Sie bewegen sich als operativer Chef des Stahlwerkes Gerlafingen in einem sehr umkämpften Markt. Wie fühlt es sich an, täglich ums Überleben kämpfen zu müssen?

Daniel Aebli: Das ist etwas überspitzt formuliert. Aber es stimmt: Der Wettbewerb ist hart, und die Aufhebung der Wechselkursuntergrenze Mitte Januar hat die Herausforderung nochmals akzentuiert. Ich habe mich für die Leitung entschieden und setze einen Weg fort, den meine Vorgänger begonnen haben. Ich versuche, das Beste für das Unternehmen und das Personal zu machen. So gesehen, ist die Führung des Stahlwerkes eine sinnvolle Aufgabe.

Haben Sie den Entscheid noch nie bereut?

Nein, zu keinem Zeitpunkt.

Damit verbunden sind auch schmerzhafte Entscheide. So haben Sie im Januar den Abbau von 28 Arbeitsplätzen angekündigt.

Solche Massnahmen bereiten niemandem Freude. Insbesondere deshalb nicht, weil wir eigentlich die Produktion und die Ertragskraft im laufenden Jahr steigern wollten. Aber der Entscheid der Nationalbank zwang uns, sofort zu handeln und den Rückwärtsgang einzulegen.

Ist der Abbau abgeschlossen und kam es auch zu Lohnkürzungen?

Die Restrukturierung wurde weitgehend umgesetzt. Der Abbau führte letztlich zu zehn Kündigungen. Lohnkürzungen wurden dagegen nach intensiven Gesprächen mit der Personalkommission keine vorgenommen. Man entschied sich, alle anderen Möglichkeiten zu eruieren, um die Kosten senken zu können.

Was heisst das konkret?

Wir haben intensive Gespräche mit allen Lieferanten geführt und intern weitere Sparmassnahmen realisiert. Insgesamt werden wir die Kosten jährlich um insgesamt 8 Millionen Franken senken können.

Dann wird Stahl Gerlafingen auf Betriebsgewinnstufe 2015 trotz starkem Franken schwarze Zahlen schreiben?

Ja, aber auf deutlich tieferem Niveau als geplant. Ursprünglich hatten wir einen operativen Gewinn von 21,7 Millionen Franken budgetiert. Neu rechnen wir mit einem Betriebsgewinn von 8,2 Millionen Franken. Das ist für ein Unternehmen unserer Grösse absolut ungenügend. Um Ersatzinvestitionen, Zinsendienst und Aufbau einer Reserve finanzieren zu können, brauchen wir einen operativen Gewinn von 15 bis 20 Millionen Franken. So gesehen ist 2015 für uns ein Übergangsjahr, um eine gute, nachhaltige Ertragsbasis zu erreichen.

Bei Stahl Gerlafingen beträgt der Umsatzanteil des vorab in der Schweiz verkauften Baustahls rund 80 Prozent. Warum hat der der starke Franken trotzdem so stark durchgeschlagen?

Unsere Konkurrenten produzieren in Euro. Deshalb mussten wir unseren Kunden in der Schweiz ab sofort einen Eurorabatt in der Höhe der Wechselkursdifferenz gewähren. Ansonsten hätten wir im Betonstahlbereich keine Tonne mehr verkauft, der Stahl wäre bei europäischen Stahlwerken bestellt worden. Diese leiden unter Überkapazitäten – beispielsweise wird im zehnmal grösseren Frankreich weniger Baustahl verarbeitet als in der Schweiz – und suchen aktiv neue Absatzmärkte . . .

. . . und kommen in die Schweiz?

Ja. Der Distanznachteil ist durch den Währungsvorteil mehr als wettgemacht worden. Hinzu kommt, dass die chinesischen Stahlwerke – die Hälfte der weltweiten Stahlproduktion erfolgt in China – vermehrt auf den europäischen Markt drängen. Grund: Das chinesische Wirtschaftswachstum und somit auch die Nachfrage nach Stahl schwächen sich ab. Der Druck auf den europäischen Stahlmarkt nimmt zu.

Der Eurokurs liegt aktuell bei 1.07 Franken. Haben Sie sich damit arrangiert, oder wo liegt die Schmerzgrenze?

Unter Berücksichtigung der erwähnten Verbesserungsmassnahmen zur Kostenreduktion würde uns ein Kurs von 1.12 Franken genügen, um den ursprünglich budgetierten Betriebsgewinn von 21,7 Millionen Franken zu erreichen. Das zeigt, dass wir es innert eines halben Jahres geschafft haben, die Euro-Schmerzgrenze von 1.20 auf 1.12 Franken zu senken. Eine sehr gute Leistung des gesamten Unternehmens.

Es ist aber nicht absehbar, dass der Wechselkurs bald diese Grenze erreicht. Ist deshalb mit einem weiteren Stellenabbau zu rechnen?

