Luterbach
Sprengung legt Turm auf künftigem Biogen-Areal in Schutt und Asche

Auf dem ehemaligen Borregaard-Areal werden ein Siloturm und eine Schnitzelfabrik gesprengt, um Platz für die Anlagen von Biogen zu machen. Zu Fall brachte die beiden Gebäude der Sprengmeister der Nation: Walter Weber.

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Bohrungen für den Sprengstoff werden durchgeführt
22 Bilder
Bohrungen für den Sprengstoff werden durchgeführt
Sprengstoff und Zünder
Der Sprengstoff wird in die Bohrungen eingeführt
Der Siloturm
Der Siloturm - vorbereitet für die Sprengung
Etliche Schaulustige liessen sich das Spektakel nicht nehmen
Sprengmeister Walter Weber
Interview mit dem Sprengmeister Walter Weber
Regierungsrat Roland Fürst löst die Sprengung aus
Ein Kameramann will das noch stehende Gebäude festhalten
Sprengung in Luterbach
Die Schnitzelfabrik kurz vor ihrem Sturz
60'000 Kubikmeter krachen zusammen
60'000 Kubikmeter krachen zusammen
60'000 Kubikmeter krachen zusammen
Die Gebäude liegen nach der Sprengung in Trümmern
Die Gebäude liegen nach der Sprengung in Trümmern
Die Gebäude liegen nach der Sprengung in Trümmern
Die Gebäude liegen nach der Sprengung in Trümmern
Die Gebäude liegen nach der Sprengung in Trümmern
Die Gebäude liegen nach der Sprengung in Trümmern

Bohrungen für den Sprengstoff werden durchgeführt

Hanspeter Bärtschi

Wasserwerfer springen an, eine Drohne hebt ab, der Sprengmeister, Walter Weber, braust auf einem violetten Mountainbike heran. Hinter den Absperrungen positionieren sich Polizei, Feuerwehr und Militär. «Wenn es noch Probleme gibt – jetzt melden», knattert es aus einem Funkgerät. Dann schallen fünf lange Signaltöne über das Borregaard-Areal in Luterbach und Baudirektor Roland Fürst tritt aus der Zuschauermenge. Er wird an diesem Freitag den Liftturm und das Hackschnitzelsilo der ehemaligen Zellulosefabrik sprengen. Per codiertem Fernzünder.

Das Areal wird geebnet für die international tätige Biotechnologiefirma Biogen. Denn für die Ansiedlung des Konzerns ging der Kanton eine Verpflichtung ein: Er muss das Gelände so übergeben, dass Biogen Ende dieses Jahres mit dem Bau einer Produktionsanlage für Medikamente beginnen kann. Deshalb wird der Regierungsrat den Knopf drücken – unter Beobachtung des Sprengmeisters, dem der Schweiss von der Stirn tropft.

Silo versinkt in der Staubwolke

Um 14 Uhr gibt Weber das Kommando: «Drei, zwei, eins Los!» Ein Knall. Zerberstendes Beton. Der 40 Meter hohe Turm kippt wie in Zeitlupe zur Seite. Und just als er am Boden aufschlägt detonieren die Zünder beim 60 Meter langen Hackschnitzelsilo. Der Boden bebt und der immense Betonklotz versinkt in einer Staubwolke. Die geladenen Gäste applaudieren, Bauarbeiter umarmen sich, doch Weber steigt umgehend auf sein Mountainbike – und verschwindet in der heranrückenden Staubwolke.
Er wird nun klären, ob die Sprengung wie vorgesehen abgelaufen ist. Erst dann wird er das Areal freigeben. Die verantwortlichen schlossen im Vorfeld Wetten ab: Bleibt das Silo in einem Stück oder zerfällt es in drei Teile? Weber setzte auf Letzteres.

Evakuierung der Anwohner

Die Sprengung dauerte Sekunden. Doch sie benötigte eine zweiwöchige, Vorbereitung. Und höchste Vorsichtsmassnahmen: Die Polizei sperrte die Aare, die Feuerwehr das Areal und die Armee installierte Wasserwerfer, um den Staub in Schach zu halten. Anwohner der unmittelbaren Umgebung mussten ihre Gebäude verlassen. Jene, die etwas weiter weg wohnen, waren angewiesen, vor der Sprengung Fensterläden oder Storen zu schliessen. Öffentlich wurde der Sprengzeitpunkt aus Sicherheitsgründen jedoch nicht kommuniziert.

Noch am Morgen trafen die Bauarbeiter letzte Vorbereitungen. Ein meterlanger Bohrer frisst Löcher in die Wände des Liftturms. Auf der Rückseite durchtrennt ein Sägeblatt die Eisenarmierungen. «Sonst würde der Turm trotz Sprengung nicht kippen», sagt Weber. Damit dieser auf die richtige Seite bricht, haben die Arbeiter bereits einen Keil vorbereitet. «Ähnlich wie beim Baumfällen», erklärt der Sprengmeister.

Vor den Medien demonstriert er, wie sie die Sprengsätze befestigen. Er schiebt eine Plastikschnur mit hochbrisantem Sprengstoff in das Bohrloch und befestigt den elektronischen Zünder – ein fingerlanges mit einem Chip versehenes Metallrohr. Geduldig posiert der 51-Jährige für Fotos und Videoaufnahmen der Journalisten. Er ist sich Medien gewohnt, erhielt er doch landesweite Aufmerksamkeit als er vor zwei Jahren in Aarau das Rockwell-Gebäude erfolgreich sprengte.

Selbst Bauarbeiter hatten Angst

Ein letztes Mal geht es nun noch ins innere des 1986 gebauten Silos. Eine aufgeschüttete Schotterrampe führt hinab. Die Seitenwände wurden entfernt, zig Eisendrähte ragen aus dem Beton. Auf der Südseite wird das ganze Gebäude nur noch von vier Stützpfeilern voller Sprengschnüre getragen. Rund 470 Tonnen drücken auf jeden Pfeiler. Zu viel Gewicht für die dünnen Pfosten? «Besser nicht Husten», meint Weber.

Gefährlich war es freilich nicht. Doch gegen Ende der Vorbereitungen hätten sich nicht mehr alle Bauarbeiter getraut, noch mehr Beton herauszuschlagen, wie von einem Verantwortlichen zu erfahren war. Vor allem jene, die sich Arbeiten an Sprengobjekten nicht gewohnt seien.

Es liegt in Schutt und Asche

Nach der Sprengung liegt das ehemalige Silo in Schutt und Asche – ein postapokalyptisches Bild. Insgesamt wurden 60'000 Kubikmeter Baumasse dem Erdboden gleichgemacht. Verbogene Rohre, Drähte, Trümmer, in die Höhe schiessende schiefe Wände voller Risse. Noch Minuten später dampft Staub aus dem Bauch der Ruine. Ein gutes Zeichen? «Es lief besser als gedacht», sagt Weber. Er rechnete ja damit, dass das Gebäude in drei Teile zerfällt. Nun seien es sogar noch mehr Stücke geworden. Insofern habe er die Wette gewonnen.