Paraplegie
Trotz eindeutiger Diagnose: Dieser Solothurner lernte wieder zu gehen

Nach einem Aneurysma, einer fünfstündigen Operation am offenen Herzen und der anschliessenden Diagnose Paraplegie kann Christian Loose wieder laufen.

Rahel Meier
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Christian Loose im Paraplegikerzentrum Nottwil, wo er ausgezeichnet betreut und gefördert wurde, wie er selbst sagt.

Christian Loose im Paraplegikerzentrum Nottwil, wo er ausgezeichnet betreut und gefördert wurde, wie er selbst sagt.

Rahel Meier

«Auch wenn das komisch oder gar dumm tönt. Der Aufenthalt hier war die spannendste, interessanteste und lehrreichste Erfahrung, die ich je in meinem Leben gemacht habe.» Christian Loose sitzt während dieser Aussage im Restaurant im Paraplegikerzentrum in Nottwil. Die Krücken sind angelehnt an den Tisch, an dem auch sein Partner sitzt.

Es herrscht ein stetiges Kommen und Gehen: Patienten, aber auch Angestellte grüssen die beiden. «Als ich hier ankam, hiess es, dass ich bis Ende Februar bleiben muss», so Loose. Aber schon Mitte November kann er die Klinik verlassen.

Das hat er, wie er selbst sagt, einer ausgezeichneten Betreuung, und der Unterstützung durch seinen Partner, seine Familie und gute Kollegen und seinem festen Willen, wieder laufen zu lernen, zu verdanken. «Ohne Willen geht es nicht. Das habe ich hier jeden Tag gesehen. Man kann resignieren oder kämpfen.»

Der schicksalhafte Tag

Blicken wir zurück. Es ist der 16. August und der Geburtstag von Christian Looses Partner. Am Abend werden Gäste erwartet. Die beiden sind deshalb zu Hause und bereiten einiges vor. «Plötzlich hatte ‹Chrigu› Schmerzen und ein Stechen in der Brust und er atmete schwer. Ich habe die 144 gewählt und die Ambulanz wegen Verdachts auf Herzinfarkt alarmiert», so Hardy Jäggi. 15 Minuten später waren die Sanitäter da.

Schnell stellten sie fest, dass es kein Herzinfarkt war, nahmen Loose aber mit nach Solothurn zu weiteren Abklärungen. Wenig später war klar, dass es sich um ein Aneurysma handelt, das lebensgefährlich ist und nur durch eine sofortige Operation behandelt werden kann.

Loose wurde mit der Rega sofort nach Bern ins Inselspital verlegt und über fünf Stunden lang am offenen Herzen operiert. Als er am nächsten Morgen aus der Narkose erwachte, hatte er kein Gefühl mehr in den Armen und Beinen.

«Überall hatte es Apparate und Schläuche. Es blinkte und piepste», erinnert sich Jäggi zurück. «Die Ärzte erklärten uns, dass die nächsten 12 Stunden immer noch kritisch seien und die Gefahr bestehe, dass ‹Chrigu› sterben könnte.»

Die Ärzte in Bern prognostizierten Christian Loose ein Leben im Rollstuhl. Er kam auf die Warteliste und konnte schon am 23. August ins Paraplegikerzentrum in Nottwil übersiedeln.

«Der Anfang war hart. Ich wurde mitten aus dem Leben gerissen und hatte eine nicht einfache Prognose», erinnert sich Loose zurück. Er spürte zwar seine Beine nicht mehr, konnte aber schon kurz nach der Operation mit den Zehen am linken Fuss wackeln und diesen Fuss schon bald wieder anheben.

Trotzdem – in Nottwil lag er anfangs im Bett und konnte sich nicht bewegen. Das Schlimmste war, erinnert er sich zurück, dass er auch seine Darmfunktion nicht mehr im Griff hatte. Mit Therapien und Unterstützung durch das Pflegepersonal begann er den Weg zurück.