Nein. Im Personalbereich ist, was die Beschäftigung betrifft, keine Verschlechterung in Sicht. Eine weitere Senkung des Personalbestandes ist unmöglich, wenn dieselbe Leistung erwirtschaftet werden soll. Und es gibt keine Entscheide in diese Richtung. 2014 haben wir durchschnittlich, ohne Lernende, 505 Angestellte beschäftigt, dieses Jahr werden es 486 sein.

Wie viele Tonnen Stahl hat die Beltrame-Gruppe im ersten Halbjahr 2015 produziert?

Die ganze Beltrame Gruppe, die Besitzerin des Stahlwerkes Gerlafingen, hat in den ersten sechs Monaten 1,2 Millionen Tonnen Stahl gefertigt und 40 Millionen Euro Betriebsgewinn erzielt. Damit liegt man auf Konzernebene in allen Bereichen auf oder über Budgetkurs. Alle Werke sind gut unterwegs, die Herausforderung für Beltrame ist ganz klar der Standort Gerlafingen. Ich erhalte bei Gesprächen mit Banken oder Investoren im Ausland schon Rückmeldungen, was hierzulande eigentlich mit dem Werkplatz passiert. Es herrscht das Gefühl vor, die Schweiz tue wenig für einen wettbewerbsfähigen Standort für die Basisindustrie (siehe Artikel auf Seite 49).

Und wie hoch war das Volumen in Gerlafingen?

Wir haben insgesamt 356'000 Tonnen Bau- und Profilstahl produziert, budgetiert waren 377'000 Tonnen. Immerhin aber haben wir das Vorjahresniveau erreicht. Das heisst, die Nachfrage ist da, aber wir mussten im ersten Quartal während einigen Tagen mangels Schrottmaterial die Produktion einstellen respektive das Stahlwerk abstellen.

Warum haperte es mit der Rohstoffversorgung?

Das war indirekt auch eine Folge des starken Frankens. Wir konnten aufgrund der erwähnten Preisabschläge auf unseren Fertigprodukten nicht mehr gleich viel für den Rohstoff bezahlen. Das hat dann zu Lieferverzögerungen geführt. Im zweiten Quartal konnte das mit den Schrottlieferanten geregelt werden.

Wie sieht das Betriebsergebnis im ersten Halbjahr aus?

Wir haben ein Plus von 4,4 Millionen Franken erzielt, für das ganze Jahr erwarten wir 8,2 Millionen. Der Umsatz dürfte mit 340 Millionen Franken deutlich unter dem Vorjahr von 391 Millionen Franken liegen. Dies, obwohl wir absatzmässig das Vorjahresvolumen von 662'000 Tonnen erreichen werden. Das zeigt den Einfluss des starken Frankens deutlich.

Die Bauwirtschaft läuft zwar noch auf vollen Touren. Aber sind Sie auf einen absehbaren Abschwung vorbereitet?

Wir rechnen mit einem Rückgang. In der Schweiz werden jährlich gegen eine Million Tonnen Baustahl verarbeitet, und wir sind mit einem Anteil von fast 50 Prozent Marktführer. Wenn also die Nachfrage um fünf Prozent sinkt, ist das Marktvolumen immer noch sehr gross. Um das Klumpenrisiko zu reduzieren, haben wir ferner für 180 Millionen Franken in ein neues Walzwerk investiert, um den Anteil des Stabstahls am gesamten Volumen zu erhöhen. Da setzen wir Hoffnungen in eine konjunkturelle Erholung in Europa, was uns für Stabstähle und Träger neue Absatzchancen eröffnet. Ziel ist es, die vor zwei Jahren auf den Einschichtbetrieb zurückgefahrene Profilstahlproduktion wieder in einen Mehrschichtbetrieb zu überführen. Das Walzwerk kann einschichtig nicht rentabel genug betrieben werden.

Ist der Standort Gerlafingen mittelfristig gefährdet?

Nein. Eine Werksschliessung seitens unseres italienischen Mutterkonzerns Beltrame ist kein Thema. Ich habe als Mitglied des Konzernleitungskomitees einen relativ guten Einblick in die Geschäftsstrategie der Gruppe. Zwar ist die Schweiz wie erwähnt eine Herausforderung, aber gleichzeitig ist Gerlafingen fester Bestandteil und fest in den Konzern eingebunden. Eine Werksschliessung hätte einen starken Impakt auf die Gruppe. Man ist gegenseitig aufeinander angewiesen; Beltrame hat in den vergangenen Jahren über 200 Millionen Franken in das Werk investiert, und gleichzeitig sind wir im Bewehrungsstahl in einem gut laufenden Markt führend.

Was kann das Werk Gerlafingen selbst zum Erhalt des Standortes beitragen?

Unsere Aufgabe ist es, die Kosten auf ein Niveau zu senken, um ein genügendes operatives Betriebsergebnis zu erzielen. Intern werden wir zusammen mit der Belegschaft alle Hebel in Bewegung setzen. Das hat absolute Priorität.