Selzach
Sportartikel verkaufen auf dem Lande funktioniert – Wie ist das möglich?

Urs Brotschi, der an der Bielstrasse in Selzach das Geschäft Bro-Sport führt, produziert industriell und individuell.

Urs Byland
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Urs Brotschi in seinem Sportladen, den er nun seit 25 Jahren erfolgreich führt.Hanspeter Bärtschi

Urs Brotschi in seinem Sportladen, den er nun seit 25 Jahren erfolgreich führt.Hanspeter Bärtschi

Hanspeter Bärtschi

Urs Brotschis «Bro-Sport» in Selzach ist ein Unikum. In den Städten schliessen die Fachgeschäfte für Sportartikel. Sein Geschäft an der Bielstrasse trotzt der wachsenden Konkurrenz, seien dies die Sportketten der Grossverteiler oder der Internetversand. Wie ist das möglich?

Serie Shoppen auf dem Land

Ein Geschäft in einem Dorf zu führen, abseits von Fussgängerfrequenzen einer Stadt, braucht Mut und … Ja, was braucht es noch? Wir haben uns umgeschaut und einige erfolgreiche und innovative Geschäfte gefunden, die auch mal einen Städter zu einem Landausflug verlocken. Was ist das Erfolgsrezept der Betreiber dieser Läden? Wir haben nachgefragt.

Wer die Verkaufsräume von Bro-Sport (Brotschi-Sport) an der Bielstrasse 8 betritt, muss sich zuerst orientieren. Denn der 57-jährige Urs Brotschi bietet auf 300 Quadratmeter Fläche ein sehr grosses Angebot an Sportartikeln für den Sommer- und den Wintersport. Ski, Skischuhe und Skikleider sind seine Hauptdomäne. Sein wichtigster Ratschlag in diesem Bereich ist, man soll ausprobieren, so viel als möglich. Vor allem die Schuhe müssen passen, und er weiss, wie man Schuhe anpasst. Das ist seine Leidenschaft. Aber auch bei den Ski kennt er sich mehr als gut aus. Sie standen am Anfang seiner Karriere in mehrfachem Sinne.

Als Junior fuhr er regionale Rennen für den Nordwestschweizer Skiverband. «Da lernte ich, meine Skis zu präparieren.» 1981, nach seiner ersten Lehre als Sanitär/Spengler, hatte er den Wunsch, Sportartikelverkäufer zu werden. In Solothurn machte er seine Lehre bei Bregger Sport. Unerwartet gab der Ladenbesitzer das Geschäft auf und gründete einige Häuser weiter an der Hauptgasse Embassy Sport, wo Brotschi seine Lehre beendete. Einige Monate später erhielt Brotschi von seinem Lehrmeister ein Telefon. «Er wolle den Laden schliessen und fragte mich, ob ich seine Ware übernehme.» 1986 zügelte Brotschi die Ware nach Selzach in seinen Keller und eröffnete in seinem Zuhause ein Geschäft. «Aber bald einmal verleidete mir das Geschäft, ich hörte auf und verkaufte alles.»

Glücklicher Wiedereinstieg

1992 verhalf Brotschi der Zufall zu neuem Glück. In Saas-Fee nahm er an der Allalin-Abfahrt teil, einem Langstreckenrennen. «Ich sah vom Streckenrand aus einem Skirennfahrer zu, der komisch Ski fuhr, und dachte mir, der könnte schon Ski fahren, aber er hat den falschen Ski.» Urs Brotschi hielt sich nicht zurück und gab dem Skiläufer einige Ratschläge. Daraus entwickelte sich ein freundschaftlicher Kontakt. «Nach einem Jahr fragte er mich, warum ich nichts mit Sport mache. Er hat mich wieder zurückgeführt und half mir als Banker, das Geschäft hier an der Bielstrasse aufzubauen.»

