Helsinki
Solothurner Lehrer erhielten Einblicke in das finnische Schulsystem

Mit Spitzenresultaten in allen Schulbereichen gilt Finnland als der Pisa-Testsieger schlechthin. Inwiefern mag dies am Bildungssystem liegen, und wo liegen die Unterschiede zur Schweiz? Das erkundeten Lehrer aus dem Wasseramt auf einer Reise.

Lea Reimann
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Die Lehrergruppe der Oberstufe Wasseramt Ost OWO lernte in Helsinki das finnische Schulsystem kennen. peter Gunti

Die Lehrergruppe der Oberstufe Wasseramt Ost OWO lernte in Helsinki das finnische Schulsystem kennen. peter Gunti

Lea Reimann

Eine Gruppe von Lehrpersonen der Oberstufe Wasseramt Ost (OWO) wollten schon längere Zeit dem finnischen Schul-Erfolgsrezept nachgehen. Deshalb beschloss man, im Rahmen einer Weiterbildung in Helsinki dem Phänomen auf den Grund zu gehen.

19 Lehrpersonen und der Schulleiter nahmen teil, eine Reise, die zu einem grossen Teil von jedem Teilnehmer selber finanziert wurde. Auf dem Programm standen Unterrichtsbesuche, Vorträge, Workshops und Kontakte mit Ausbildungsverantwortlichen.

19 Schullektionen entsprechen in Finnland einem Vollpensum. Im Kanton Solothurn sind es 29 Lektionen.

Die Unterschiede beginnen bereits bei der Ausbildung, erläuterte Didaktikprofessor Matti Meri in seinem Vortrag über die Lehrerausbildung. Wer in Finnland Lehrer werden will, muss sich bei Tests und Vorstellungsgesprächen bewähren und hat dabei ganz schön viele Konkurrenten und vor allem Konkurrentinnen.

Es gebe insgesamt mehr als genug Anwärter, welche die Ausbildung zur Lehrperson in Angriff nehmen wollen. Nur zehn Prozent davon können aufgenommen werden. Ob dieser Andrang mit dem hohen Ansehen zusammenhängt, welches der Lehrerberuf in Finnland noch geniesst? «Lehrpersonen werden als akademische Experten angesehen und respektiert», betonte auch Sabine Vilponen von der Universität Helsinki. Sie ist Mitarbeiterin des Palmenia Centre (siehe Box) und gestaltete das Besuchs-Programm der Wasserämter.

Einblicke in das finnische Schulsystem

Das Palmenia Centre for Continuing Education, eine Abteilung der Universität Helsinki, bietet sogenannte Educational Visits an. Dies vor allem, weil die Uni Helsinki nach den Erfolgen der finnischen Schülerinnen und Schüler in den Pisa-Studien von Anfragen aus dem Ausland geradezu überrannt wurde. Palmenia hat sich bereit erklärt, als Koordinator und Organisator solcher Educational Visits zu fungieren. Sabine Vilponen von Palmenia hat die OWO-Gruppe betreut und erklärt: «In der Vergangenheit durfte ich vor allem Gruppen aus den USA und Kanada, aber auch aus Asien betreuen.»
Finnische Schülerinnen und Schüler lieferten in den Pisa-Studien der OECD im Mittel weit überdurchschnittliche Leistungen. Mit Japan, Südkorea, Kanada und den Niederlanden gehörte Finnland zur Spitzengruppe und lag in allen Testgebieten auf einem der vier ersten Rangplätze. Das finnische Bildungssystem bekam deshalb grosse Aufmerksamkeit. Es ist aber auch darauf hinzuweisen, dass es in Finnland im Vergleich zu den meisten europäischen Ländern nur wenig Einwanderung gibt. Ausserdem herrscht eine Lesetradition, die bereits im kindlichen Alltag – etwa durch nicht synchronisierte Fernsehfilme mit Untertiteln – grosse Bedeutung erhält. (lre)

«Wir Lehrer sind nicht verantwortlich für Leistungen der Jugendlichen»

Vertrauen wird im finnischen Bildungsbereich überall gross geschrieben. Der grobe staatliche Lehrplan sei bloss eine Richtschnur und darf durch die einzelne Lehrperson mit sehr vielen Freiheiten ausgestaltet werden.

Keine Kontrolle, keine Inspektionen und vor allem: Keine flächendeckenden Quertests, welche die Leistungen der Kinder vergleichend messen.

«Wir Lehrpersonen sind nicht verantwortlich für die Leistungen und Erfolge der Jugendlichen. Die Jugendlichen selbst sind verantwortlich», erklärte beispielsweise Jaana Silvennoinen, zuständig für die Lehrerausbildung am Helsinki Normal Lyceum. Diese Schule fungiert als Praxisschule für angehende Lehrpersonen. Die Lehrpersonen der OWO konnten dort verschiedene Unterrichtsstunden besuchen, die ihnen einen wertvollen Einblick in den Schulalltag boten.

