein. Es ist, als wenn er sein Leben wieder zurückbekommen hat. «Viele sagen mir, ich sei aufgeblüht.» Grosse Kraft haben die Erinnerungen an ein reiches Leben und einen eindrücklichen Werdegang. Als Kind verbrachte er im Winter jede freie Minute auf dem Eisfeld. Seine Leidenschaft gehörte dabei aber nicht etwa dem Eishockey, sondern dem Eiskunstlaufen. Bevor er seinen Berufswunsch als Balletttänzer verwirklichen konnte, absolvierte er auf Wunsch seiner Eltern, die Inhaber der ehemaligen Papeterie Beutler an der Gurzelngasse in Solothurn, eine Lehre als kaufmännischer Angestellter. «Und leider erst relativ spät», nämlich mit 19 Jahren, machte er am Opernhaus Zürich eine klassische Ballettausbildung.

Geklappt hat es trotzdem mit der Karriere. Während 15 Jahren war er festes Mitglied im Corps de Ballet am Opernhaus, ab und zu tanzte er auch in einer Hauptrolle. An unzählige Aufführungen wirkte er mit und kann so manche Anekdote aus jener Zeit zum Besten geben. Besonders stolz erzählt er, wie ihm Rudolf Nurejew, einer der besten Balletttänzer des 20. Jahrhunderts, seine Ballettschuhe geschenkt hat.

«Das war auch eine sehr tolerante Zeit damals», blickt er fast etwas wehmütig zurück. Da störte es niemanden, wenn er sich auch mal geschminkt und in Frauenkleidern in der Öffentlichkeit zeigte. In Zürich, oder auch in London. Offen lebte er seine Beziehungen mit Männern. Nach der Ballettkarriere kehrt er nach Solothurn zurück und arbeitete im Geschäft der Eltern mit.

Die klassische Musik und der Tanz prägen seither, und noch immer, sein Leben. Kaum verpasst er am Fernsehen eine Opern- oder Ballettaufführung. Wagner, Verdi oder Puccini gehören zu seinen Lieblingskomponisten. Und wenn möglich besucht er auch mal eine Live-Aufführung. Nicht nur in der Musik, sondern auch bei der Wahl der Literatur bevorzugt er grosse, anspruchsvollen Werke, «Krieg und Frieden» von Tolstoj hat er gerade in Arbeit.

Den Kopf lüftete er bei regelmassigen Ausflügen auf den Weissenstein aus. Oder, sobald es wieder wärmer wird, bei der Pflege seiner Blumen auf dem Balkon. Ein Hobby, das er mit der «sehr netten» Hauswartin der Siedlung teilt, und das zwischen den beiden immer wieder für Gesprächsstoff sorgt. Fix in seinem Tagesablauf eingeplant ist der nachmittägliche Besuch in der Stadt, wo er oft in der «Kaffeehalle» einkehrt. Kurt Beutler hat, heute, sein eigenes Leben.