Integration

«Spielen heisst lernen»: Wenn das Spiel Tür(ch)en öffnet

Heilpädagogin Franziska Affolter spielt mit den Kindern der Familie Hazzore aus Syrien Memory.

Heilpädagogin Franziska Affolter spielt mit den Kindern der Familie Hazzore aus Syrien Memory.

Franziska Affolter-Brosi, Heilpädagogin in Zuchwil, hilft lernschwachen Kindern auf die Sprünge – oft auch zu Hause bei Einwandererfamilien.

Am liebsten würde der kleine Rami stundenlang weiterspielen. Nicht Pokémon Go oder ein anderes Computergame. Nein, es ist die Frau mit den Memory-Karten, die er kaum ziehen lassen will.

Auch die Eltern des kleinen Buben fragen, wann sie das nächste Mal komme. «In einer Woche, oder? Sie wissen doch, Sie sind immer willkommen bei uns», sagen Kaftar Rashid und Mahmoud Hazzore und strecken Franziska Affolter-Brosi zum Abschied die Hand entgegen.

Das Paar aus Syrien weiss, wie gut die Stippvisite der Heilpädagogin ihren Kindern tut. Vor allem Mohammed und Jazan an der Schwelle zum Teenageralter sind nach den Besuchen jeweils aufmerksamer. «Und vor allem ruhiger», weiss Papa Mahmoud.

Vor fünf Jahren, kurz bevor in Syrien der Krieg losbrach, kamen Hazzores aus Aleppo in die Schweiz.

Besuch in den Wohnstuben

Franziska Affolter ist Heilpädagogin in den Kindergärten der Schulen Zuchwil. Sie betreut Kinder mit Lernschwierigkeiten, Entwicklungsverzögerungen und auffälligem Verhalten; dies nicht bloss während der drei Wochenlektionen pro Zuchwiler Kindergarten, sondern auch in diversen Wohnstuben.

Denn das familiäre Umfeld sei entscheidend dabei, ob ein Kind in seiner schulischen Entwicklung stehen bleibt oder den Lernstoff bewältigen kann. «Ein grosser Teil meiner Arbeit ist deshalb Familienarbeit.» Sie bezieht die Eltern mit ein, leistet falls nötig Hilfestellung für Alltagsprobleme.

Dann übersetzt sie ein E-Mail, erklärt, wo sich eine bestimmte Amtsstelle befindet oder über welche Angebote Zuchwil verfügt.

Der Fokus richtet sich auf den Nachwuchs. Denn sensibilisiere man die Eltern für die Probleme der Kinder, könnten diese oft besser bewältigt werden. Zurückgewiesen wurde die Mittdreissigerin an einer Wohnungstür noch nie.

Meistens haben die Eltern von Beginn an Vertrauen in ihre fachlichen Fähigkeiten. Wichtig sei die enge Zusammenarbeit mit den Kindergärten und der Schulleitung.

Oft sind es Einwandererfamilien, die vom Angebot profitieren. «Viele Migranten kennen die Angebote nicht, die Schweizer Familien selbstverständlich nutzen.» In Schweizer Familien stehen Memory, Leiterlispiel oder Puzzles ganz selbstverständlich in den Wohnzimmerregalen.

In anderen Kulturen sei das gemeinsame Spiel weniger ausgeprägt. Stattdessen werden Kinder nach draussen geschickt, vor dem Fernseher ruhiggestellt oder vom Computer unterhalten. So bewirkt Affolters Tätigkeit nicht in erster Linie, aber oft indirekt die wirksame Integration von Ausländern.

Die Schulen Zuchwil würden viel dafür tun, dass alle Kinder Zugang zu Büchern und Spielen haben. Das zeigt sich bei Hazzores. Der Sechstklässler Mohammed und der Fünftklässler Jazan haben inzwischen selber Spiele in der Gemeindebibliothek im kommunalen Kinder- und Jugendzentrum ausgeliehen.

Zudem darf Jazan nach den Sommerferien im FC Zuchwil einsteigen. Die Vorfreude lässt die Augen des Elfjährigen aufleuchten.

Es war die sechsjährige Ragad, die Franziska Affolters Aufmerksamkeit auf sich zog. Dank der Zusammenarbeit zwischen Kindergarten, der Heilpädagogin und der Familie machte das Mädchen Fortschritte in seiner Entwicklung. Die Eltern nahmen die externe Hilfe dankbar an.

