Die 5250 Einwohnerinnen und Einwohner von Bellach müssen bald mit nur noch einem Dorfarzt auskommen. Markus Berger verstaut das Stethoskop gegen seinen Willen in der Schublade. Gesundheitliche Gründe zwingen ihn dazu. Noch arbeitet er zu 20 Prozent. Aber Ende März ist endgültig fertig. Und dann beginnt das Problem für Bellach. Markus Berger ist die künftige Situation nicht egal.

Als er vor 30 Jahren in Bellach begann, war er der dritte Dorfarzt. «Dies bei weniger Einwohnern.» Schon damals hatte jeder der drei Ärzte genug zu tun, denn Patienten kamen auch aus Lommiswil, wo kein Arzt praktizierte. «Das ging lange gut. Wir vertraten uns in den Ferien. Aber vor einigen Jahren starb unerwartet der Arzt im hinteren Dorf. Dort wurde keine Nachfolge gefunden. Das Haus steht leer.»

Und nun also wird auch Markus Berger aufhören. Er hat das 65. Lebensjahr vor kurzem erreicht. «Eigentlich habe ich bei entsprechenden Fragen immer gesagt, dass ich noch ein paar Jahre weiterarbeiten will und mir nichts weiter dabei gedacht.» Heute müsse er sich eingestehen, dass dies eine falsche Haltung war. «Weil ich nie ans Aufhören dachte, bin ich jetzt zu spät mit einer gut vorbereiteten Übergabe. Ich hätte vor zwei, drei Jahren beginnen sollen zu sondieren.»

Markus Berger sucht bisher ohne Erfolg, was ihm zunehmend Sorgen bereite. Er will die Praxisräumlichkeiten nicht verkaufen, sondern vermieten. Diese sind an sein Wohnhaus angebaut. Bei einem Betriebsökonomen hat er Hilfe gefunden, etwa bei der Bewertung seiner Praxis. Zwei Interessenten meldeten sich bisher, die sich aber wieder zurückzogen. «Das läuft unter Chiffre. Wenn da als Praxisort nicht Zürich oder Bern steht, hat man kaum eine Chance.» Schwierig sei es, eine Einzelpraxis zu übergeben, sagt Berger. «Die Jungen haben Angst wegen der Kosten.»

Die Gemeinde will helfen

Markus Berger ist überzeugt, dass ein Arzt für die Grundversorgung der 5250 Einwohner nicht ausreicht. Er hatte deshalb den Gemeindepräsidenten Anton Probst kontaktiert. Dieser bezeichnet die kommende Situation für Bellach als tragisch. «Aber der Gemeinde sind im Einzelfall die Hände gebunden.» Klar ist für Probst, dass die Gemeinde im Rahmen der Legislaturziele bei der Suche nach Räumlichkeiten helfen oder auch Bauland abgeben könnte. «Wenn beispielsweise eine Gruppenpraxis aufgebaut werden soll.» Er ist überzeugt, dass dies künftig der einzige Weg ist, weiterhin praktizierende Ärzte im Dorf zu haben.

Die Leute würden sich daran gewöhnen, dass nur noch ein Arzt da ist, der einige Jahre jünger als er ist, so Berger. «Aber die Versorgung funktioniert nicht mehr lückenlos.» Als Beispiel nennt er die Lage seiner Praxis zwischen zwei Schulhäusern. «Oft schicken die Lehrer die Kinder nach kleineren Unfällen zu mir.» Er nennt auch die älteren Einwohner, die selbstständig auf Arztvisite gehen. «Ohne Praxis in der Nähe muss manchen jemand helfen, wenn sie den Arzt besuchen wollen. Etliche kommen gar mit dem Rollator. Das geht dann nicht mehr.»

Patienten nicht bevormunden

Dabei könnte sich der Bellacher Arzt über das gegenwärtige Wirtschaftsklima freuen und hätte sicher gerne weitergemacht. Seit 1. Oktober werden die haus- und kinderärztlichen Leistungen mit einem neuen Tarif finanziell aufgewertet. «Bundesrat Alain Berset ist der erste Bundesrat, der auf unserer Seite ist. Er hat erreicht, dass die Grundversorger besser dastehen.» Um so weniger Verständnis findet er, dass keine Nachfrage besteht. «Das Dasein als Dorfarzt ist sehr abwechslungsreich, ich könnte Bücher schreiben, über alles, was ich erlebt habe.» Dass es gleichzeitig manchmal belastend sein kann, wenn man innert kürzester Zeit lebenswichtige Entscheidungen treffen muss, will er nicht leugnen.

Eine Weitergabe seines Kundenstamms an Interessenten in der Stadt Solothurn kommt für ihn nicht infrage, auch wenn er profitieren könnte. Markus Berger will das nicht. «Das wäre für mich quasi das Ross am Schwanz aufgezäunt. Es löst nicht das Problem.» Die Leute sollen selber bestimmen können, wo sie ihre medizinische Grundversorgung holen wollen. «Und es soll hier an diesem Standort weitergehen.» Findet sich niemand, wird seine Praxis leer bleiben. Die Wahrscheinlichkeit ist eher gross, dass dies passieren wird. Für den Gemeindepräsidenten ist Berger als Dorfarzt ein Einzelkämpfer. «Einzelkämpfer sterben aus.» Markus Berger ahnt dies auch: «Wir sind Dinosaurier, die aussterben, wenn wir nicht schon ausgestorben sind.»