Selzach
Streit um Kirchturm: «Auf die Kirche gibt uns keine Bank Geld»

Die Meinungen zum Gemeindebeitrag an die Sanierung der katholischen Kirche gehen weit auseinander.

Urs Byland
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Der Turm und die Kirche der katholischen Kirchgemeinde sollen saniert werden.

Der Turm und die Kirche der katholischen Kirchgemeinde sollen saniert werden.

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Die Katholiken wollen ihre Kirche samt Turm sanieren. Ende November sind die Kirchgemeindemitglieder aufgefordert, eine Sanierung für 2,93 Mio. Franken gutzuheissen oder abzulehnen. Noch fehlen 1,3 Mio. Franken für die Finanzierung. Deshalb stellte die Kirchgemeinde auch ein Beitragsgesuch an die Einwohnergemeinde.

Die Diskussion im Gemeinderat drehte sich rasch um die Frage, ob die Einwohnergemeinde überhaupt einen Beitrag sprechen soll. Andere Gemeinden würden dies bei Sanierungen und Unterhalt, mit Ausnahmen, nicht tun, wie Gemeindepräsidentin Silvia Spycher (FDP) recherchiert hat. «Wir haben immer noch eine Trennung zwischen Staat und Kirche. Ein Beitrag ist nicht selbstverständlich», so Spycher. Erwähnt wurde, dass die katholische Kirchgemeinde auch Steuern einziehe. Würde die Gemeinde einen Beitrag leisten, gäbe es Steuerzahler, die zweimal zur Kasse gebeten würden.

«Wahrzeichen» von Selzach

«Andererseits», so Thomas Studer (CVP), «handelt sich bei der unbestritten nötigen Sanierung um eine Investition mit einer beträchtlichen Summe, welche die katholische Kirchgemeinde nicht selber stemmen kann.» Weiter wurde auf die einzigartige Stellung von Kirche und Turm im Zentrum von Selzach hingewiesen. Der Turm sei gar ein Wahrzeichen von Selzach. Sie werde von Protestanten und Katholiken genutzt und diene auch für kulturelle Veranstaltungen. Nicht zuletzt ist der Bauein seltenes Beispiel für eine Kirche, ausgestattet im neugotischen Stil. Diese wurde 1514 bis 1517 im spätgotischen Stil gebaut. 1867 wurde sie in einer Renovation im neugotischen Stil ausgestattet, beispielsweise mit einem Gewölbe statt einer Flachdecke. Weitere neugotische Elemente in der Ausstattung wurden in folgenden Renovation beschränkt, sollen jetzt aber wieder, soweit vorhanden, in die Kirche kommen. Der erste Bau, eine romanische Kirche, entstand gar im 12. Jahrhundert, wie Kirchgemeindepräsident Erwin von Burg, begleitet von Architekt Pius Flury, Solothurn, den Gemeinderäten stolz berichtete.
Wunschvorstellung schockt

Heftig wurde die Diskussion, als von Burg auf Anregung der Gemeindepräsidentin seine Wunschvorstellung, respektive die des Kirchgemeinderates äusserte. «Das erste, was man von weither von Selzach wahrnimmt ist der Turm. Wir haben uns gedacht, die Gemeinde könnte die Sanierung des Turms übernehmen.» Die Sanierung des Turms, von dem auch schon spontan ein Mauerstein heruntergefallen sein soll, ist auf beinahe eine Million Franken veranschlagt. Die Gemeindepräsidentin ihrerseits hatte im abzustimmenden Antrag vorgängig eine Summe von 200'000 Franken eingetragen. Max Heimgartner-Steiner (FDP) zeigte sich schockiert von der Wunschvorstellung der Katholiken. Die FDP brachte die Möglichkeit einer Gegenleistung ins Spiel, etwa mit dem Verkauf des Pfarrhauses an die Gemeinde, was aber von Burg kategorisch ablehnte, weil diese Liegenschaft als Sicherheit für eine Belehnung von Geldern für weitere Sanierungsobjekte, etwa die Kapelle diene. «Auf die Kirche gibt uns keine Bank Geld.» Angesichts der bevorstehenden Urnenabstimmung der Katholiken, so einigte man sich, wurde das Gesuch um einen Beitrag zurückgestellt. Die Abstimmung soll nicht beeinflusst werden. Sicher gewinnt man auch Zeit, um die noch unterschiedlichen Vorstellungen einander anzunähern.

Auch Gemeindehaus wird saniert

Das Budget 2018 präsentiert sich beinahe ausgeglichen. Eigentlich würde ein Minus vorliegen. Dieses soll aber mit der Auflösung der Rückstellung für den Finanzausgleich (720'000 Franken), der Auflösung von Aufwertungsreserven (685'000 Franken) und der Auflösung der Vorfinanzierung für die Doppelturnhalle (110'000 Franken) stark reduziert werden. Die Rückstellung für den Finanzausgleich erfolgte wegen der Rechnung 2016, als Selzach von einer zusätzlichen grossen Steuereinnahme überrascht wurde. Die durch den Finanzausgleich verursachten Mehraufwendungen betragen laut Gemeindeschreiber Mario Caspar 1,6 Millionen Franken. Prognostiziert wird ein Budget mit Steuereinnahmen von 11,2 Millionen Franken durch natürliche Personen und vorsichtig geschätzten 2,6 Millionen Franken durch juristische Personen. Die Aufwände liegen gesamt bei 17,588 Millionen Franken.

Netto sind Investitionen in der Höhe von 4,666 Millionen Franken geplant. Die grössten Projekte betreffen die Sanierung des Gemeindehauses (1,3 Millionen Franken) und den Neubau Kindergarten (2,7 Millionen Franken). Unerwarteterweise müssen im Reservoir Känelmoos die Keramikplatten saniert werden (0,3 Millionen Franken).

Der Gemeinderat hat ...

- dem Beitragsgesuch des Fördervereins Aare-Fähre für eine neue Fähre und Steg entsprochen und einen Beitrag von 30'000 sowie ein Darlehen von 20'000 Franken zugesagt;

- das Betriebsreglement der Kinderbetreuung und die Tarifordnung genehmigt. Die Tarifordnung soll noch an die Gemeindeversammlung kommen;

- die Abrechnung Erweiterung Sportplatz genehmigt. Vom Rahmenkredit über 1,7 Mio. Franken wurden 1'656'577 Franken beansprucht;

- der Platzierung eines Steinbrunnens unter den Linden in der Begegnungszone zugestimmt;

- einem Zusatzkredit für eine Nachzahlung Landerwerb GB 3369 Längstücki zugestimmt. Die Vermessung ergab eine um 645 Quadratmeter grössere Fläche. 74'175 Franken wurden den Verkäufern nachbezahlt;

- der Strombeschaffung für die ARA-Selzach auf dem freien Markt zugestimmt;

- dem papierlosen Gemeinderat zugestimmt und einen Nachtragskredit in der Höhe von 20'000 Franken zugestimmt. (uby)