Händereiben. Es ist kalt drinnen in der ehemaligen Gaststube. Heisser Kaffee dampft aus Plastiktassen, der Platz wird eng. In der Küche bereiten Tibeter gefüllte Teigtaschen für die hungrigen Gäste zu, im einen Saal färben aufgeweckte Kinder Tiere aus dem Malbuch ein.

Das Kurhaus lebt wieder. Es öffnet seine Tore aber nicht für die Skifahrer, die sich am kleinen Tellerlift hochziehen lassen, sondern für all jene, die sehen wollen, wie es sich als neuster Bewohner des Balmbergs lebt – Flüchtlinge aus Syrien und Afghanistan. Zehn Familien wohnen derzeit im ersten Stock auf engstem Raum.

Es ist ein ungezwungener Anlass, zu dem der Kanton Solothurn eingeladen hat, und doch treffen Menschen aufeinander mit unterschiedlichen Rollen, Haltungen und Perspektiven. Ein Beschreibungsversuch.

Die Bewohner: Plötzlich kehrt Leben ein auf dem sonst gespenstisch ruhigen Berg. Das Postauto spuckt Menschen aus in dicken Jacken, mit Holzschlitten und Ski. Kinder rennen durch den Schnee. So viel Schnee … Ali blickt ungläubig aus dem Fenster, auf seinem Arm hält er seine dreimonatige Tochter. Mit glänzenden Augen starrt sie die fremden Gesichter an, die im ganzen Haus sind. Ihr Mund hinter dem Nuggi formt sich zu einem Grinsen. Auf der langen Reise von Afghanistan in die Schweiz hat sie das Licht der Welt erblickt. Jetzt ist sie im verschneiten Jura. Ob sie sich wohl jemals daran erinnern wird?

Etwas scheu begrüssen zwei Männer die vielen Gäste, sie sprechen ein wenig Englisch. Diese Woche sind sie mit ihren Familien ins Tannenheim eingeladen worden. Sie lauschten einem Konzert der Schulklasse, lachten, tanzten. Die Aussicht auf dem Balmberg ist schön, doch ist das neue Zuhause abgelegen, sehr weit weg von der Stadt. Manchmal ist es schwierig hier oben. Allein.

Die Betreuer: «So funktioniert Integration!» David Kummer blickt zufrieden in die Runde. Der Abteilungsleiter für soziale Sicherheit des Kantons Solothurn lobt den Effort aller Beteiligten, damit die Asylunterkunft im ehemaligen Kurhaus kurz vor Weihnachten überhaupt hat öffnen können. Er habe noch nie tosenden Beifall bei der Eröffnung einer Asylunterkunft erhalten. Diesmal zumindest aber die Unterstützung der umliegenden Gemeinden des Balmbergs. «Wir geben uns Mühe, diesen Goodwill nicht zu verspielen.» Die zwei anwesenden Polizisten und die beiden Fachleute der betriebsführenden Firma ORS nicken ernst, ihre Miene ist schwer zu lesen.

Aslybewerber kritisieren Unterkunft

Aslybewerber kritisieren Unterkunft

Die Besucher: Die Gemeinden Balm und Günsberg haben zur Spendenaktion aufgerufen. Zusammengekommen sind schiere Berge an Spielsachen und Kleidern. Nun übergeben sie einige den Flüchtlingen. Symbolisch. Würden die syrischen Kinder den ganzen Überfluss auf einmal sehen, wären sie wohl überfordert. Ein älteres Ehepaar aus Solothurn hat Memory- und Schwarzer-Peter-Karten mitgebracht. Eine andere Frau selbstgehäkelte Socken. Eine Mutter steht am Röti-Schlafsaal und zeigt ihren drei Buben die dicht aneinandergerückten Hochbetten. «Seht, diese Leute haben es nicht so gut wie ihr.»

Der Tag der offenen Tür öffnet Türen in eine andere Welt, eine andere Kultur und andere Lebensumstände. Die neuen Kurhaus-Bewohner wünschen sich nichts sehnlicher, als Teil der hiesigen Gesellschaft zu werden. Doch dieser Weg ist lang, um einiges länger als hoch auf den Balmberg und wieder zurück.