Bühnenmeister, Hüttenwart und Skilehrer

Urs Brotschi repariert aber nicht nur Velos oder schleift Skibeläge, er ist auch Bühnenmeister an der Sommeroper Selzach. Aktuell hält er unzählige Telefonate und organisiert für den «Fliegenden Holländer» diverse Dinge. Weiter hilft er bei der Wartung der Hütte des Skiclubs Selzach in der Nähe des Oberen Brügglis und führt auf dem Grenchenberg eine Skischule, wenn Schnee liegt. Im Dezember organisiert er zudem Skitests in Adelboden. All diese Aktivitäten verhelfen Brotschi zu potenziellen Kundenkontakten. «Das ist einfach so. Ich mache auch noch mit Schneider Reisen zweimal jährlich Skisafaris. Das bringt mir auch immer etwas für den Laden.» (uby)

Bis im Jahr 2006 mietete Brotschi an der Bielstrasse 8 auch noch die obere Etage hinzu und verkaufte auf zwei Stockwerken seine Sportartikel. «Die Lage ist gut. Dadurch muss ich weniger Werbung betreiben», so der Vater zweier Kinder und Grossvater von acht Grosskindern.

Ski schleifen am Roboter

Beim Rundgang durch das Geschäft erhält man einen Einblick in die vielen Bereiche von Brotschis Wirken. Ein Raum dient als Lager, entweder für die Winter- oder die Sommerprodukte je nach Saison. Daneben ist die Werkstatt für die Velos. «Das mache ich jetzt seit zwei Jahren. Ich habe das Geschäft von meinem Onkel übernommen, der altershalber aufgehört hat. Ich bin aber noch am Lernen.» Das Velogeschäft laufe gut, findet er. Lernen kann er bei einem befreundeten Velomechaniker, bei dem er ab und zu arbeitet.

Im nächsten Raum steht sein Roboter, ein Serviceautomat, der vollautomatisch Ski bearbeitet. Mit der Maschine werden Beläge präpariert und Kanten geschliffen. Die Maschine passt sich an die Breite der Skis an. Urs Brotschi präpariert 3000 bis 4000 Skipaare jährlich. «Nicht nur für mich, das mache ich auch für andere Sportgeschäfte.» Die Anschaffung ist nicht billig. «Den Mut muss man haben», kommentiert Brotschi.

In einem weiteren Raum werden Skis und Boards sowie Handschuhe, Brillen verkauft. Es folgt ein Bereich Outdoor und dann der Raum mit den Kleidern und Sportschuhen, Bags oder Helmen. «Laufsport ist eher zurückgegangen.»

Skischuhe individuell angepasst

Der Rundgang führt in den Raum mit den Mietskiern und den Skischuhen. Er vermietet für Erwachsene «Topski oder Rennski». Bei den Kindern ist das Angebot unterschiedlich. «Es hat günstigere Angebote, aber auch für sie hat es Rennski. Wir haben in Selzach wegen des Skiclubs noch viele Rennfahrer.»

Der anschliessende Schuhbereich ist das Herzstück seines Geschäfts. Er macht Schalenanpassungen, Innenschuhanpassungen, fertigt Einlagen an und passt die Schuhe an die Besonderheiten der Füsse an. Im Winter wird er von drei, im Sommer von zwei Verkaufspersonen unterstützt. Zusätzlich ist im Winter eine Person in der Werkstatt angestellt. Zum Geschäftsgang sagt Urs Brotschi nicht viel. Im letzten Winter sei die Schneelage gut gewesen, aber das Wetter nicht. Im vorletzten Winter sei es umgekehrt gewesen. «Es sollte mal beides passen. Aber das regionale Wintergeschäft ist schon wichtig. Wenn auf dem Balmberg oder dem Grenchenberg die Skilifte laufen, sogar wenn im Holz in Lommiswil hinten der kleine Skilift läuft, spüren wir das hier in unserem Geschäft sofort.»