Vom Laufen geträumt

Ganz genau erinnert er sich an den 16. September. «In der Nacht habe ich geträumt, dass ich laufen kann.» Das sagte er am nächsten Morgen auch seiner Therapeutin. Diese nahm ihn ernst und führte ihn an einen Barren. «Da stand ich mit dem Rollstuhl vor diesem Barren, zog die Bremse an, zog mich hoch, stand irgendwie auf meinen Beinen und schlurfte ein paar kleine Schrittchen.»

In diesem Moment war klar: Es ist möglich, dass Christian Loose den Rollstuhl hinter sich lassen kann. Seine Therapie wurde komplett umgestellt: Steh- und Lauftraining waren angesagt. «Ich wurde extrem gefördert», so Loose. Sechs bis sieben Therapieeinheiten pro Tag forderten ihn.

Trotzdem hat er zusätzlich noch heimlich geübt. Wäre er dabei gestürzt, hätte man ihn erst am nächsten Morgen gefunden. «Aber ich wollte weiterkommen. Ich wollte trainieren. Ich wollte wieder laufen.» So hat er gemeinsam mit den Ärzten und den Therapeuten ausgehandelt, wie viel er zusätzlich üben darf und vor allem wo.

«Die Bedingung war, dass ich dort trainiere, wo sich Menschen aufhalten, sodass ich bei einem Sturz jederzeit Hilfe erhalten hätte.»

Schon sehr selbstständig

Zweieinhalb Monate nach dem Aneurysma und der Rollstuhl-Diagnose kann Christian Loose wieder gehen, muss aber noch die Stöcke zu Hilfe nehmen. Auch Auto fahren darf er offiziell wieder. «Ich beziehe mein Bett selber, ich hole Frühstück, ich bin absolut selbstständig.»

Das Wochenende verbringt er zu Hause in Recherswil. Sobald Loose wieder ganz zu Hause ist, will er mit Arbeiten beginnen. Als Aussendienstmitarbeiter hat er eine gewisse Flexibilität. «Ich habe schon von der Klinik aus den Kontakt mit meinen Kunden, so gut es ging, aufrechterhalten.» Die Frage sei, wie lange er sich beim Autofahren konzentrieren könne und wie lange die Kraft reiche.

Obwohl Christian Loose wieder gehen kann, hat er noch gewisse Einschränkungen. Nach wie vor spürt er nämlich seine Beine und den Bauch nicht. Das ist auch der Grund, wieso er die Stöcke benützen muss. «Ich muss mich darauf konzentrieren, die Füsse schön gerade hinzusetzen.»

Rolltreppe fahren, über Pflastersteine gehen – das muss alles komplett neu erlernt werden. «Ich habe zudem Probleme mit dem Gleichgewicht. Das ist eine Nebenerscheinung, mit der ich umgehen lernen muss.» Auch aufstehen, wenn er in die Knie geht, kann er nur mit Hilfe, oder wenn er sich abstützen oder hochziehen kann.

«Ich muss weiterhin in die Physiotherapie und es gibt viele Übungen, die ich zu Hause machen kann. Ich beisse mich durch und gebe mich nicht zufrieden, mit dem, was ich jetzt kann.» Loose hofft auch, dass das Gefühl irgendwann zurückkommt.

Positiv in die Zukunft

Christian Loose will zwar noch mehr, er freut sich aber über alles, was er schon erreicht hat. «Ich habe hier in Nottwil Menschen kennen gelernt, denen es, verglichen mit mir, wirklich schlecht geht.» Dass Christian Loose wieder gehen kann, ist auch für die Familie eine mehr als nur gute Nachricht.

«Mit dem Rollstuhl wäre es nicht möglich gewesen, im Haus zu bleiben», meint Hardy Jäggi. Der seinen Partner ab und zu etwas bremsen muss. Loose, ist nämlich auch schon dabei, die Travestieshow der NeverComeBackAirline im Januar und Februar zu organisieren. Herta Ottilie van Amsterdam, Lola Glitter und Mike Hitz sind wieder mit von der Partie.

Dazu kommt neu Miss Chantal aus Dresden. Iwett Duschuur will ebenfalls auftreten: In welcher Form ist zurzeit noch nicht ganz klar. Aber ohne Maître de Cabine geht es wohl nicht.

www.nevercomebackairline.ch

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