Gegenseitiges Vertrauen präge die finnische Kultur insofern, dass auch den Lernenden selbst sehr viel Autonomie übertragen werde. Dass die Klassen in der Sekundarstufe nicht auf verschiedene Niveaus aufgeteilt werden, führe sowieso dazu, dass alle ihrem eigenen, individuellen Lernplan folgen.

Eine heterogene Primarklasse bleibe in der Regel auch auf der Oberstufe zusammen. In diesem Sinne lebt Finnland die Integration, und zwar nicht erst seit den letzten Jahren.

Auch spezielle Förderung sei nicht «speziell», so Sabine Vilponen. Speziell sei vielmehr, wenn dieses Zusatzangebot in einer Schulkarriere nie genutzt wurde. Neben Lehrpersonen für «special education» bestehe nämlich auch für Klassen- oder Fachlehrpersonen die Möglichkeit, bei Bedarf bis zu drei Lektionen (bezahlten) Zusatzunterricht zu erteilen.

So könne man bei Problemen sehr schnell und unkompliziert, ohne langwierige Verfahren, eingreifen und unterstützen. Vorteilhaft sei auch, dass die Lehrpersonen die Klassen von der ersten bis zur sechsten, manchmal als Fachlehrperson sogar bis zur neunten Klasse begleiten.

So entstehen sehr enge Bezugspersonen. Neben ganz grundsätzlichen Gedanken und Ideen, wie Elemente des finnischen Schulsystems in unsere schulische Wirklichkeit übertragen werden könnten, erhielten die Lehrpersonen der OWO aber auch ganz konkrete Anstösse und Hilfen.

Padlet, VOKI, TodaysMeet oder Screencast-O-Matic heissen einige der im Internet frei zugänglichen Programme, die gerade im Sprachunterricht ideal eingesetzt werden können. Im Mathematikunterricht wird wert auf das entdeckende Lernen mit einfachen Hilfsmitteln gelegt, wie im Math-Wonderland demonstriert wurde. Im Medienzentrum der Stadt Helsinki konnten ausserdem faszinierende Szenen mitverfolgt werden: In einem professionell ausgerüsteten Fernsehstudio wurden Politiker von Schülern interviewt, welche von A bis Z selber für die Aufnahmen verantwortlich waren.

Bei all den Erfolgen des Systems ist auf eine äussere Bedingung hinzuweisen, die wohl auch ihren Einfluss auf die PISA-Resultate haben dürfte. Ein markanter Unterschied zur Schweiz betrifft nämlich den Anteil fremdsprachiger Kinder in Finnlands Schulen, unterstrich Vilponen mehrmals. So ist der Ausländeranteil in Finnland mit weniger als drei Prozent verschwindend klein. Fremdsprachige Kinder müssen zuerst ein Jahr lang eine Integrationsklasse besuchen, wo sie intensiv mit der finnischen Sprache vertraut gemacht werden.

Beeindruckt waren die Lehrpersonen der OWO vor allem vom Ansatz, dass die Lernziele von Schüler zu Schüler variieren und der Individualisierung und der Selbstevaluation des Unterrichts ein grosses Gewicht gegeben wird. Das alles braucht aber mehr Zeit, als man im regulären Unterricht zur Verfügung hat. «Deshalb kann dies nur geleistet werden, wenn man als Lehrperson weniger Unterrichtslektionen hat, wie dies in Finnland der Fall ist», sagt Adrian van der Floe, Schulleiter der OWO.

Finnische Lehrpersonen haben 30 bis 40 Prozent weniger Unterrichtslektionen als jene in der Schweiz. Auf der Sekundarstufe I entsprechen 19 Lektionen einem durchschnittlichen Vollpensum.

Im Kanton Solothurn entspricht das Vollpensum auf derselben Stufe 29 Lektionen. Spezielle Förderung, die bei uns nur bei leistungsschwächeren Kindern mit Förderplänen umgesetzt wird, erfolgt dort flächendeckend für alle Schüler.

Van der Floe sagt: «Veränderte Rahmenbedingungen erzeugen grundsätzlich mehr Kosten, sind leider im Umfeld der Defizite des Kantons kaum von heute auf morgen realisierbar.»

Sofort umsetzbar wäre jedoch die verbesserte Berufsausbildung der Lehrpersonen mit mehr Praxisbezug, so der Schulleiter. Die Weiterbildung in Helsinki war für die Lehrpersonen der OWO beeindruckend und ein voller Erfolg.