Bellach

SVP-Politfuchs Fritz Lehmann: «Ich wollte ein wenig provozieren»

Bellachs Vizegemeindepräsident Fritz Lehmann auf dem Muttenhof beim Hühnerstall. uby

Bellachs Vizegemeindepräsident Fritz Lehmann auf dem Muttenhof beim Hühnerstall. uby

Mit Fritz Lehmann (60) wurde ein untypischer SVP-Politiker zum Vizegemeindepräsidenten gewählt.

Es war ein einschneidender Vorgang, der Fritz Lehmann zurück in die politische Spur brachte. «Ich war schon früher für die FDP in Kommissionen. Die Politik schlief dann etwas ein», erklärt er. Aber als im Januar 2004 der Kanton an seine Haustüre klopfte und einen Teil seines Landwirtschaftslandes beanspruchte, da erwachte seine politische Kraft von Neuem. «Das chas doch ned si?»

Diesen Spruch (mit Fragezeichen und nicht mit Ausrufezeichen) kennt wahrscheinlich jeder, der dem Landwirt und Zaunbauer im politischen Alltag, sei es im Kantonsrat oder im Gemeinderat, in den letzten zwölf Jahren begegnet ist.

Damals wollte der Kanton sein Land, «beste Erde an der Aare», mit billigem Geld ablösen. Es sollte eine Ausgleichsmassnahme für die Solothurner Westumfahrung sein. «Ich kann mich gut erinnern. Meine Frau sagte, das sei unser Land.

Der Beamte kniete am Boden über die Pläne gebeugt, die Bise blies, es war kalt, und er erwiderte meiner Frau leichthin: Das Land werden wir selbstverständlich erwerben, Frau Lehmann.»

Fritz Lehmann musste mit Anwälten intervenieren, bis er wenigstens Realersatz in Form von Landwirtschaftsland erhielt. Das mehr als eine Hektare grosse Landstück, das er abtreten musste, diente der Renaturierung der Aare. Lehmanns politische Lehre daraus: «Landwirtschaftsland sollte dann einen anderen Wert erhalten, sobald es für Infrastrukturprojekte gebraucht wird. Es kann nicht sein, dass ein Stück Landwirtschaftsland, welches seit Generationen im Besitze einer Bauernfamilie ist, welche dieses auch mit viel Herzblut bewirtschaftet hat, dann einfach für wenig Geld hergeben muss.»

Kein Polteri

Seit 1992 als passives SVP-Mitglied kandidierte er 2004 für den Kantonsrat. «Ich wollte ein bisschen provozieren, mich auf die Hinterbeine stellen und zeigen, dass man mit mir nicht alles machen kann.» Er glaubte nicht, dass er gewählt würde, zumal 2005 der Kantonsrat von 144 auf 100 Sitze verkleinert wurde. Manch Prominenter schaffte es nicht mehr, aber der Fritz Lehmann aus Bellach wurde gewählt. «Ich kam auf den Geschmack und kandidierte auch für den Gemeinderat.» Auch das gelang.

Mit seiner direkten, offenen und ehrlichen Art, die nicht auf Parteipolitik, sondern auf seinen eigenen Erfahrungen gründet, weiss er zu gefallen. Nicht selten stimmte er gegen seine Fraktion. «Ich habe meine Herkunft nicht verweigert, sei es beim Flugplatz oder bei der Wasserstadt.» Kontakt habe er zu allen Parteien gesucht. Berührungsängste kenne er nicht. Und mit seiner Frage jeweils am Ende seiner Voten, «das chas doch ned si?», fordert er sein Gegenüber dazu auf, sich selber Gedanken zu einem Thema zu machen. Er will nicht einfach poltern, er will zum Denken anregen, auch wenn er das nicht so sagen würde.

Bei den letzten Kantonsratswahlen erreichte der heute 60-jährige Fritz Lehmann das beste Ergebnis im Bezirk. «Das verpflichtet, und ich habe manchmal schon die Befürchtung, dass ich den Erwartungen nicht gerecht werde.» Im kommenden Jahr wird Lehmann nicht mehr für den Kantonsrat kandidieren. Es sei eine Erfahrung gewesen, wie er sie sich nie hätte vorstellen können und die er nie missen möchte. «Als ich in die Politik einstieg, sagte mir ein alter Politfuchs, ich solle jetzt dann aufhören, mich über jede Kleinigkeit aufzuregen. Man kämpft, bis man gewonnen oder verloren hat, und dann geht man weiter zur nächsten Sache.»

Aber der Politfuchs habe ihm noch etwas anderes mit auf den Weg gegeben. «Wenn mir dann alles egal sei und ich mich nicht mehr aufrege, könne ich ebenso gut gehen.»

Wirklich besänftigt ist Lehmann demnach nicht, denn in der Gemeindepolitik will er weiterhin mitwirken. Hier hat er gerade wieder den Beweis für seine Beliebtheit erhalten, als er für das Amt des Vizegemeindepräsidenten kandidierte. «Ich dachte nicht, dass ich der einzige Kandidat sein werde.» Er wurde mit 700 Stimmen der über 900 Abstimmenden gewählt. Vielleicht auch, weil er etwas anders tickt, wie er sagt. «Wir leben heute in einer Gesellschaft, die mir persönlich etwas Angst macht.» Er meint den absoluten Materialismus in der Gesellschaft. «Es geit nume um de Chlotz.»

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