«Für die Kinder ist es eine gute Abwechslung», lobt Mama Kaftar Rashid. «Wenn sie mit Frau Affolter spielen, denken sie mit, sind aktiv, wechseln die Perspektive.»

Lernen zu verlieren

Statt auf dem Handy herumzudrücken, interagieren die Geschwister an diesem Nachmittag. «Spielen heisst lernen», sagt Affolter. Leiterlispiel und Puzzles hätten viel mit Mathematik zu tun. Mit Regelspielen lernen die Kinder, sich an Vorgaben zu halten, zu warten oder zu verlieren.

«Und sie erweitern ihr Denkvermögen.» In anderen Spielen müsse man gemeinsam ein Ziel erreichen, kreativ oder schnell sein. Werte wie Zuverlässigkeit und Eigenverantwortung werden vermittelt.

Eigenschaften, die zu einer erfolgreichen Ausbildung und dem Berufsleben gehören. Zudem stärkt das Spiel die kognitiven Fähigkeiten.

Während Franziska Affolters Besuch flimmert der Fernseher in der Stube von Hazzores einsam vor sich hin. Die vier Kinder blicken konzentriert auf die Karten auf dem niedrigen Couchtisch.

Affolter lässt dem Spiel freien Lauf und beschränkt sich aufs Moderieren. Die Kinder benennen jedes Symbol auf der aufgedeckten Karte und erweitern ihren Wortschatz. Dabei wechseln sie fliegend vom Arabisch ins Deutsche.

Vor allem die beiden älteren Brüder sprechen fliessend Hochdeutsch. Es sei wichtig, dass die Muttersprache der Migranten nicht verkümmere, sagt die Fachfrau. «Sie sollen ihre Kultur pflegen und stolz sein darauf. Aber sie sollen ebenso offen sein für die Kultur der Schweiz und sich integrieren.»

Die Eltern der vier Hazzore-Kinder sprechen Deutsch. Für schwierige Gespräche wird ein Dolmetscher beigezogen.

Schlaf und gesunde Ernährung

Bei manchen Kindern reicht die spezielle Förderung nicht aus, um die Lernschwierigkeiten zu bewältigen. Dann werden Fachstellen wie der schulpsychologische Dienst, ärztliche Beratung, der psychiatrische Dienst oder die Kinderschutzbehörde zurate gezogen.

Manchmal reicht es aber bereits, den Eltern zu sagen, wie wichtig genug Schlaf und gesunde Ernährung für die Kinder ist. Gerade in Einwandererfamilien mit ausgeprägtem Gemeinschaftsleben komme es vor, dass bis spätabends Freunde oder Verwandte zu Gast seien. Konsequenz seien gähnende und unkonzentrierte Kinder am nächsten Schultag.

Ein anderes Problem sei die Arbeit der Eltern in Gegenschicht. Zwar sei immer ein Elternteil daheim, doch dieser sei oft zu erschöpft oder mit Hausarbeiten beschäftigt. «Dann haben sie Mühe, sich den Anliegen der Kinder zu widmen.»

Wenn nur noch Fernseher und Computer der Beschäftigung dienten, hemme das die gesunde Entwicklung der Kinder. «Sie brauchen Bewegung, müssen handeln, entdecken und spielen können», sagt Affolter. Zudem komme es vor, dass Kinder, die im Gegensatz zu den Eltern bereits Deutsch sprechen, sich diesen Vorteil zunutze machen und zu Hause bestimmen wollten.

Diese umgedrehten Hierarchien seien vor allem für Familienväter aus patriarchal geprägten Kulturen problematisch.

Bei Hazzores ist inzwischen die letzte Memorykarte aufgedeckt. «Ich will noch ein anderes Spiel machen», fleht Ragad. Doch Franziska Affolters Einsatz ist für diesen Tag zu Ende.

Im Idealfall spielen jetzt die Eltern mit den Kindern weiter. Schon bald wird die Heilpädagogin hier nicht mehr benötigt. Ragad kommt in die erste Klasse.

Ihre Arbeit sei vielfältig, sagt Franziska Affolter. Aber der Erfolg ist nicht immer direkt messbar. «Erfolg ist, wenn das Kind die Lernziele der Klasse erreicht, wenn es besser unterstützt und verstanden wird und Zugang zu Büchern und Spielen erhält.»

Einen untrüglichen Beweis für den Fortschritt gibt es dann doch; nämlich dann, wenn Franziska Affolter in einer Familie nicht mehr gebraucht wird.

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